Mehr als 150 verschiedene Arzneimittel wurden in den vergangenen Jahren in Flüssen, Seen und mitunter auch im Grundwasser nachgewiesen. Das zeigen Daten des Umweltbundesamtes. Meist handelt es sich nur um Spuren der Arzneimittel. Besonders häufig finden sich Hormone der Antibabypille, Schmerzmittel wie Diclofenac, Blutdrucksenker und Antibiotika. Um diese herauszufiltern, bräuchte es eine zusätzliche Reinigungsstufe in den Klärwerken. Laut einem Gutachten des Bundesverbands der deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) könnten die Mehrkosten für diesen zusätzlichen Schritt in der Abwasseraufbereitung, die sogenannte vierte Klärstufe, über eine Arzneimittelabgabe gedeckt werden. Seit längerer Zeit wird diese diskutiert.

In dem Gutachten schätzt der BDEW die Kosten für eine bundesweite Aufrüstung der Klärwerke auf 1,2 Milliarden Euro pro Jahr. Umgelagert auf die Verbraucherinnen und Verbraucher entspricht das ungefähr 15 Euro pro Person und Jahr. Eine solche Umlagerung aber sei ungerecht, hält das Gutachten fest. Deshalb schlagen die Autorinnen und Autoren vor, eine Arzneimittelabgabe von 2,5 Cent pro Tagesdosis eines jeden Medikaments zu erheben. Diese Lösung, heißt es, sei "verursachungsgerecht und verteilt die Kosten auf alle Beteiligten (Hersteller, Handel, Apotheken, Krankenkassen und ggf. Patienten)".

Eine weitere Möglichkeit, die Mehrkosten der diskutierten vierten Klärstufe zu decken, sei ein Fonds, in den die Pharmaunternehmen einzahlen. Zusätzlich zur vierten Klärstufe sei es nötig eine "neue Arzneimittelstrategie für Deutschland vom Hersteller bis zum Verbraucher" zu entwickeln, schreibt der BDEW. Diese müsse ein Rücknahmesystem für Medikamente enthalten und Anreize für Unternehmen schaffen, weniger Stoffe in die Umwelt einzuleiten. So heißt es im Bericht: "Am effektivsten ist es, den Schadstoffeintrag zu vermindern und vorbeugende Maßnahmen zu treffen."

Belastung wird sich in Zukunft noch verstärken

Die Belastung der Gewässer durch Medikamentenrückstände wird sich in Zukunft laut dem Bericht noch verstärken. Gründe dafür sind die Alterung der Gesellschaft und ein steigender Pro-Kopf-Verbrauch an Arzneimitteln. Nicht immer stammen die Medikamentenrückstände aus Humanarzneimitteln, auch die Landwirtschaft trägt zur Verunreinigung der Gewässer bei, zum Beispiel durch das übermäßige Ausbringen von Gülle.

Bettina Hoffmann, Sprecherin für Umweltpolitik bei den Grünen, unterstützt die Vorschläge des BDEW weitestgehend. Sie erklärte am Montag: "Es darf nicht sein, dass die Kosten für die Wasserwiederaufbereitung allein bei den Wasserbetrieben hängen bleiben oder auf die Verbraucherinnen und Verbraucher umgelegt werden." Stattdessen erwarte sie konkrete Maßnahmen von der Bundesregierung. Hoffmann fordert die Pharmaindustrie auf, sich an den Kosten zu beteiligen.

Siegfried Throm, Geschäftsführer Forschung des Verbands der forschenden Pharmaunternehmen, sieht das anders. Er sagte ZEIT ONLINE: "Medikamente zur Linderung, Heilung und Prävention von Krankheiten gehören zu den Grundbedürfnissen der Bevölkerung." Es sei deshalb eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Arzneistoffspuren wieder daraus zu entfernen, wenn sie Probleme verursachten. Und müsse auch gesamtgesellschaftlich finanziert werden.