Vergesst das Zwei-Grad-Ziel!

Zwei-Grad-Ziel – das klingt, als habe die Welt sich fest vorgenommen, so viele Treibhausgase wie möglich in die Luft zu pusten, damit der Erdball schnell zwei Grad wärmer wird. Genau so handeln die Industriestaaten jedenfalls bisher. Und der Plan scheint aufzugehen. Einen schönen Jahrhundertsommer hatten wir in Deutschland ja dadurch schon mal.

Aber genug des Sarkasmus. In Wahrheit ist mit dem Ziel, das 2010 auf der Klimakonferenz in Cancùn festgeschrieben wurde, natürlich das Gegenteil gemeint: Der CO2-Ausstoß muss dringend weltweit reduziert, die globale Erwärmung aufgehalten werden. Damit die Durchschnittstemperatur auf keinen Fall so stark steigt, dass sie den vorindustriellen Wert um zwei Grad Celsius übertrifft. Eigentlich wären sogar schon 1,5 Grad zu viel, warnen Klimaforscherinnen und Klimaforscher seit Langem. Und da es bereits ein Grad wärmer ist, bleibt gerade mal ein halbes Grad bis zum Ende des Jahrhunderts.

Dass zwei Grad zu viel wären, weiß man längst

Doch die Latte so tief zu legen, darauf hatten sich die Mitgliedstaaten der Weltklimakonferenz in Paris vor drei Jahren nicht einigen können. Auf solchen Konferenzen schachern nämlich Delegierte der Staaten mit all ihren regionalen und politischen Interessen um einen globalen Klimavertrag – die unabhängigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler liefern nur die Daten und ihr Fachwissen dazu.

Joe Raedle/Getty Images
Klimawandel! Was heißt das?

Klimawandel! Was heißt das?

Die Erderwärmung bedroht die Welt, aber wie genau? Wir erklären Wetter, Klima und warum der Wandel so gefährlich ist.

Laden …
Laden …
Decorative background image
Ban Ki Moon, UN-Generalsekretär

Ban Ki Moon, UN-Generalsekretär

sagt, warum das ein Problem ist:

"Der Klimawandel ist eine Bedrohung für das Leben und unsere Existenz."

Laden …

Das Wetter

… ist der Zustand der Atmosphäre zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort.

Was ist Wetter, was Klima?

Das Klima

... ist das durchschnittliche Wetter über einen längeren Zeitraum hinweg betrachtet, etwa 30 Jahre.

Laden …

Leider nein: Viele Schäden sind nicht mehr zu ändern. Die Erde erwärmt sich in jedem Fall. Auch die 2°C Erwärmung beeinträchtigen Ökosysteme auf der ganzen Welt stark und bedrohen damit auch die Lebensgrundlage von Millionen Menschen. Es lässt sich allein das Ausmaß der Katastrophe eingrenzen.

Laden …

Stimmt. Viele Forscher sind sicher, dass es einen Zusammenhang gibt. Europa soll aber nicht so stark betroffen sein wie andere Kontinente der Erde.

Laden …
Laden …

Dort einigte man sich im Unterschied zu der Konferenz in Cancùn im Kern nur darauf, die Erwärmung müsse bis zum Jahrhundertende unter zwei Grad bleiben. Lediglich auf Druck einer Staatengruppe, die akut vom Versinken durch steigende Meeresspiegel bedroht ist, wurde auf der Klimakonferenz 2015 im letzten Moment ein kurzer, aber extrem wichtiger Passus ins Parisprotokoll aufgenommen: Es müssten "Anstrengungen unternommen werden, um den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen". Ein guter Vorsatz, keine Pflicht. Aber immerhin. Dass zwei Grad eine zu hoch gesteckte Grenze sind, um verheerende Klimafolgen zu verhindern – man wusste es damals schon. Bei zwei Grad Erderwärmung "würden wir unter Wasser stehen", sagte Anote Tong, damals Präsident des Inselstaates Kiribati. "Der höchste Punkt unserer Hauptinsel Tarawa erreicht kaum drei Meter. In Kombination mit dem Meeresspiegelanstieg könnte eine einzige Flutwelle den Lebensraum vernichten."

Die Chance, dass wir's nicht schaffen, liegt bei 66 Prozent

Inselstaaten wie Kiribati stimmten dem Vertrag von Paris nur unter der Bedingung zu, dass der Weltklimarat IPCC einen Sonderbericht als Grundlage für die globale Klimapolitik verfasst, der beschreibt, wie es in einer Welt aussähe, die um 1,5 Grad wärmer wäre als in der Zeit, bevor Fabrik- und Autoabgase, Treibhausgase aus der Massentierhaltung, der Flugverkehr und andere Emissionsquellen das Klima aufheizten. Um jedes Wort dieses Mammutschriftstücks haben die Delegierten der 195 Mitgliedsstaaten vergangene Woche im südkoreanischen Incheon gerungen. Am Montag werden sie das Ergebnis der Öffentlichkeit vorstellen: den IPCC-Sonderbericht 1,5 Grad (Special Report on 1.5 Degrees, kurz SR1.5).

Was drinstehen wird, ist bereits ziemlich klar. Nur wie scharf und verbindlich die Formulierungen sein werden, auf die die Staaten sich festlegen lassen, das bleibt wie immer spannend bis zum Schluss.

So oder so wird der Bericht deutlich machen: Bereits wenn sich der Globus auch nur um durchschnittlich 1,5 Grad Celsius erwärmt, werden in Teilen der Erde unaufhaltsame Klimaveränderungen in Gang gesetzt. Das Klima könnte kippen. Die Erderwärmung würde ungebremst weitergehen – und sich sogar noch von selbst verstärken. Und das heißt: Wenn die Treibhausgasemissionen weltweit nicht sofort reduziert werden – und zwar drastisch –, wird der Klimawandel nicht mehr nur nicht aufzuhalten sein. Es ist dann nicht mehr rückgängig zu machen.

"Niemand kann sagen, er habe nichts gewusst"

Ob die Delegierten sich nur auf eine weichgespülte Fassung oder auf verbindliche Verpflichtungen geeinigt haben, werden wir erst am Montag wissen. Dann wird die sogenannte Summary for Policymakers vorgestellt. Schon jetzt schreiben Fachleute dem Bericht aber große Bedeutung zu: "Durch ihre Zustimmung erkennen 195 Regierungen den wissenschaftlichen Sachstand an", sagte Christiane Textor, Leiterin der deutschen IPCC-Koordinierungsstelle. Somit könne später niemand sagen, er habe es nicht gewusst.

Nicht weniger als 91 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben seit August 2016 an dem Bericht gearbeitet, der der politischen Zusammenfassung zugrunde liegt. Sie haben dabei drei Review-Runden durchlaufen und 42.001 Kommentare abgearbeitet. Und etwas Ernüchterndes berechnet: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent liege es "jenseits des Erreichbaren", die Erwärmung um mehr als 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit bis zum Jahr 2100 noch zu verhindern. Die aktuelle Politik der UN-Staaten, die Emissionspfade der vergangenen Jahre und die Investitionen vor allem im Energiesektor machten die Einhaltung praktisch unmöglich.

Dass die Politik das Schriftstück beeinflusst? Das gehört zum Spiel

Wie deutlich diese Botschaft am Montag ausfallen wird, bleibt abzuwarten. Aufgabe des im November 1988 gegründeten Gremiums, das auf Deutsch "Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen" heißt, ist es zwar, die Politik zu beraten, indem der wissenschaftliche Sachstand zusammengetragen wird. "Zwischenstaatlich" bedeutet aber auch, dass es sich um einen politischen Ausschuss handelt: Kein Bericht des Weltklimarates wird veröffentlicht, ohne zuvor durch Vertreterinnen und Vertreter der 195 Regierungen "abgenommen" worden zu sein – also in ihrem Sinne beeinflusst.

Anders als auf den internationalen Klimakonferenzen wird es aber in jedem Falle ein Ergebnis geben: Die Staatsvertreterinnen und -vertreter dürfen die Summary for Policymakers nämlich nicht blockieren. "Wenn einzelne Staaten mit Formulierungen nicht einverstanden sind, wird dies als Fußnote vermerkt", erklärte Christiane Textor im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Dies sei in der Vergangenheit sehr selten passiert. "Die Wissenschaftler haben zudem ein Vetorecht." Damit sei gesichert, dass die Aussage des Reports nicht verwässert werde.

Ein Grad zu warm ist die Erde schon

"Der Mensch hat die Erde bereits um grob ein Grad erhitzt, die Folgen werden immer spürbarer", sagte Katja Frieler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung – und verwies auf den ungewöhnlich trockenen und heißen Sommer. Schon heute sind Ernteeinbrüche und Dürren auch hierzulande die Folge. Andernorts nehmen Stürme und Überschwemmungen zu.

Wie stark der Mensch seine Lebensgrundlage bedroht, illustriert sie am Beispiel von New York. Die Überschwemmungen in Houston im Sommer 2017 gingen als "500-year flood" in die US-Geschichte ein. "Bevor der Mensch massenhaft Treibhausgase in die Atmosphäre schickte, gab es solch eine heftige Flut nur einmal in 500 Jahren", erklärt die Klimaforscherin. Seitdem sei der Meeresspiegel so drastisch angestiegen, dass dasselbe Ereignis sich nun im Schnitt alle 25 Jahre wiederhole. Hurrikan Sandy traf New York 2012 mit bis zu sieben Meter hohen Wellen. Wenn die Welt so weitermache, werde die Metropole Mitte dieses Jahrhunderts alle fünf Jahre von so einem Extremwetterereignis heimgesucht.

Trotz Sandy und im Angesicht des Paris-Abkommens: Die meisten Staaten machen weiter wie bisher. Schlimmer noch: Der globale Treibhausgasausstoß steigt trotz aller IPCC-Berichte, Klimakonferenzen oder sonstiger Umweltschutzbemühungen. Lag der Zuwachs in den Neunzigerjahren noch bei durchschnittlich 0,8 Prozent pro Jahr, so ist er seit dem Jahr 2000 jährlich um gut zwei Prozent gestiegen. 2017 wurde ein neuer Rekord vermeldet: 41 Milliarden Tonnen Emissionen, neben Kohlendioxid auch Methan und andere Treibhausgase (Nature: Peters et al. 2017).

"Es klafft eine große Lücke zwischen Wissen und Handeln"

"Wir sind eher auf einem Drei-bis-Vier-Grad-Pfad", sagte die Klimaforscherin Frieler – und ist mit dieser Einschätzung nicht allein. Ähnliches sagte Mojib Latif, Meteorologe vom Deutschen Klima-Konsortium, kürzlich im Gespräch mit ZEIT ONLINE.

Es ist ein gefährlicher Weg. Denn sind die Kippschalter – die Klimaveränderungen also, die den Weg in eine nächste Heißzeit unumkehrbar machen – erst einmal umgelegt, gibt es keinen Weg zurück mehr (lesen Sie hier einen ausführlichen Artikel, was die Kippelemente sind). Dann wird sich die Erhitzung verselbständigen, sich selbst verstärken und den Planeten ziemlich ungemütlich machen. Jedenfalls für uns Menschen.

Noch wäre Zeit, die Katastrophe aufzuhalten. Wenn auch sehr wenig. Katja Frieler sieht es so: Es klaffe "eine große Lücke zwischen Wissen und Handeln". Aber vielleicht hilft ja dagegen der SR1.5: "Der neue Bericht wird mit harten Fakten untermauern, welche unumkehrbare Folgen bereits eine um anderthalb Grad wärmere Welt haben wird."

Ist die Erderwärmung noch zu stoppen? Wo werden die Auswirkungen heute schon spürbar? Alles zur Klimaforschung und zum Klimaschutz lesen Sie auf dieser Seite.