Lebensmittel, Verpackungen, Elektroschrott, Plastik: Die Menschheit müllt sich zu. Mit dem Schwerpunkt "Leben im Wegwerfmodus" folgen wir den Routen des Abfalls, zeigen, was er mit Mensch und Tier macht und wie er sich besser vermeiden ließe.

Ein einziger Einkauf und die gelbe Tonne ist mal wieder befüllt: Der tägliche Plastikkonsum hat übermäßige Ausmaße angenommen. Und obwohl Plastik als gefährlicher Müll gilt, weil er ganze Kontinente bedeckt und Lebensräume und Artenvielfalt zerstört, kommen wir nicht ohne das Material aus. Plastik ist zur Plage unserer Generation geworden, gerade weil es auch so praktisch und nützlich ist. Allein fünf Millionen Tonnen Plastik landeten im Jahr 2010 im Meer (Science: Jambeck et al., 2015). Dort löst es sich nicht auf, sondern zerfällt immer weiter in winzige Teilchen, dem Mikroplastik, während es von Lebewesen aufgenommen wird, um schließlich wieder auf unserem Teller zu landen.

Auch wer seinen Müll ordentlich trennt, ist Teil dieses Problems. Eine Plastiktüte, die häufig nur wenige Minuten verwendet wird, benötigt dem Umweltbundesamt zufolge 450 Jahre, um sich im Meer zu zersetzen. Warum können wir, obwohl wir uns all dessen bewusst sind, den Plastikverbrauch nicht noch häufiger vermeiden? Und wo ergibt es überhaupt Sinn, an Plastik zu sparen? Denn klar ist: Ganz ohne geht es nicht. Eine Spurensuche in Ursachen – und Lösungsansätzen:

Plastik ist bequem

Ein Grund für die Beliebtheit von Plastikverpackungen ist ihre Praktikabilität. Plastik ist mitunter durchsichtig, sodass der Verbraucher vor dem Kauf den Zustand von Produkten prüfen kann. Das Material ist leicht, widerstandsfähig, schützt vor extremen Temperaturschwankungen und vor Abnutzung beim Transport. Der Verzehr von Tütensuppen und Fertiggerichten ist damit besonders einfach geworden. Viele Plastikprodukte werden allerdings schon als Müllobjekt hergestellt. Kaffeebecher oder Behälter für Reinigungsmittel sind gar nicht dafür entworfen, um ein zweites Mal verwendet zu werden. Nach Ansicht des Verpackungsexperten Gerhard Kotschik vom Umweltbundesamt in Dessau fördert das einen unnötigen Anstieg des Verpackungsmülls. Wie viel das in Deutschland ist, zeigen Daten sehr eindrücklich: 2016 produzierte jeder Deutsche rund 220 Kilogramm Verpackungsmüll. Zum Vergleich: Der europäische Durchschnitt liegt bei nicht einmal 170 Kilogramm pro Kopf. Seit Jahren belegt das Land in dieser Liste den Spitzenplatz. Private Haushalte waren für die Hälfte des gesamten Mülls verantwortlich.

Müll - Wie viel Müll verursachen die Europäer? Eine Plastikflasche im Meer ist erst nach 450 Jahren abgebaut. Wie viel Müll die europäischen Länder produzieren und was davon recycelt wird, sehen Sie im Video. © Foto: Liza Arbeiter

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Verpackungen sichern Haltbarkeit und Markendarstellung  

Lebensmittel wie Kräuter und Beeren sind in Kunststoff verpackt, damit sie Transport und Lagerung überstehen. "Wäre dies nicht der Fall, könnten wir diese Produkte nicht entsprechend anbieten und müssten mehr wegschmeißen", sagt Kotschik. Außerdem liegt es im Interesse eines jeden Herstellers, sich selbst auf den Verpackungen möglichst prominent zu präsentieren – viele werden sich wohl kaum davon abbringen lassen, mit ihren eigenen Produkten zu werben.

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Der Verzicht auf Plastik reicht nicht

Versuche, Plastik zu verbieten, gibt es genug. Besonders Ruanda ist für sein hartes Vorgehen gegen Plastikmüll bekannt. Das ostafrikanische Land setzt konsequent ein nationales Verbot um. Kenia, Uganda, Marokko, Eritrea und der Kongo sind diesem Beispiel gefolgt. Jedoch mangelt es in Ruanda häufig an alltagstauglichen Alternativen, sodass die Menschen dort angefangen haben, ihre Waren unter der Hand in Plastiktüten zu verkaufen. Ein Schwarzmarkt für Plastik hat sich entwickelt. Das eigentliche Problem ist dadurch nicht gelöst.

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Verbesserungswürdige Abfallsysteme

Mehr als die Hälfte der weltweiten Plastikabfälle in den Ozeanen stammt aus Ländern mit schlecht funktionierenden Abfallsystemen, darunter China, Indonesien und die Philippinen (Science: Jambeck et al., 2015). Auch in Deutschland ist die Umsetzung des Recyclings noch problematisch. Nicht jeder weiß, welcher Müll in welche Tonne gehört. Und die Recyclingverfahren lassen es aktuell noch nicht zu, dass aus Plastiktüten, Joghurtbechern oder Kunststoffbesteck gleichwertige Lebensmittelverpackungen entstehen können. So ist der Begriff Recycling eigentlich irreführend, da jedes Mal, wenn ein Plastikprodukt wiederverwertet wird, ein schlechter recycelbares entsteht. Man spricht hier deshalb von Downcycling.

Plastik im Meer - Erst vergiften wir den Ozean, dann uns selbst Millionen Tonnen Kunststoff landen jedes Jahr im Meer und schaden Tieren und der Natur. Als Mikropartikel atmen wir ihn auch ein. Ein Erklärvideo © Foto: youtube.com/cheeseandjamsandwich

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Im Vertrieb setzt sich Alternatives nicht durch

Die internationale Logistik setzt auf Plastikfolie und Plastikpaletten. Für den Transport auf Schiffscontainern oder Zügen bis hin zu Supermärkten müssten Unternehmen neue Systeme entwickeln, um unverpackte Produkte transportieren und anbieten zu können. Der Verpackungsexperte Kotschik sieht hier besonders für kleine Betriebe ein Problem: "Unternehmen müssten ihre Produktions- und Lieferketten teilweise neu organisieren, um plastikfrei wirtschaften zu können. Wenn Verpackungsmaschinen noch recht neu sind werden sie kaum schnell durch andere Maschinen ersetzt. Das würde für diese Unternehmen zu einem Kostenaufwand führen."

Es gibt also viele Gründe, weshalb wir so sehr auf Plastik angewiesen sind. Einige Ansätze, das Problem zu verkleinern, gibt es auch bereits. Nicht alle setzen darauf, dass vor allem Verbraucherinnen und Verbraucher Müll vermeiden sollen:

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Aufklärung von klein auf

Was kann jede Einzelne und jeder Einzelne gegen das Plastikproblem tun? Darüber könnten Kinder bereits in der Schule aufgeklärt werden. Hier ist die Politik gefragt, die das Thema auf die Lehrpläne setzt, um einer großen gesellschaftlichen Wissenslücke vorzubeugen. Denn die richtige Abfallentsorgung und eine umweltbewusste Lebensweise stellen Verbraucherinnen noch immer vor Herausforderungen.

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Steuern könnten Anreize schaffen 

Die Einführung einer Plastiksteuer haben Vertreterinnen und Vertreter der EU-Kommission bereits diskutiert. Im Januar dieses Jahres stellte die Kommission eine Strategie vor, in der sie unter anderem eine Plastiksteuer als klaren Handlungsanreiz identifizierte, um Verpackungsabfall zu reduzieren (PDF: European Comission 2018). Die Bundesregierung stellt sich aktuell allerdings noch dagegen. "Eine Plastiksteuer könnte Plastik uninteressanter werden lassen und Unternehmen zum Umdenken bringen", sagt Kotschik. Dabei müsse man aber auch immer berücksichtigen, dass durch den Verzicht auf Plastik nicht mehr Lebensmittelabfälle entstehen sollten.

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Geringerer Verbrauch ist möglich

Die Veränderung der eigenen Gewohnheiten mag schwierig sein, ist aber wirksam. Selbstreflexion und die Analyse des eigenen Mülls könnten den eigenen Konsum sichtbar machen: "Wie viel Fleisch esse ich, fahre ich viel Auto, bin ich Vielflieger?" Ein geringerer Verbrauch könnte Unternehmen unter Druck setzen, um die weltweite Plastikproduktion einzudämmen.

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Unverpackt einkaufen ist ein Anfang

In Deutschland gibt es inzwischen mehr als 150 Läden, in denen Verbraucher verpackungsfrei einkaufen können. Diesem Trend schließen sich auch mehr Supermärkte an. "Die Menschen werden nie komplett müllfrei leben", sagt Milena Glimbovski. Sie ist Geschäftsführerin eines Unverpackt-Ladens in Berlin. Trotzdem versuchen viele Menschen mittlerweile, in ihrem Alltag mit so wenig Müll wie möglich auszukommen. Diese Bewegung heißt Zero Waste. "Die Leute vernetzen sich auf Social Media und geben einander Tipps", sagt Glimbovski. Sie wirbt selbst aktiv auf Instagram für ihren Laden. "Ein paar Unverpackt-Läden alleine können noch noch nicht die Müllproblematik beenden", sagt sie. Es sei jedoch ein guter Anfang.

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Gemeinsam einkaufen auf dem Land

Landflucht und Bevölkerungsalterung führen dazu, dass Landbewohnerinnen für ihren täglichen Einkauf weite Strecken fahren müssen, wenn sie keine Selbstversorger sind. Würden sich mehr Menschen zusammenschließen, um gemeinsam bei Großhändlern zu bestellen, könnten sie günstiger und vor allem verpackungsärmer einkaufen.

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Verwendung von Mehrwegverpackungen

Die Butterbrotdose soll wieder in werden. Dem Verpackungsexperten Kotschik zufolge ist es extrem wichtig, den Müllverbrauch in allen Lebenslagen zu reduzieren. "Man kann nicht oft genug sagen, dass auch leichte Mehrwegflaschen und wiederverwertbare Einkaufstaschen einen Unterschied machen können." Oder die Thermoskanne für den Coffee to go.

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Unternehmen in die Pflicht nehmen

"Vielen Verbrauchern ist nicht bewusst, dass sie zum Beispiel mit Feuchttüchern Kunststoff in die Umwelt werfen", sagt Kotschik. Laut dem Verpackungsexperten müssten Hersteller, die Plastikprodukte anbieten, verstärkt Verantwortung für die Umwelt übernehmen. Laut Kotschik schlägt die Europäische Kommission dafür eine finanzielle Beteiligung von Unternehmen an Aufräumarbeiten vor.

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Ein Tattoo auf Obst und Gemüse

Mit Codes oder Gravuren könnten Hersteller auch verpackungsfreie Produkte kennzeichnen. Wie Tätowierungen könnten Firmenlogos auf Äpfeln, Avocados oder Bananen eingraviert werden. Alternativ könnten Verbraucherinnen und Verbraucher QR-Codes auf der Schale oder am Regal mit dem Smartphone einscannen. Das Unternehmen Trotect bietet das schon an. Wichtig dabei: Nur Produkte mit eigener Schale oder einer harten Oberfläche sind dafür geeignet. Also Obst- und Gemüsesorten, Seifen, Käse oder Fleischprodukte. Bei empfindlichen Himbeeren funktioniert das natürlich nicht.

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Umstieg auf Verpackungsalternativen

Um ihre Waren möglichst plastikfrei zu verpacken, könnten Unternehmen auf Alternativen umsteigen. Papacks verwendet etwa recyceltes Altpapier sowie Agrarabfälle und ersetzt Styropor durch Naturfasern. Leaf Republic dagegen setzt auf Laubblätter, aus denen Verpackungen oder Einwegteller entstehen. Doch bei so manchem Plastikersatz ist noch umstritten, ob dieser nicht vielleicht sogar schädlicher für die Umwelt ist als herkömmliches Plastik. Und trotz vielversprechender Ideen steht fest: Die Alternativen lösen nur einen kleinen Teil des Problems, das sich vom Einkauf bis zu Paketbestellungen erstreckt.

Doch wohin mit den Verpackungen, die jetzt schon die gesamte Erde bedecken? Ein plastikfressendes Bakterium gibt es schon. Im Jahr 2016 entdeckten japanische Wissenschaftler das Bakterium Ideonella sakaiensis 201-F6 (Science: Yoshida et al., 2016). Seine Eigenschaften klingen zunächst nach der perfekten Lösung für das Plastikproblem: Es frisst tatsächlich die in PET-Flaschen enthaltene Verbindung Polyethylenterephthalat. Ein umweltfreundlicher Weg, der auch das Problem unzureichender Recyclingmethoden umgehen könnte. Und im Labor funktioniert das schon ganz gut. Um das Bakterium aber zielgerichtet gegen den weltweiten Plastikmüll einzusetzen, fehlt es jedoch noch an weiterer Forschung. Das könnte noch Jahre dauern. Vorher gibt es vor allem eines zu tun: weniger Plastikmüll produzieren.

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