Das Zwei-Grad-Ziel sei längst nicht mehr ambitioniert genug, schreiben Klimaforscherinnen und -forscher im aktuellen Sonderbericht des Weltklimarates (IPCC). Bis zum Jahr 2100 dürfe sich die Erde im Vergleich zum vorindustriellen Niveau keinesfalls um mehr als 1,5 Grad erwärmen. Sie sind überzeugt: Zu schaffen sei das noch. Allerdings nur mit "schnellen, weitreichenden und beispiellosen Änderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen". Oliver Geden, Experte für Klimapolitik von der Stiftung Wissenschaft und Politik, ist deutlich skeptischer.

ZEIT ONLINE: Sie kritisieren den Sonderbericht des Weltklimarats IPCC als zu optimistisch. Warum?

Oliver Geden: Das 1,5-Grad-Ziel gilt nur deshalb noch als einhaltbar, weil in den Berechnungen das verbleibende Kohlendioxidbudget überraschend erhöht wurde. Das heißt: Die Welt dürfte zusätzliche 300 Gigatonnen des Treibhausgases ausstoßen – etwa 42 Gigatonnen pro Jahr –, ohne dass die gefürchtete Temperaturgrenze überschritten würde. Nach den Zahlen des 5. IPCC-Sachstandsberichts von 2014 allerdings wäre das Budget bereits so gut wie ausgeschöpft.

ZEIT ONLINE: Und ein Grad wärmer als vor Beginn der Industrialisierung ist es schon. Sprich, es bleibt ein halbes Grad Celsius. Damit die globale Durchschnittstemperatur nicht darüber hinaus ansteigt, müsste der weltweite Kohlendioxidausstoß laut der Autorinnen und Autoren circa bis zum Jahr 2050 bei null liegen. Wie soll das funktionieren?

Geden: Indem wir weltweit in den Jahren 2010 bis 2030 zwischen 45 bis 50 Prozent weniger Treibhausgase ausstoßen. Seit 2010 sind die Emissionen weltweit aber weiter angestiegen, auch 2018 wird das so sein. Also müsste man in den nächsten zwölf Jahren das Ruder drastisch herumreißen. Schon um bis 2050 auf null zu kommen, müsste man Maßnahmen ergreifen, um der Atmosphäre Kohlendioxid zu entziehen und es einzulagern, etwa durch die Kombination von Bioenergie und der CCS-Technik. Und nach 2050 müssten wir sogar unter die Nulllinie. Das wäre nur möglich, wenn der Atmosphäre über das 21. Jahrhundert an die 1.000 Gigatonnen Kohlendioxid entzogen würden – keinesfalls weniger, wie in der Zusammenfassung für Entscheidungsträger angedeutet wird. Ob das in diesen Mengen gelingen kann, ist ungewiss.

Oliver Geden forscht bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) und berät den Bundestag und die Bundesregierung in Sachen Klimapolitik. Derzeit ist er Gastwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Meteorologie. Er wird Leitautor des sechsten IPCC-Sachstandsberichts sein, der im Jahr 2021/22 erscheinen soll. © Geden, Oliver

ZEIT ONLINE: Im IPCC-Sonderbericht sind vier mögliche Pfade genannt, wie das 1,5-Grad-Ziel eingehalten werden kann. Wie realistisch sind diese?

Geden: Die Pfade geben ein verzerrtes Bild wieder. Solche Szenarien sind zwar gut, um zu zeigen, dass es nicht nur einen Weg zum Ziel gibt. Aber sie befördern, dass sich am Ende jeder Akteur die Zahlen herauspickt, die ihm angenehm erscheinen. Außerdem gelten in der Forschung nicht alle vier Pfade als gleichermaßen machbar. Der auf extremen Annahmen beruhende Niedrigenergiepfad etwa basiert auf nur zwei Fachartikeln.

ZEIT ONLINE: 196 Regierungen haben sich 2015 auf der UN-Klimakonferenz in Paris geeinigt, den weltweiten Temperaturanstieg auf maximal 1,5 Grad zu begrenzen. Passiert ist bisher wenig, der weltweite Treibhausgasausstoß steigt sogar, statt zu sinken. Unternehmen die Staaten überhaupt etwas?

Geden: Die Regierungen hätten auch ohne den aktuellen IPCC-Bericht wissen müssen: Das 1,5-Grad-Ziel erfordert schnelles und drastisches Handeln, keine weiteren Verhandlungen. Nun steht bereits der nächste Klimagipfel in Katowice an. In den kommenden Wochen bis zur Konferenz werden wir sehen, wie ernst es insbesondere den Industrie- und Schwellenländern ist. Die EU-Kommission will Ende November, kurz vor der Konferenz, Vorschläge für ein langfristiges EU-Klimaziel machen. Eine Option soll ein "Nullemissionsziel" sein. Das Jahr, ab dem man keine Treibhausgase ausstoßen will, ist allerdings noch offen.

ZEIT ONLINE: Das klingt wieder nach großen Plänen ohne konkrete Umsetzung.

Geden: Grundsätzlich ist so ein Ziel ein sehr guter Ansatz, weil es Diskussionen anstößt, an denen es bislang mangelt. Um die Emissionen auf null zu bekommen, muss man pragmatisch über alle Quellen sprechen – auch komplizierte wie Landwirtschaft, Luftverkehr und Industrie – und über besagte Kohlendioxidentnahme und -lagerung mit CCS. Würde man damit anfangen, wäre man schon deutlich näher an einer Umsetzung als bisher.

ZEIT ONLINE: Was muss Deutschland tun, damit das 1,5-Grad-Ziel eingehalten werden könnte?

Geden: Die Nullemissionsdebatte ist hierzulande noch nicht angekommen. Spätestens auf dem Umweg über den Kommissionsvorschlag wird das passieren. Das ist wichtig, denn auch für zwei Grad müssten die Emissionen irgendwann auf null. Um das Pariser Klimaziel von 1,5 bis zwei Grad einzuhalten, müssten alle Staaten ihre mittelfristigen Klimaziele weit über die derzeitigen Ambitionen hinaus verschärfen. Aber unter 1,5 Grad Temperaturanstieg bleiben? Ziemlich unrealistisch. Dafür müsste Deutschland seine heutigen Emissionen in nur zwölf Jahren halbieren – und der Rest der Welt auch.