Das hält der Wald nicht aus

Altmarkkreis Salzwedel

Juli 2017

Juli 2018

Aufgrund von Hitze und Dürre sind Wiesen und Äcker verdorrt. Das extreme Wetter gefährdet die deutschen Ernten – auch weil Landwirte kaum auf den Klimawandel vorbereitet sind. © Sentinel 2/ESA via Planet Labs

Dieser Sommer ist extrem. Seit Wochen ist es außerordentlich heiß, Niederschlag bleibt weitgehend aus. Äcker und Wiesen verdorren, fangen gar Feuer. Längst kämpft nicht mehr nur die Landwirtschaft gegen die Hitze. Auch Försterinnen und Förster fürchten um ihre Wälder. Denn selbst die trocknen aus, wie aktuelle Satellitenbilder belegen. Binnen weniger Wochen haben sich deutschlandweit große Flächen braun verfärbt. Das Waldbrandrisiko ist dieser Tage vielerorts hoch, wie eine Karte des Deutschen Wetterdienstes zeigt.

Es ist ein Ausnahmezustand – doch derlei wird es künftig häufiger geben. Aufgrund des Klimawandels ist hierzulande in den kommenden Jahrzehnten mit noch mehr heißen Tagen und Hitzeperioden zu rechnen. Daher sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler überzeugt: Extreme Trockenperioden gehören mittelfristig zu den größten Herausforderungen der Waldwirtschaft. Und sie raten: Um Deutschlands Waldgebiete gegen den Klimawandel zu wappnen, müssen wir sie umbauen.

Mit 11,4 Millionen Hektar ist knapp ein Drittel der Fläche Deutschlands mit Wald bedeckt. Mehr als 90 Milliarden Bäume wachsen hier, zuletzt wurden es jährlich mehr. Nun aber stehen so manche von ihnen wegen der Hitze und Dürre unter großem Stress. Vor allem Fichten, die ökonomisch wichtigsten Bäume, leiden. Kiefern ebenso. Ihr flaches Wurzelwerk wird ihnen zum Verhängnis, lebensnotwendiges Wasser bleibt aus.

Kurzfristig lässt sich daran kaum etwas ändern. "Außer man bewässert die Bäume stark", sagt Torsten Welle, Wissenschaftlicher Leiter der Naturwald Akademie, was aber praktisch nicht durchführbar beziehungsweise unwirtschaftlich sei. Langfristig hingegen lässt sich durchaus etwas tun. "Man muss naturferne Kiefern- und Fichtenwälder in dichte und artenreiche Laubmischwälder umbauen", erklärt Welle. Der Wald muss zur Großbaustelle werden. Zumindest teilweise.

Naturwälder sind das beste Vorbild

"Die natürlichen Waldökosysteme in Mitteleuropa bestehen überwiegend aus dichten artenreichen Laubmischwäldern", sagt der Geograf*. Er meint damit eine bunte Mischung aus Buchen, Eichen, Fichten und anderen Bäumen. "Diese Naturwälder leiden so gut wie nie unter Dürre oder Feuer", erklärt Welle, "da der Waldboden schattiger und damit deutlich kühler ist." Zudem gibt es dort in der Regel mehr Wasser in den Blättern.

Ganz anders sieht es beim Forst aus, also dem Wald, der von Menschen gepflanzt und gepflegt wird, damit sie später Holz ernten können. Dieser bestehe vor allem aus Fichten und Kiefern, Pflanzen, die ursprünglich aus Nordeuropa kommen und auf ein feuchtes, kühles Klima angewiesen sind. "Ihre Nadeln enthalten ätherische Öle, die bei Trockenheit leicht entflammbar sind", sagt Welle. Es sind diese Forste, die momentan besonders stark von Dürre und Waldbränden betroffen seien.  

Die Waldbrände in Schweden zeigen, dass die klassische Forstwirtschaft – wie in der Landwirtschaft – mit Monokulturen das Brandrisiko und Schäden durch Stürme deutlich steigert. Ein weiteres Beispiel: Im vergangenen Jahr gab es in Portugal heftige Forstbrände. Dort waren vor allem Monokulturen australischen Eukalyptus betroffen.

Größere Mischung, weniger Stress

Doch es geht anders. Auch in Forsten ließen sich klimatolerantere Arten pflanzen. Dazu zählen Eichen und Buchen, Tannen und Douglasien, wie Hans Pretzsch weiß, der an der TU München den Lehrstuhl für Waldwachstumskunde innehat. Im Kranzberger Forst erforscht er seit Jahren in einem Austrocknungsversuch die Auswirkungen des Klimawandels auf das Wachstum von Rein- und Mischbeständen aus Fichte und Buche. Sein Experiment zeigt deutlich, dass Mischwälder unter starkem Wassermangel weniger leiden als Monokulturen. Schädlinge können ihnen zudem weniger anhaben – ein wichtiger Punkt.

Außergewöhnliche Dürre in Deutschland

Mai

Juni

Juli

August

Gelbe Flächen sind ungewöhnlich trockene Gebiete, hellorange bedeutet moderate, orange schwere, rot extreme und dunkelrot außergewöhnliche Dürre. Stand: jeweils der erste Tag des Monats Quelle: Andreas Marx, Helmholtz Zentrum für Umweltforschung

So sind Forstschädlinge eine weitere, große Sorge der Waldforscher. Die Gründe sind vielseitig. Wird es wärmer, können Insekten und Pilze mehr Generationen innerhalb eines Jahres durchlaufen, beispielsweise der Buchdrucker, der vor allem Fichten befällt. Bei höheren Temperaturen können Schädlinge ihre Entwicklung zudem schneller abschließen – der Buchenprachtkäfer ist dafür bekannt – oder neue Lebensräume besiedeln, siehe Eichenprozessionsspinner (LWF aktuell: Petercord et al., 2009).

Um den Wald zu stärken, ist es wichtig, Bäume auszuwählen, die von Natur aus an einem Ort vorkommen könnten. Denn sie sind an das lokale Klima am besten angepasst, selbst wenn dies im Laufe der Jahre schwankt. "Das bedeutet beispielsweise: keine Kiefernforste in Niedersachsen, sondern Eichen- und Buchenmischwälder", erklärt Welle. Ebenfalls entscheidend für die Hitzebeständigkeit: auf kleiner Fläche viele Bäume unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Größe, die sich gegenseitig stärken; Bäche und Tümpel, die den Wald kühl und nass halten; Schneisen und Rückgassen, also schmale Forstwege, auf denen Erntemaschinen fahren, meiden, um der heißen Luft, die Waldbrände antreibt, keinen Platz zu bieten, und auf Waldarbeiten mit großen, schweren Maschinen verzichten, weil diese den Boden verdichten und Wasser so schwerer eindringen kann.

Fichtenwalde

Juli 2017

Juli 2018

Um Fichtenwalde wachsen vor allem Kiefern, die für Hitze besonders anfällig sind. Ende Juli hat es in der Region auf einer Fläche von 32 Hektar gebrannt. © RapidEye via Planet Labs

Wer allerdings Europa und Deutschland dieser Tage aus der Luft sieht, bekommt den Eindruck, für solche Maßnahmen wäre es mancherorts längst zu spät. Viele Flächen, die eigentlich grün sein sollten, sind jetzt braun gefärbt. Sind die Bäume und Wiesen bereits tot? "Nicht unbedingt", sagt Welle. "Die meisten Bäume ziehen das bisschen Wasser, welches sie noch haben, in den Stamm oder die Wurzeln zurück und werfen ihre Blätter oder Nadeln ab." Die Folge: Sie werden braun. Und die Bäume, die trotz dieser Schutzfunktion sterben, bieten als Totholz eine neue Lebensgrundlage für viele Pilze und Insekten. "Das ist ein Teil der natürlichen Selektion und damit der Anpassung an die Umwelt." 

Wärmeliebende Arten ziehen ein, kälteliebende wandern ab

Eine Herausforderung sind Dürre und Feuer derzeit bloß für jene Tiere, die nicht schnell genug sind, um den Flammen in Waldbrandregionen zu entkommen. Dazu zählen beispielsweise viele Insekten, Spinnen, Amphibien, Reptilien, Kleinsäuger. Erst mittelfristig sind auch jene betroffen, die auf Wasser im Wald angewiesen sind. Fledermäuse und Vögel, die Insekten jagen, welche sich im oder am Wasser vermehren.

"In der Vogelwelt und bei Säugetieren sind eher keine Veränderungen zu erwarten", sagt Hilmar Freiherr von Münchhausen, Geschäftsführer der Deutschen Wildtier Stiftung. Erst wenn der Wald zu licht, die bewachsene Fläche auf einen Bruchteil geschrumpft ist, könnten auch umherziehende Tiere wie Eulen oder Luchse eingeschränkt sein. Es gelte, Lebensräume zu schaffen und der Land- und Forstwirtschaft klarzumachen, dass sie die Interessen von Wildtieren besser berücksichtigt, sagt von Münchhausen. Langfristig, so fasst er zusammen, sei Folgendes zu erwarten: "Wärmeliebende Wildbienen oder Schmetterlingsarten ziehen bei uns ein, kälteliebende Arten wandern ab." Zumindest wenn genügend Lebensraum für sie vorhanden ist.

Mit extremen Wetterereignissen und den klimatischen Veränderungen werden sich Deutschlands Waldgebiete also verändern. So wie sie es schon seit Jahrhunderten tun. "Dabei ändert sich nur die Zusammensetzung der Baumarten", sagt Welle. "Vielleicht werden die Wälder lichter." So wie die Wälder am Mittelmeer, die seit Jahrtausenden gut zurechtkommen. Der Wald, er verschwindet nicht. Er erfindet sich neu.

Mitarbeit: Alsino Skowronnek

*Anm. d. Red.: An dieser Stelle stand zunächst "Das natürliche Waldökosystem…". Wir haben das korrigiert.