8. Tote Korallenriffe erholen sich über Jahrtausende nicht

Als Kippelement gilt auch die weltweite Zerstörung der Korallenriffe, "obwohl sie kein typisches Kippelement ist", sagt Mojib Latif, Professor am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (Geomar). Wird Ozeanwasser dauerhaft um 1,5 Grad Celsius wärmer, haben die Korallen keine Überlebenschance. Vielerorts, etwa am australischen Great-Barrier-Riff oder in den Riffen vor den Malediven und den Seychellen, sind die Korallen bereits tot. Neben dem Hitzestress setzt ihnen auch die Ozeanversauerung, die Meeresverschmutzung und stellenweise auch der Tourismus zu.

"Allerdings verstärkt das Korallensterben nicht wie andere Kippelemente die Erderwärmung", sagt Latif. Gemein mit diesen ist dem Korallensterben allerdings die Unumkehrbarkeit. Latif: "Tot ist tot, mit dramatischen Folgen für die Artenvielfalt und die Nahrungskette." Weltweit sind nämlich eine halbe Milliarde Menschen von intakten Korallenriffen abhängig.

9. Das ist nicht alles ...

Neben den bereits genannten machen Klimaforscherinnen und -forschern weitere Effekte Sorgen, die zu den Kippelementen gezählt werden. So weiß man erst seit jüngerer Zeit, dass Methan – ebenfalls ein Treibhausgas, das in der Atmosphäre zu mehr Erwärmung führt und Hauptbestandteil von Erdgas ist – auch aus den Tiefen der Ozeane vom Meeresboden aus an die Luft gerät. Dort liegt es umhüllt von erstarrtem Eis als Methanhydrat vor. Löst sich diese Verbindung durch Wärme auf, wird das Treibhausgas frei.

Außerdem gelangt zunehmend in den Ozeanen gespeicherter Kohlenstoff an die Luft und damit in die Atmosphäre. Die Ursachen dafür sind vielschichtig und wieder beschleunigen und verstärken sich diese Effekte selbst. Auch der Wechsel zwischen den Wetterphänomenen El Niño und La Niña im Pazifik verändert sich im Zuge der globalen Erwärmung besorgniserregend (hier ein Themenschwerpunkt dazu). Das hat Einfluss auf extremes Wetter, das schon heute in der Region heftiger und stärker ausfällt – auch wenn hier erst Datenreihen über Jahrhunderte hinweg den Zusammenhang mit dem Klimawandel werden belegen können.

Während es auf der einen Seite des Erdballs zu mehr Fluten und Stürmen kommt, drohen auf der Nordhalbkugel, vor allem im Südwesten Nordamerikas, immer ausgeprägtere Trockenphasen. Auch die Dürren dort zählen Klimaexperten zu den Kippelementen.

Klimawandel - Es ist schlimmer als bisher befürchtet Unser Planet heizt sich auf. Gletscher, Schnee und Dauerfrostböden tauen. Unser Video zeigt, wo Sie dem Klimawandel zuschauen können. © Foto: Zeit Online

10. Und wann kippt das Klima?

Während alle noch vom Zwei-Grad-Ziel reden und im Pariser Abkommen nur davon die Rede ist, dass man "Anstrengungen unternehmen" wolle, auch die 1,5-Grad-Marke nicht zu überschreiten, sagen Forscherinnen und Forscher schon heute, dass zwei Grad zu viel sein dürften. "Würde die Menschheit den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad begrenzen, wäre wohl sichergestellt, dass Kippelemente noch beherrschbar bleiben", sagt etwa Mojib Latif, Meteorologe und Vorstandsmitglied des Deutschen Klima-Konsortiums. Allerdings sei fraglich, ob das überhaupt noch zu schaffen sei. Nach Berechnungen der britischen Wetterbehörde Met Office ist die globale Durchschnittstemperatur bereits um ein Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter – Bezugspunkt ist das Jahr 1850 – gestiegen.

Derzeit befindet sich die Welt eher auf einem 3-Grad-Kurs.
Mojib Latif, Meteorologe vom Deutschen Klima-Konsortium

Mojib Latif hat allerdings wenig Hoffnung, dass ein 1,5-Grad-Ziel noch einzuhalten ist. "Dafür müsste die Weltwirtschaft in den nächsten 20 Jahren komplett umgekrempelt werden." Er erwartet, dass der Sonderbericht des Weltklimarates, der diesen Herbst veröffentlicht werden soll, dies deutlich benennt. "Derzeit befindet sich die Welt eher auf einem 3-Grad-Kurs."

Ist die Erderwärmung noch zu begrenzen? Lesen Sie mehr dazu auf unserer Themenseite zum Klimawandel.

Transparenzhinweis: Dieser Artikel ist in einer ersten Version im August auf ZEIT ONLINE erschienen. Im Anschluss an die Klimakonferenz in Polen wurde er aktualisiert und noch einmal veröffentlicht.