Auf dem Balkon beim Wochenendfrühstück, im Freibad beim Anstehen an der Pommesbude und in der freien Natur beim Picknick schon eh: Überall bekommt man derzeit summenden Besuch von Wespen, scheint es. Warum das so ist und wie man mit diesen Vertretern der Ordnung der Hymenoptera (Hautflügler) in friedlicher Koexistenz lebt, erklärt die Biologin Melanie von Orlow. Sie ist Sprecherin der Fachgruppe zum Hymenopterenschutz des Nabu Berlin. 

ZEIT ONLINE: Frau von Orlow, es ist August – und damit der Monat, in dem es jedes Jahr die meisten Wespen gibt. Was haben wir nach diesem überdurchschnittlich heißen und trockenen Sommer noch zu erwarten?

Melanie von Orlow: Was noch kommt, ist schwer zu sagen. Wichtig ist der Frühjahrsverlauf, und der war dieses Jahr sensationell gut für die Wespen. Keine Schafskälte, keine Gewitter, keine Überflutungen. Jedes Nest, das von einer Königin gegründet wurde, ist durchgekommen. Bisher war es ein gutes Wespenjahr, aber das kann sich immer noch ändern. Sollte beispielsweise eine Schlechtwetterperiode kommen, dann würden viele Wespennester regelrecht ertrinken.

ZEIT ONLINE: Gibt es dieses Jahr also mehr Wespen als in anderen Jahren?

Melanie von Orlow ist behördlich bestallte Umsiedlerin streng geschützter Hautflügler und wurde bereits mehrfach für ihren Einsatz zum Schutz der Insekten ausgezeichnet. © privat

Von Orlow: Das kann man so nicht sagen. Populationsstudien, die mehrere Jahrzehnte umfassen, gibt es kaum. Man sieht immer wieder Schwankungen und gute und schlechte Jahre. In Berlin war zuletzt 2003 ein so starkes Jahr.

ZEIT ONLINE: Zumindest wirkt es so, als seien gerade sehr viele Wespen in der Luft. Insbesondere kleine Exemplare, die aggressiv ankommen und scheinbar besonders auf Grillgut fliegen. Was sind das für Tierchen?

Von Orlow: Die genaue Identifikation von Wespen anhand der Körpergröße ist kaum möglich. Außer bei der Hornisse, denn die sind deutlich größer – ab drei Zentimeter handelt es sich meist um eine Hornisse. Ansonsten ist die Bestimmung der Art extrem schwierig, nicht nur die Größe, auch die Farbe kann variieren. Der Eindruck aber täuscht, dass die Tiere aggressiv sind. Das sind sie nicht außerhalb des Nestbereichs. Während wir gerade telefonieren, sitze ich im Eiscafé, eine Wespe schwirrt um mich herum und macht genau das, was viele Leute als aggressiv wahrnehmen. Sie fliegt in Bögen vor den Augen, vor den Ohren, vor dem Eis hin und her. Das ist keine Aggressivität, sondern der normale Suchflug der Wespe, so fliegt sie auch zwischen Grashalmen. Sie sieht erst scharf, wenn sie schnell fliegt – und jetzt hat sie wohl etwas entdeckt, das sie genauer anschauen will.

ZEIT ONLINE: Und der Eindruck, dass Wespen, die einen umschwirren, ausgerechnet auf Augen und Mund zufliegen – stimmt der?

Von Orlow: Ja, das kann schon sein. Augen und Mund sind interessant, weil sie sich farblich von der Haut abheben. Außerdem kommen aus dem Mund Gerüche. Wenn man gerade etwas gegessen hat, nehmen die Wespen das wahr und gucken sich das gerne aus der Nähe an.

ZEIT ONLINE: Wenn man das nicht möchte, was macht man dann am besten?

Von Orlow: Man kann ruhig mit der Speisekarte wedeln. Nur darf man die Wespen nicht zusammendrücken. Und sie anzupusten ist auch sehr ungünstig. Denn damit schaffe ich warme, feuchte Luft, die voller Kohlenstoffdioxid ist, und das ist genau die Atmosphäre, die in einem Wespenvolk entsteht, wenn es gestört wird und sich aufregt. Außerdem signalisiere ich damit, dass ich ein Lebewesen bin. Davor war ich nur ein interessantes Ding – wie ein Stuhl oder ein Tisch. Mit dem Pusten demonstriere ich, dass ich lebe und potenziell eine Bedrohung bin. Damit wird ein Stich natürlich wahrscheinlicher.

Ökologie - Hier kommt die Biene in den Sauger Käfer, Wespen, Heuschrecken: Was aus einem Ökosystem wird, wenn Insekten seltener werden, erforschen Biologinnen und Biologen in Jena – mit teils erstaunlichen Methoden. Eine Videoreportage © Foto: Sven Kästner