Trugschluss 4: Der Anstieg der Treibhausgase ist ein natürlicher Vorgang

Kohlendioxid war immer nur ein Spurengas in der Atmosphäre – und trotzdem unverzichtbar für das irdische Leben. Denn ohne den Treibhauseffekt von Kohlendioxid und vielen weiteren Treibhausgasen gäbe es kein flüssiges Wasser auf der Erde. Das Licht der Sonne allein wäre zu schwach für globale Durchschnittstemperaturen von mehr als null Grad Celsius.

Zum Glück pusten Vulkane seit Entstehung der Erde Kohlendioxid in die Atmosphäre. Im Gegenzug wurde der irdischen Atmosphäre aber auch ständig wieder Kohlendioxid entzogen. In den Anfängen der Erde geschah dies durch chemische Gesteinsverwitterung, dann zunehmend auch durch den Klimafaktor Leben: Denn die Fotosynthese der Pflanzen entzieht der Luft CO2, dessen Kohlenstoff schließlich in pflanzlicher und tierischer Biomasse abgelagert wird. In diesem Wechselspiel zwischen dem Kohlendioxidausstoß der Vulkane und dem Kohlendioxidentzug durch Verwitterung und fossile Ablagerungen von Biomasse pendelte das Klima der Erde im Laufe von Jahrmillionen langsam hin und her – zwischen Heiß- und Eiszeiten.

In jüngster Zeit aber hat der Mensch diesen natürlichen Zyklus durch seine Industrieabgase aus dem Gleichgewicht gebracht: Derzeit gelangen aus Industrie, Verkehr und Landwirtschaft pro Jahr 35 Milliarden Tonnen Kohlendioxid in die Luft. Das ist mindestens hundert Mal mehr, als es die Vulkane selbst in ihren aktivsten Zeiten schafften – jedenfalls einer schon etwas älteren Studie zufolge, die bis heute in Fachkreisen immer wieder zitiert wird (British Geological Survey: Vicky Hards, 2005, PDF).

Trugschluss 5: Die Natur kann sich anpassen

Was den aktuellen Klimawandel von allen bisherigen unterscheidet, ist also vor allem das Tempo, mit dem er voranschreitet. Und genau hierin besteht das Problem, wenn man glaubt, die Natur könne sich doch einfach anpassen. Denn die langsame natürliche Evolution von Pflanzen und Tieren kommt bei einem derart schnellen Wandel nicht mehr mit. Eine Studie aus dem Jahr 2013 kommt zum Beispiel zu dem Schluss, dass die Arten sich mehrere Tausend Mal schneller anpassen müssten, als ihre natürliche Evolution dies schaffen könnte (Ecology Letters: Quintero/Wiens, 2013).

Und auch die schnelle technisch-kulturelle Evolution unserer Zivilisation kann den raschen Veränderungen kaum folgen. Da die Vegetationszonen wandern, wird sich die Nahrungsproduktion für zehn oder mehr Milliarden Menschen ständig umstellen müssen. Die Küstenregionen, in denen jetzt noch die Hälfte aller Menschen leben, werden nach und nach überflutet werden. Früher oder später werden heute dicht besiedelte Regionen, etwa in Indien und Pakistan, unbewohnbar. Und zwar nicht nur wegen häufigerer Extremwetterereignisse wie Stürmen, Fluten oder Dürren. Ab einer bestimmten Temperatur bei hoher Luftfeuchtigkeit versagt nämlich sogar die Regulation unserer Körpertemperatur. Extreme Hitze gefährdet ab einem bestimmten Punkt also akut die Gesundheit.

Der Kampf um fruchtbare Böden, Wasserressourcen, bewohnbaren Lebensraum und die Verantwortung für den Klimawandel führt schon heute zu sozialen Konflikten und hat immense wirtschaftliche Folgen. Je wärmer die Erde im Durchschnitt wird, desto aggressiver werden auch die Verteilungskämpfe. Und am Ende wartet eine Heißzeit.

Die bittere Ironie dabei: Mit der Verbrennung der fossilen Brennstoffe holen wir Kohlendioxid zurück in die Atmosphäre, dessen Treibhauseffekt auch schon zu den beiden vorangegangenen Heißzeiten der Erde beigetragen hatte. In der ersten davon wuchsen die gewaltigen Wälder des Devon- und Karbonzeitalters heran, ehe sie sich in Kohle verwandelten. In der darauffolgenden langen Heißzeit – sie dauerte mehr als 200 Millionen Jahre – bildete sich ein Großteil der heutigen Erdöl- und Erdgaslager. Der gesamte Kohlenstoff in Kohle, Erdöl und Erdgas aber stammt letzten Endes aus Kohlendioxid, das die Natur per Fotosynthese über lange Zeiträume hinweg der Atmosphäre entzogen hatte. Nun blasen wir Menschen es zurück in die Atmosphäre. Dadurch setzten wir der von Natur aus zu erwartenden Heißzeit also noch eine menschengemachte obendrauf.

Klimawandel – na und? Der Rückblick auf die Klimageschichte der Erde zeigt also keineswegs, dass wir uns keine Sorgen machen müssen. Im Gegenteil. Er offenbart, dass so ein Standpunkt nicht nur wissenschaftlich falsch ist, sondern den Ernst der Lage verantwortungslos verharmlost. Schon jetzt ist so viel Kohlendioxid in der Atmosphäre, dass ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperaturen um zwei Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Wert wohl unausweichlich ist. Falls wir unsere Emissionen nicht schnell und deutlich senken, wird die Erwärmung weitergehen – mit allen vorhersehbaren und unvorhersehbaren Folgen. Und niemand wird es verneinen können, wenn Kinder, Enkel oder Urenkel irgendwann die Grundfrage aller Verantwortung stellen werden: "Habt ihr es denn gewusst?"

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