Eigentlich wollen wir nur alles richtig machen: Wir spülen den Joghurtbecher aus, kaufen Papier- statt Plastiktüten, greifen zum Tetrapak statt zur Plastikflasche – ist doch schließlich umweltfreundlicher. Aber stimmt all das wirklich? Und wissen Sie, was passiert, nachdem wir den Abfall fein säuberlich getrennt haben? Mit Mythen rund um unseren Müll startet ZEIT ONLINE in den Themenschwerpunkt "Leben im Wegwerfmodus". Darin folgen wir ab sofort den Routen des Abfalls, zeigen, was er mit Mensch und Tier macht und wie er sich besser vermeiden ließe.

1. Muss der Joghurtbecher ausgespült werden?

Gut gemeint, muss aber nicht sein. Bevor sie recycelt werden, werden Kunststoffe nämlich ohnehin noch einmal heiß gewaschen. Wer den Joghurtbecher ausspült, macht die Arbeit quasi doppelt und verschwendet unnötig Wasser. Wichtig ist aber, dass jegliche Art von Becher "löffelrein" ist. Ist noch der halbe Joghurt übrig, den also bitte wegkippen.

2. Ist es egal, wenn der Deckel noch am Becher klebt?

So einfach ist es nicht. Joghurtbecher oder Margarinepackungen bestehen aus Kunststoff, die Deckel hingegen aus Aluminium. Wenn die beiden Materialien nicht strikt getrennt werden, kann der Scanner einer Müllanlage sie nicht klar identifizieren. Dann würde der Joghurtbecher entweder aussortiert und nicht recycelt werden – oder das Aluminium würde mit den Kunststoffen zusammengeworfen. Ökologisch sei es sinnvoll, Becher und Deckel zu trennen, heißt es vom Bundesverband der Deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE): Metalle wie Aluminium verbrauchten in der Herstellung horrende Energie, das Recycling verbessere die Umweltbilanz enorm.

3. Briefumschläge mit Plastikfenster sind falsch im Altpapier

Ja. Zwar dürfen Briefumschläge oder Bäckertüten mit einem Kunststoffanteil grundsätzlich auch im Altpapier entsorgt werden. Aber je mehr wir nach einzelnen Materialien trennen, desto besser können Rohstoffe recycelt werden. Ziel ist es, einen Monostoffstrom zu erreichen, wie es in der Fachsprache heißt: Alle Stoffe sollen möglichst klar getrennt werden. Deswegen ist es auch keine gute Idee, in die leere Chipstüte vorm Wegwerfen noch Taschentücher, Essensreste oder anderen Müll zu stopfen – das erschwert die Trennung der einzelnen Materialien, und am Ende kann das Entsorgungsunternehmen möglicherweise nichts wiederverwerten. Achtung: Luftpolsterumschläge haben im Altpapier nichts zu suchen.

4. Sind Deckel im Altglas egal?

Okay, dieser Punkt ist kein reiner Mythos. Moderne Müllanlagen können Deckel oder Korken tatsächlich aussortieren. Trotzdem gehören die Verschlüsse, je nach Bundesland, eigentlich in den Gelben Sack oder in den Wertstoffcontainer. Denn mehr trennen, so viel haben wir ja jetzt schon gelernt, hilft immer.

5. Spielt die Farbe beim Altglas wirklich keine Rolle?

Das ist ein Irrglaube, der sich hartnäckig hält. Die Trennung von Glas nach Weiß, Grün und Braun hat durchaus einen Sinn: Nur so können die Behälter im selben Farbton recycelt werden. Wenn eine grüne Flasche in den Container für Weißglas gerät, verfärbt sich das Glas, während es für eine Wiederverwertung eingeschmolzen wird. Ein Recycling ist dann unmöglich, weil kein klares Weißglas mehr entstehen kann. Dass manche glauben, Glas müsse nicht nach Farben getrennt werden, hängt mit der Müllentsorgung zusammen: Wenn die Fahrzeuge die Container abholen, sieht es so aus, als landeten alle in derselben Kammer. Tatsächlich werden die Inhalte im Fahrzeug farblich sortiert. Das ist von außen nur nicht ersichtlich. Übrigens lohnt sich gerade bei Glas die Aufbereitung: Sie spart nach Schätzungen der Organisation hinter dem Grünen Punkt 30 Prozent Energie im Vergleich zur Herstellung ein.

6. Sind Flaschen immer besser als Dosen?

Grundsätzlich hat Glas einen wichtigen Vorteil: Es gibt keine Wechselwirkung mit dem Inhalt der Dose – es gelangen also keine Rückstände in das Essen. Das kann bei Plastik- oder Metallbehältern anders sein. Doch gerade Einwegglas, wie es zum Verpacken von Mais oder Oliven eingesetzt wird, hat eine katastrophale Umweltbilanz, weil die Herstellung und der Transport so viel Energie verbrauchen. "Deshalb schneidet es ökobilanziell eher schlechter ab als vergleichbare Verpackungen aus anderen Materialien wie etwa Metall", sagt Thomas Fischer, Leiter des Bereichs Kreislaufwirtschaft der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Trotzdem sollte man Glas seiner Ansicht nach nicht verteufeln: Mehrweggefäße aus diesem Material können bis zu 50-mal befüllt werden. Ziemlich gut aus Umweltsicht also.

7. Sind Papiertüten besser als Plastiktüten?

Dass die Papiertüte umweltfreundlicher sei als ihr Pendant aus Plastik, ist ein weitverbreiteter Mythos. "Am Ende ist es eine Wahl zwischen Pest und Cholera", sagt Fischer von der Umwelthilfe. Zwar stellt Papier anders als Plastik keine Gefahr für maritime Lebewesen wie Fische dar, weil es biologisch abbaubar ist. Doch die Herstellung verbraucht viele Ressourcen. Weil Papier schnell reißt, muss eine Tüte schwerer sein als ein Plastikbeutel. Dafür braucht es mehr Material – Fischer spricht von bis zu drei Mal so viel. Für die Herstellung bedarf es zudem nicht nur Energie und Wasser, sondern auch Chemie, um die Holzfasern für das Papier zu gewinnen. In diesem Prozess werden Chemikalien wie Natronlauge, Sulfite und Sulfat eingesetzt. Beim Ressourcenverbrauch schneidet die Papiertüte daher schlechter ab. Statt an der Kasse nach der Einwegtüte zu greifen, rät Fischer dazu, einen zusammenfaltbaren Mehrweg-Polyesterbeutel mitzunehmen: Der passe in jede Mantel- oder Handtasche, hält lange, verträgt Feuchtigkeit und kann daher x-fach wiederverwendet werden.

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Tüten mit Tücken

Tüten mit Tücken

Plastiktüten vermüllen Europa. Stoffbeutel oder Papiertaschen gelten als Alternativen. Doch wie ökologisch sind sie wirklich?

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Auslaufmodell kostenlose Tüte

Seit dem 1. Juli 2016 gibt es Plastiktüten kaum noch umsonst, um die Umwelt zu schonen. Mehr als 240 Unternehmen in Deutschland haben sich verpflichtet, Tüten nur gegen Gebühr abzugeben.

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Was ist das Problem?

Was ist das Problem?

Plastiktüten werden aus Polyethylen hergestellt, der Rohstoff dafür ist Erdöl. Sie halten mehrere hundert Jahre lang. Das hat Folgen.

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Der Strand als Deponie

Der Strand als Deponie

Da sich Kunststoffe erst nach 500 Jahren zersetzen, wachsen überall Müllberge. Die Abbaustoffe belasten Böden und Gewässer.

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Sie müssen drei- bis viermal wiederverwendet werden, um ökologisch besser zu sein als Plastiktüten. Sie sind also nicht per se besser. Ihre Zellstofffasern werden chemisch behandelt. Die Tüten müssen dick sein, um nicht zu reißen, wozu man viel Holz braucht. Weil Papier schwerer ist als Plastik, werden beim Transport mehr Emissionen freigesetzt.

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Besser als Naturfasern: Schon nach dreimaligem Wiederverwenden haben Kunststofftaschen eine bessere Umweltbilanz als Einwegtüten aus Neugranulat. Meist bestehen sie aus recyceltem Material von PET-Flaschen.

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8. Aber Getränkekartons sind schon umweltfreundlich, oder?

Genauso wie Papiertüten haben Getränkekartons einen guten Ruf. Das Unternehmen Tetrapak warb etwa lange damit, dass die hauseigene Verpackung besonders umweltfreundlich sei, weil sie aus Holz, einem nachwachsenden Rohstoff, bestehe. Klingt nachvollziehbar, ist aber – Verzeihung – Müll: "Getränkekartons gelten völlig zu Unrecht als umweltfreundlich", sagt Fischer. Nach Angaben der Umwelthilfe bestehen sie nur zu 70 Prozent aus Karton, der Kunststoffanteil hat in den vergangenen Jahren zugenommen. In einigen Fällen enthalte ein Getränkekarton mehr Plastik als Papier. Den Berechnungen der Fachleute zufolge wird nur jeder dritte Karton recycelt, nach Herstellerangaben sind es zwei von drei. Der Streit zwischen Umwelthilfe und Tetrapak zieht sich schon seit ein paar Jahren hin. Bereits im Jahr 2012 klagte die DUH erfolgreich gegen die Darstellung des Unternehmens, dass die Getränkekartons vollständig recycelt würden. Tetrapak sagt seitdem, die Produkte seien zu "100 Prozent recycelbar".

9. Gehören in die Gelbe Tonne nur Verpackungen mit Grünem Punkt?

Früher war das so. Mittlerweile hat sich diese Information überholt: Alle Kunststoffverpackungen gehören in den Gelben Sack. In manchen Regionen Deutschlands gibt es stattdessen oder zusätzlich dazu Wertstoffcontainer, in denen Anwohnerinnen und Anwohner nicht nur Kunststoffe, sondern auch Metalle entsorgen dürfen. Dass der Grüne Punkt oft mit der Gelben Tonne gleichgesetzt wird, hängt damit zusammen, dass er als erste private Firma in die Abfallwirtschaft einstieg. Weil damals noch nicht alle Hersteller Verpackungen wieder zurücknehmen mussten, wurde der Grüne Punkt auf jenen Produkten abgebildet, für die das schon galt. Seit 2009 ist das anders: Seither müssen alle recyceln. Abgesehen vom Grünen Punkt sortieren heute neun weitere Unternehmen unseren Müll.

10. Wird alles, was in die Gelbe Tonne kommt, auch recycelt?

Auch hier denken viele zu optimistisch. Leider wird nicht alles, was im Gelben Sack landet, wiederverwertet. Mit 49 Prozent fand 2015 nur knapp die Hälfte der Kunststoffabfälle eine neue Verwendung. Die andere Hälfte wurde verbrannt, wie eine Auswertung des Umweltbundesamts zeigt.

11. Stimmt es, dass am Ende eh alles zusammengeworfen wird?

Nein. Mülltrenn ist nicht hoffnungslos. Deutsche produzierten laut Umweltbundesamt zuletzt 18 Millionen Tonnen allein an Verpackungsmüll  (Stand: 2015). Immerhin 69 Prozent davon werden stofflich wiederverwertet, gelangen also in irgendeiner Form wieder als Verpackungen oder in anderer Form auf den Markt. Besonders hohe Recyclingquoten gibt es bei Glas (85 Prozent), Papier (86 Prozent) und Metall (92 Prozent). Das liegt auch daran, dass die Industrie diese Stoffe besonders gut gebrauchen kann.

In Zukunft müssen Unternehmen noch mehr recyceln: 2019 tritt ein neues Verpackungsgesetz in Kraft. Dann sollen sie 58,5 Prozent aller Kunststoffverpackungen aufbereiten, ab 2022 sogar 63 Prozent. Eine deutliche Steigerung: Bislang liegt die vorgegebene Quote nur bei 36 Prozent. Also trennen Sie weiter – mit diesem Wissen vielleicht sogar noch effizienter.

Wie sich Müll vermeiden lässt? Wie viel Plastik schon heute die Meere verdreckt? Und was man tun könnte, um sie wieder sauber zu bekommen? Lesen Sie ab sofort auf dieser Seite alles zu unserem Schwerpunkt "Leben im Wegwerfmodus".