In der Nacht zu Donnerstag soll der Satellit Aeolus vom Weltraumbahnhof in Kourou abheben – einen Tag später als geplant (die Esa überträgt hier live). Seine Aufgabe: im Auftrag der europäischen Raumfahrtbehörde bis zu vier Jahre lang globale Windströme detailliert vermessen. Anne Grete Straume ist die ESA Wissenschaftlerin der Mission. Im Interview erklärt sie, wie der Satellit Winddaten sammeln und damit Wettervorhersagen verbessern soll.

ZEIT ONLINE: In wenigen Stunden, nach derzeitigem Plan um 23.20 Uhr deutscher Zeit, soll der Aeolus-Satellit in den Weltraum starten. 16 Jahre lang haben Sie auf diesen Moment hingearbeitet. Aufgeregt?

Anne Grete Straume: Allerdings. Auch weil wir mit der Mission etwas vollkommen Neues ausprobieren: nämlich rund um die Uhr, rund um die Welt Windprofile von der Erde zu erstellen. Wir messen also wie sich die Windgeschwindigkeit mit der Höhe verändert in Blickrichtung des Satelliten.

ZEIT ONLINE: Die erhobenen Daten sollen auch Wettervorhersagen verbessern. Es gibt doch aber bereits Wetterballons, und Europas Projekt Meteosat beispielsweise hat mehrere Satelliten auf Umlaufbahnen um die Erde. Warum braucht es nun noch so eine Messstation im All?

Straume: Es gibt bereits viele Daten, das stimmt. Derzeit werden fast eine Million Windmessungen innerhalb von 24 Stunden durchgeführt. Mit Aeolus kommen etwa acht Prozent dazu. Das klingt nicht viel, aber der Satellit wird entscheidende Lücken füllen. Wetterballons beispielsweise steigen nur von einzelnen Messstationen empor, von denen sich die meisten auf der Nordhalbkugel befinden. Zwar gibt es Satelliten, die die Wolkenbewegung verfolgen, und vereinzelt messen sie auch Winde knapp über der Meeresoberfläche. Aber in den Bereichen dazwischen und darüber gibt es bislang keine Windmessungen – ebenso wenig über der Südhalbkugel, den Tropen oder über weiten Teilen der Ozeane.

ZEIT ONLINE: Klingt herausfordernd für einen einzelnen Satelliten …

Straume: Das ist es. Aber trotzdem gut machbar. Er braucht 90 Minuten für eine Runde um unseren Planeten, in einem Tag zeichnet er dabei 16 Erdumdrehungen auf – und damit alle Winde vom Boden bis 30 Kilometer darüber. Oder er nimmt die Daten von Wolken bis in 30 Kilometer Höhe auf. Und das rund um den Globus. Jeden Tag bewegt der Satellit sich ein Stück weiter, sodass er innerhalb einer Woche nahezu die ganze Erde vermessen hat. Die kurzfristige Prognose für Gebiete mit vielen anderen Beobachtungen, zum Beispiel für Europa, wird Aeolus also nur bedingt verbessern können. Wohl aber die für die kommenden sieben oder zehn Tage. Langfristige Wettervorhersagen werden also bald genauer.

ZEIT ONLINE: Auch Klimamodelle sollen dank des neuen Satelliten künftig noch aussagekräftiger werden. Wie das?

Straume: Die Satellitendaten sollen helfen, globale Windsysteme wie einen Monsun oder den Jetstream zu verstehen. Wie interagieren Temperatur, Druck, Feuchtigkeit, Wind und Wolken miteinander? Wie ist die Wechselwirkung zwischen der Atmosphäre und dem Boden? Wie wirken sich die beobachteten Prozesse auf Wetterphänomene wie El Niño aus? Wenn wir die heutigen Ereignisse in der Atmosphäre besser beschreiben können, lassen sich Klimamodelle präzisieren und damit treffendere Szenarien entwickeln. Wichtig ist dabei: Wir messen nun nicht drei Jahre lang und anschließend ist alles zu 100 Prozent genau – aber wir liefern einen kleinen Beitrag, um die Modelle genauer zu machen.


In einem Video erklärt die europäische Weltraumorganisation Esa das Windsystem der Erde.

ZEIT ONLINE: Möglich machen soll das Aladin, das wichtigste Instrument an Bord. Was ist daran so besonders?

Straume: Am Boden besitzen einige Wetterstationen solche Geräte schon. Aber Aladin, kurz für Atmospheric Laser Doppler Lidar Instrument, wird das erste Instrument seiner Art im Weltraum sein. Besonders ist, dass wir nicht das Licht der Sonne nutzen, um die Winde zu bestimmen, sondern mit einem Laser eigenes Licht in die Atmosphäre schicken – rund um die Uhr, rund um die Welt. Dort wird es von umherfliegenden Teilchen wie Luftmolekülen, Staubpartikeln und Wassertröpfchen gestreut. Das zurückgestreute Licht messen wir. Indem wir die Farbe des Lichts, also die Frequenz, bestimmen, können wir auf Bewegungen der Luft schließen. Unsere Windgeschwindigkeitsprofile sind bis zu einen Meter pro Sekunde genau.