Das Ringen um mehr Klimaschutz geht weiter. Was müsste die Weltgemeinschaft tun, um das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen? Wären eigentlich 1,5 Grad schon zu viel? Wie lässt sich verhindern, dass der Globus sich bald unaufhaltsam erwärmt? Wenn der Weltklimarat IPCC tagt, geht es bürokratisch, politisch und diplomatisch zu. Kann dabei überhaupt etwas entstehen, woran sich am Ende alle halten? Ottmar Edenhofer war selbst schon bei solchen Verhandlungen dabei. Er hat uns erklärt, warum das anstrengende Ringen um jeden Absatz wichtig ist.

ZEIT ONLINE: In Südkorea sitzt im Moment der Weltklimarat IPCC mit Regierungsvertretern zusammen, um über die Zusammenfassung des "Sondergutachtens 1,5 Grad" abzustimmen. Sie haben so ein Verfahren 2014 in Berlin geleitet. Was passiert dabei?

Ottmar Edenhofer: Sehr viel. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben einen Entwurf vorbereitet. Satz für Satz dieser Zusammenfassung wird an die Wand projiziert. Die Regierungsvertreter fragen dann zum Beispiel, ob man manches nicht anders formulieren könnte, anderes überhaupt rein muss. Und die Wissenschaftler erklären, warum der jeweilige Aspekt wichtig ist. Satz für Satz wird so durchgegangen. Wenn es keine Einwände mehr gibt, nimmt der Vorsitzende einen Hammer, schlägt für alle hörbar auf Tisch und sagt "Adopted". Dann kann der Satz nicht mehr verhandelt werden.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht ziemlich zermürbend?

Edenhofer: In den ersten Tagen denkt man, wir werden nie fertig, weil sich die Delegierten am Anfang in Nebensächlichkeiten festbeißen. Aber das ist Taktik. Die wichtigen Dinge sollen unter Zeitdruck verhandelt werden, wenn die Nerven schon blank liegen und sich der Schlafentzug bemerkbar macht. Erfahrene Diplomaten wissen, dass sie hier ihre entscheidenden Anliegen durchboxen können. In dieser Situation müssen die Vorsitzenden Nervenstärke beweisen, es gilt Drohungen auszuhalten und immer freundlich zu bleiben. Wer ausrastet, hat verloren. Wie durch ein Wunder ist bislang das Dokument nach einer Woche verabschiedet worden.

Der Klimaforscher Ottmar Edenhofer (57) ist kommissarischer Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Als Co-Vorsitzender einer Arbeitsgruppe des Weltklimarates (IPCC) hat er am letzten Klimabericht selbst mitgearbeitet. © Wolfgang Kumm/dpa

ZEIT ONLINE: Ein Verfahren, bei dem die Regierungen versuchen, ihre Interessen ins Dokument zu schmuggeln?

Edenhofer: Im Prinzip ja – aber nur bei der Zusammenfassung für die Entscheider, der eigentliche Bericht bleibt unverändert das Werk der Wissenschaft. Bei dem Kapitel zum 5. Sachstandsbericht des Weltklimarates, bei dem ich als Co-Vorsitzender das Prozedere begleitet habe, gab es zusätzlich noch eine so genannte technische Zusammenfassung des 1.450 Seiten langen Berichts. Das war sehr hilfreich, weil wir immer sagen konnten: Das, was ihr von uns erwartet, ist vom Gutachten gar nicht gedeckt. Mir war sehr wichtig, die wissenschaftliche Integrität des Dokuments zu wahren. Aber natürlich versuchen die Regierungen, Einfluss zu nehmen.

ZEIT ONLINE: Geben Sie uns mal ein Beispiel?

Edenhofer: Es gab mehrere Grafiken, die die historischen Emissionen aus verschiedenen Perspektiven darstellten. Unter anderem sah man dort, wie viel die Länder seit der Industrialisierung emittiert haben und welchen Zusammenhang von Wohlstand und CO2-Ausstoß es gibt: Je reicher die Bevölkerung eines Landes wurde, umso stärker stiegen auch dessen Emissionen. So eine Grafik belegt natürlich, dass die Entwicklungsländer leider denselben falschen Weg gehen wie zuvor die Industrieländer. Das wollten damals Staaten wie Indien oder China aber nicht so deutlich dokumentiert sehen. Sie haben sich durchgesetzt, also flogen die Grafiken aus der Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger. Wir haben sie dann aber später in der Fachzeitschrift sehr sichtbar veröffentlicht, nicht gerade zur Freude der Länder, die diese Graphiken aus der Zusammenfassung für Entscheidungsträger verbannt haben (Science: Dubash et al., 2014).

ZEIT ONLINE: Die Politik versucht von der Wissenschaft ein ihr genehmes Ergebnis zu bekommt – ist das nicht absurd?

Edenhofer: Vielleicht für Außenstehende, ich habe das Verfahren aber immer verteidigt. Denn die Regierungen müssen ja den gesamten Bericht zur Kenntnis nehmen. Das I in der Abkürzung IPCC steht beim Weltklimarat ja nicht für "International", sondern für "Intergovernmental". Das macht die Einzigartigkeit dieses Gremiums aus.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Edenhofer: Alle Regierungen sind beteiligt, müssen dem Bericht zustimmen und haben Einfluss und Zugang zu den wissenschaftlichen Berichten. Das bedeutet im Umkehrschluss: Nicht einmal Saudi-Arabien kann noch behaupten, wir hätten kein Klimaproblem. Denn natürlich zeichnet auch Saudi-Arabien die Berichte ab. Alle Länder sind gezwungen, sich intensiv mit der Wissenschaft auseinanderzusetzen, Satz für Satz, das ist großartig. Wer die Zusammenfassung für Entscheidungsträger verändern will, muss den Bericht schon sehr genau gelesen haben, sonst bleibt die Intervention wirkungslos. Und keine Regierung kann ihre Interessen gegen alle anderen allein durchsetzen!

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ZEIT ONLINE: Aber sollte so ein Bericht nicht rein auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen – gerade wenn er der Politik als Entscheidungshilfe dient?

Edenhofer: Den Entscheidungsträgern mangelt es in der Regel nicht an Meinungen, ihnen fehlt ein fundierter Überblick über die Lösungsmöglichkeiten. Ohne den Expertenrat könnten Politikerinnen und Politiker oft nicht einmal die Optionen identifizieren, die ihnen zur Lösung eines Problems zur Verfügung stehen. Insofern ist die Arbeit des Weltklimarates wichtig und richtig: Der IPCC verwickelt Politik und Wissenschaft in einen gegenseitigen Lernprozess. Und Klimaschutz ist eben ein quälender Prozess, weil es um richtig viel geht. Aber das Ziel ist die Qual wert: Am Ende geht es um den Schutz der Menschen vor Risiken wie Extremwetter, Meeresspiegelanstieg, Wirtschaftsschäden, auch zusätzlichen Konflikten.