Seit 30 Jahren sind polychlorierte Biphenyle, kurz PCB, in den meisten Ländern verboten. Seit 2001 sogar weltweit. Und doch wird die chemische Verbindung in den kommenden Jahrzehnten das Überleben von Meeressäugern wie Großen Tümmlern, Streifendelfinen oder Schwertwalen gefährden. Letztere reagieren so empfindlich auf die Chemikalie, dass langfristig nur die Hälfte aller Gruppen überleben könnte. Das stellten Meeresforscherinnen und -forscher nun in einer Studie fest (Science: Desforges et al., 2018).

PCB ist eine organische Chlorverbindung, die in den Achtzigerjahren in Farben, Weichmachern oder Transformatoren verwendet wurde. Mit der industriellen Verwendung gelangte der Stoff in die Umwelt, in das Grundwasser und schließlich in die Ozeane. Das ist problematisch, weil PCB giftig ist, bei häufigem Kontakt wahrscheinlich Krebs auslöst, nur sehr langsam abgebaut wird und sich im Gewebe anreichert.

Insgesamt hat das Team um Jean-Pierre Desforges von der dänischen Universität Aarhus für die aktuelle Studie Gewebeproben von 351 Orcas untersucht. Besonders belastet sind demnach Populationen, die in der Nähe von Industrieregionen leben. Anhand der Belastung verschiedener Bestände simulierte das Team in einem Modell deren Entwicklung für die kommenden 100 Jahre. Resultat: In 10 der insgesamt 19 untersuchten Populationen bedroht das Umweltgift das dauerhafte Überleben.

Am stärksten belastet sind Tiere an der Spitze der Nahrungskette. Im Fettgewebe von Schwertwalen (Orcinus orca), auch Orca genannt, fanden sich den Forschern zufolge Konzentrationen bis 1.300 Milligramm pro Kilo. Andere Studien hatten zuvor gezeigt, dass bereits Werte von 50 Milligramm pro Kilo die Fruchtbarkeit und das Immunsystem der Tiere schädigen könnten. Zu welchem Ausmaß ist noch nicht abschließend geklärt, doch es gibt Hinweise.

Unfruchtbarkeit und schwache Immunabwehr

So hatten Forscher für eine frühere Studie beispielsweise Daten zum PCB-Gehalt im Fettgewebe von mehr als 1.000 gestrandeten Schwertwalen und anderen Delfinen gesammelt, um zu untersuchen, in welchen Gewässern die Tiere besonders mit PCB belastet sind (Scientific Reports: Jepson et al., 2016). Die höchsten Konzentrationen fanden sich in den Bewohnern des westlichen Mittelmeers rund um die Iberische Halbinsel. Auffällig: Gerade dort bekamen die Säuger selten Nachwuchs. Der Epidemiologe Paul Jepson, der sowohl an der aktuellen Studie mitwirkte als auch an der von 2016, stellte damals fest, dass einige Populationen über einen Zeitraum von zehn Jahren nicht einmal Nachwuchs zur Welt brachten. Die Kälber, die es gab, hatten nur geringe Überlebenschancen.

Eine Untersuchung von Ringelrobben in Gewässern rund um Skandinavien und das Baltikum wiederum zeigte bereits 1976, dass sich die Gebärmütter der Weibchen krankhaft veränderten, wenn sie stark mit PCB oder Dichlordiphenyltrichlorethan, kurz DDT, belastet waren (Ambio: Helle et al., 1976). Und Jepson lieferte mit einem Team bereits 2009 Informationen darüber, wie verbotene Chemikalien das Immunsystem von Schweinswalen schädigen (Environmental Toxicology and Chemistry: Jepson et al.).

Die neue Studie zeigt jetzt erstmals, wie die PCB-Belastung den Orcapopulationen weltweit langfristig schaden kann. "Schwertwale florierten einst in allen Ozeanen der Welt. Heute scheint es, als könnten sich nur noch die Populationen in weniger kontaminierten Gewässern in der Arktis und Antarktis so weiterentwickeln", schreiben die Autoren. Der Mensch sei mit dem Fischfang, der den Meeressäugern wichtige Nahrungsquellen wegnehme, Schiffslärm unter Wasser und PCB für die drei wichtigsten Bedrohungen für Orcas verantwortlich. Ihrer Ansicht nach reichen die Maßnahmen, die 2001 beim weltweiten Verbot von PCB ergriffen wurden, nicht aus, um die Belastung zu reduzieren.

Ulrike Kammann bestätigt das. Laut der Chemikerin des Thünen-Instituts für Fischereiökologie müssen Wege gefunden werden, die Chemikalien aus der Umwelt zu entfernen: "Direkt schützen kann man die Meeressäuger nicht vor PCB. Es sei denn, man füttert sie mit anderen Dingen als Wildfischen."

Neben PCB gibt es nach jetzigem Kenntnisstand weitere Umweltgifte, die den Tieren zusetzen. Dazu zählen beispielsweise Organophosphat-Flammschutzmittel, Perfluor-Alkylsäuren (PFAAs) und polychlorierte Naphthaline (PCN).