"Forscher finden erstmals Mikroplastik in Stuhlproben von Menschen" – da ist es wieder, dieses ungute Gefühl, dass etwas schiefläuft. Eine Meldung, die uns Sorge bereitet: Jetzt ist Plastik schon im Körper. Forscherinnen und Wissenschaftler haben winzige Kunststoffteilchen schon in Meeren, in Flüssen und Seen, in Fischen, in Cremes und Duschgels, in unserer Kleidung und im Kinderspielzeug entdeckt. Selbst in der Luft finden sich die Reste von Plastik, die wir täglich wegwerfen oder benutzen.

Die Teilchen sind überall, Forscher und Wissenschaftlerinnen gehen davon aus, dass es auf der Erde praktisch keine plastikfreien Bereiche mehr gibt. Auch die Quellen des Mikroplastik sind unzählbar: Die Partikel entstehen durch den Abrieb von Autoreifen, auf Baustellen, gelangen über Mülldeponien und Abfallentsorgung in die Umwelt, lösen sich auf Spielplätzen von den Klettergerüsten und Bobbycars. Wir spülen sie mit Papier, Fasern und Partikeln aus Kleidung und Kosmetika über Abflüsse in jegliche Gewässer. Über Kläranlagen, aber auch einfach nur durch Wind und Regen verteilt sich das Mikroplastik bis tief in Äcker, Wälder und Böden hinein. Wir trinken aus Plastikflaschen, nippen am Kunststoffdeckel des Coffee-to-go-Bechers und kaufen in den Supermärkten jede Woche kiloweise in Plastik eingeschweißtes Obst und Gemüse und viele andere Lebensmittel.

Sich zu fragen, was Mikroplastik mit uns macht, ist deshalb richtig. Besonders kaum sichtbare bis unsichtbare Plastikteilchen beunruhigen viele. Sie sind meist zwischen einigen Millimetern und 0,001 Millimeter groß (Bundesinstitut für Risikobewertung, FAQ). Was am meisten verunsichern dürfte, ist die Tatsache, dass wir trotz jahrzehntelangen Plastikverbrauchs so wenig darüber wissen, ob und wie die Mikroteilchen in unseren Körpern wirken. Niemand weiß, wie gefährlich Mikroplastik für die Gesundheit werden könnte.

Um akute und tatsächliche Gefahren besser einzuordnen, Ängste und Verunsicherung besser zu verstehen, kann es helfen, sich fünf Dinge zu vergegenwärtigen.

1. Mikroplastik im Kot: Das heißt erst mal nicht viel

Beginnen wir mit etwas Methodenkritik an der aktuellen Meldung zu Mikroplastik in Stuhlproben. Der aktuell diskutierte Fund folgt dem Muster: Je beunruhigender bestimmte Ergebnisse klingen, desto größer scheint die Aufmerksamkeit. Völlig unabhängig davon, ob die wissenschaftliche Erkenntnis oder Methodik dahinter überhaupt Bestand hat. Die aktuelle Studie ist nämlich gar keine, sondern eine Pilotuntersuchung, in der gerade einmal acht Stuhlproben untersucht worden sind. Die Ergebnisse sind noch nicht einmal wissenschaftlich veröffentlicht. Damit hat bisher auch keine Fachkollegin oder -kollege geprüft, wie die Funde von Mikroplastik zu bewerten sind und welche Ursache sie haben. Zwar sagen auch die beteiligten Experten, dass sie nun erst anfangen, eine aussagekräftige Studie vorzubereiten, doch das geht in der Berichterstattung völlig unter. Niemand weiß, warum Mikroplastik im Stuhl gefunden wurde. Ein Zusammenhang mit dem, wie die Probanden sich ernähren, lässt sich weder herstellen noch verallgemeinern. Was aber hängen bleibt, ist die Aussage: Mikroplastik im Körper? Das kann nicht gut sein.

Bei genauerer Betrachtung fällt auch auf: Dass Mikroplastik im Kot landete, ist nicht einmal ein guter Hinweis darauf, dass die Winzpartikel für uns gefährlich sind. Genauso gut könnte das Gegenteil der Fall sein: Wenn Mikroplastik im Stuhl nachweisbar ist, schafft es der Körper vielleicht ganz gut, die Teilchen wieder loszuwerden. Je mehr ausgeschieden wird, desto weniger bleibt eben im Körper. Damit könnte der wissenschaftlich wenig wertvolle Fund letztlich bestätigen, was unter anderem auch das Deutsche Umweltministerium seit Jahren sagt: Die "Partikel [werden] zum ganz überwiegenden Teil vom Körper wieder ausgeschieden".

Ein weiteres Beispiel für eine Plastikstudie, die wenig Erkenntnisgewinn brachte, aber von vielen Medien aufgegriffen wurde, war eine Untersuchung im Auftrag des Journalistennetzwerks Orb, die im vergangenen Jahr erschien und in mehr als 80 Prozent aller Leitungswasserproben weltweit Plastik nachgewiesen haben wollte. Der Haken: Die fragwürdige Studie beruhte auf gerade einmal 159 Wasserproben und fand im Mittel nur vier Teilchen pro Liter. Der Titel der Berichterstattung: "Die Unsichtbaren – Das Plastik in uns" suggerierte aber eine akute Gefahr.

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2. Plastik ist überall, und das kann nicht gut sein

Heißt das nun, dass Mikroplastik kein Problem ist und sich niemand sorgen muss? Nein, überhaupt nicht. Wenn die vergangenen Jahre etwas gezeigt haben, dann doch das: Plastik ist ein großes Problem der Gegenwart. Es findet sich in Fischmägen (z. B. Frontiers in Marine Science: Wieczorek et al., 2018), in Alpenseen (Environmental Pollution: Sighicelli et al., 2018), in Kosmetika und eben auch in unserem Essen (z. B. Environmental Pollution: Catarino et al., 2018). In Teilen liegt das daran, dass die Nachweismethoden der Wissenschaft immer genauer und teilweise auch günstiger geworden sind. Auch dürfte es daran liegen, dass das Plastik, welches die Menschheit in ihre Geschichte hergestellt hat, nicht so einfach verschwindet, sondern – einmal in die Umwelt entlassen – sich ansammelt. Mit jedem Jahr, in dem wir als Menschheit Plastik benutzen, wird der Berg des Plastiks in der Umwelt größer. Allein fünf Millionen Tonnen Plastik landeten im Jahr 2010 im Meer (Science: Jambeck et al., 2015). Wissenschaftlerinnen und Forscher schätzen, dass die Menschheit inzwischen mehr als 8 Milliarden Tonnen Plastik produziert hat (Science Advances: Geyer, 2017). Ein kleiner Teil davon wird recycelt, ein weiterer verbrannt, fast 80 Prozent landen auf Müllhalden oder in den Ozeanen.

Aber noch etwas hat dazu beigetragen, dass in letzter Zeit andauernd Kunststoffreste gefunden wird: Plastik in der Umwelt beschäftigt mittlerweile einen Großteil der Menschen. Es ist längst kein Thema mehr nur für Aktivisten, sondern geht jeden etwas an. Die Sorge um die Umwelt – und natürlich um unsere eigene Gesundheit – ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Gefragt danach, welche Gesundheits- und Verbraucherthemen Menschen in Deutschland beunruhigen, steht Mikroplastik in Lebensmitteln aktuell auf Platz zwei. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung (56 Prozent) sorgt sich um Rückstände, fast ebenso viele machen sich Gedanken über Pflanzenschutzmittelreste im Essen (BfR-Verbrauchermonitor, 08/2018). Nur das Thema Antibiotikaresistenzen verunsichert derzeit mehr Menschen (68 Prozent).

Was die Forschung bereits weiß: Plastik schadet Umwelt, Ökosystemen und der Tierwelt. Meeressäuger und Seevögel verwechseln größere Kunststoffteile mit Nahrung. Das macht nicht satt, aber einen vollen Magen. Viele Tiere verhungern. Und die Ecken und Kanten von Plastikteilen verletzen unter anderem den Magen und Darm von Seevögeln (Marine Ecology: Azzarello und Van Vleet, 1987). Schätzungen gehen davon aus, dass jedes Jahr um die 100.000 Meerestiere wie Wale oder Delfine und möglicherweise eine Million Seevögel an den Folgen von Plastik im Meer verenden. Genau weiß das aber niemand. Die Zahl verletzter Lebewesen und jener, die sich in Plastik und Netzen verheddern, lässt zumindest darauf schließen (UntangledMarine debris: Butterworth et al., 2012, PDF).

Die große Unbekannte aber ist Mikroplastik: Meeresökologinnen und Tiefseeforscher wissen nicht, wo mehr als 99 Prozent der Plastikreste in den Ozeanen sind. Sie werden von Wind und Wetter, Meer und Strömung in kaum mehr sichtbare Partikel zerrieben. Das Allermeiste dürfte in der Tiefsee verschwunden sein. Was bekannt ist: Plastikteile saugen sich teilweise wie Schwämme mit Schadstoffen voll, zum Beispiel mit giftigen, krebserregenden Chlorverbindungen (PCB) (Marine Pollution Bulletin: Karapanagioti et al., 2011). Werden die Teile von Tieren verschluckt, geben sie die Schadstoffe wieder ab (Philosophical Transactions of the Royal Society B: Teuten et al., 2009). Die langfristigen Folgen der Plastikdiät für die Tiere sind ungewiss. Was aber im Ozean treibt, landet auch irgendwann wieder an Land. Der Mensch fischt im Meer und bekommt sein Plastik auch in winziger Partikelform über Fische und Meeresfrüchte wieder zurück.

Plastik im Meer - Erst vergiften wir den Ozean, dann uns selbst Millionen Tonnen Kunststoff landen jedes Jahr im Meer und schaden Tieren und der Natur. Als Mikropartikel atmen wir ihn auch ein. Ein Erklärvideo © Foto: youtube.com/cheeseandjamsandwich

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3. Was Mikroplastik für den Menschen bedeutet, ist völlig unklar

Kann man die ganzen Gefahren auch auf den Menschen übertragen? Nein, definitiv nicht. Was einzelnen Teilen des Ökosystems schadet, muss dem Menschen nicht direkt schaden. Ein Beispiel verdeutlicht das: Deutsche Kläranlagen schaffen es auch nicht, alle Chemikalien aus dem Abwasser zu filtern. Medikamentenrückstände, die im Urin stecken, werden nur teilweise entfernt, ehe das (halbwegs gut) gereinigte Wasser wieder in die Umwelt geleitet wird. Das hat Folgen. Flussabwärts der Zuflüsse von Kläranlagen gibt es gehäuft verweiblichte Fische. Unter anderem gelangen etwa weibliche Geschlechtshormone aus der Antibabypille in ausreichenden Konzentrationen aus den Kläranlagen in die Flüsse.

Nur was bedeutet das für die Menschen? Erst einmal wenig, denn das Wasser, das wir trinken, wird erstens auf seinem Weg ins Grundwasser von den Gesteinsschichten des Bodens gründlich gefiltert. Und zweitens von den Wasserwerken und Behörden sorgsam getestet. Zwar wurden hin und wieder Spuren von Medikamenten im Leitungswasser gefunden. Die Behörden und vor allem das Umweltbundesamt aber sind sich sicher: Die Spuren sind derart klein, dass sie derzeit keinen gesundheitlichen Schaden für den Menschen bedeuten.

Auf Mikroplastik übertragen ist die Datenlage schlecht. Tatsächlich ist bisher sehr wenig darüber bekannt, wie Mikroplastik auf die Gesundheit im Körper des Menschen wirken könnte. Es gibt allenfalls verschiedene Hypothesen. Die vielleicht wichtigste ist, dass sich an die Mikroplastikpartikel Schadstoffe anlagern könnten, die dann abgegeben werden, wenn der Mensch die Partikel zu sich nimmt, zum Beispiel über kontaminierten Fisch. Hier wäre es dann wieder die Dosis, die das Gift macht. Wer besonders viel verunreinigtes Mikroplastik zu sich nimmt, nimmt eben auch viele Schadstoffe zu sich.

Eine weitere Hypothese ist, dass Mikroplastik, weil es so klein ist, die verschiedenen Zellbarrieren im Körper überwinden könnte und so Entzündungen auslöst. Eingeatmetes Mikroplastik könnte so das Lungengewebe schädigen, geschluckte Kunststoffteilchen könnten sich womöglich in Lymphknoten des Darms sammeln (Environmental Science and Technology: Wright & Kelly, 2017). Bisher gehen das Bundesamt für Risikobewertung und das Umweltministerium davon aus, dass Mikroplastik keine große Gefahr bedeutet.

Da viele Kosmetikprodukte wie etwa Cremes, Peelings, Duschgele oder auch Zahnpasta Mikropartikel aus Kunststoff enthalten, hat das Bundesinstitut für Risikobewertung versucht zu prüfen, ob dies gefährlich sein könnte. Grundsätzlich seien die Teilchen aber mit mindestens 0,001 Millimeter zu groß, um über die Haut in den Körper zu gelangen. Auch dürfte verschluckte Zahnpasta deshalb unbedenklich sein. "Nach jetzigem Kenntnisstand ist ein gesundheitliches Risiko unwahrscheinlich", heißt es (Bundesinstitut für Risikobewertung, FAQ). Das Bundesinstitut erklärt zudem, dass einzelne Berichte in den vergangenen Jahren über Funde von Mikroplastik in Bier und Mineralwasser kaum nachprüfbar und Rückschlüsse auf ein generelles Problem nicht möglich seien.   

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4. Es wird noch Jahre dauern, bis wir verstehen, wie Mikroplastik wirkt

Das führt zu der eigentlich wichtigsten Frage: Wann wissen wir endlich, ob Mikroplastik überhaupt schädlich für unsere Gesundheit ist? Hier fehlt noch viel Forschung. Es braucht dafür vermutlich Tierversuche genauso wie große Kohortenstudien, zum Beispiel mit Menschen, die auf der Arbeit Mikroplastik in höheren Konzentrationen einatmen als Normalbürger. Weil es sich um umweltmedizinische Fragen handelt, ist das Ganze schwieriger zu untersuchen. Es ist unter anderem nichts so einfach, Probandinnen und Probanden zu finden, die keinerlei Mikroplastikteilchen ausgesetzt sind. Die Studie, die künftig nach Mikroplastik im Stuhlgang von Menschen suchen soll, ist nur ein winziger Anfang. Mittlerweile tut sich aber etwas: Das Forschungsministerium hat vergangenen Dezember 35 Millionen Euro für verschiedene Forschungsprojekte zum Thema Plastik bewilligt.

Tatsächlich wird es wohl noch Jahre dauern, bis wir Genaueres wissen. Selbst beim Baustoff Asbest, über den man heute weiß, dass er einen sehr aggressiven Tumor des Lungenfells verursachen kann, hat es Jahrzehnte gebraucht, bis seine Wirkung und die Ausmaße der Asbestose genauer verstanden waren. Die ersten Berichte über gehäufte Lungenerkrankungen erschienen schon 1924 (BMJ Postgraduate Medical Journal: Bartrip, 2004). Erst 70 Jahre später, 1995, wurde Asbest in Deutschland verboten. Das heißt keineswegs, dass Mikroplastik für die Gesundheit so schlimm ist wie Asbest. Das ist sehr unwahrscheinlich. Was der Vergleich aber zeigt: Gute Forschung braucht Jahre, die Umsetzung in Gesundheitsvorschriften auch.

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5. Unsere Gesundheit hängt untrennbar mit den Ökosystemen zusammen

Eine Erkenntnis lässt sich am Ende aber auch aus einer Meldung wie dem Mikroplastikfund in acht Stuhlproben ziehen: Wenn es um Plastik geht, ist schnell klar, dass wir uns dem Kunsstoff nicht mehr entziehen können. Er ist Alltag. Das bedeutet auch: Wie gesund wir sind, hängt davon ab, wie gesund unsere Umwelt ist oder, wenn man so will, unser Planet als Ganzes. In medizinischen Fachkreisen nennt sich diese Idee planetare Gesundheit. Das Fachmagazin The Lancet widmet ihr seit Kurzem sogar ein eigenes Forschungsheft. Die Idee ist so einfach wie einleuchtend: Greifen wir Menschen in Ökosysteme ein, wirkt das unmittelbar auf uns zurück. Ein Beispiel macht das klar: Stoßen wir zu viel CO2 aus, erwärmt sich die Erdatmosphäre und in vielen Regionen verdorren Ernten. Das war diesen Sommer sogar in Deutschland spürbar. In einem größeren Zusammenhang bedeutet das, dass Menschen mehr und mehr Probleme bekommen, Äcker und Felder mit genügend Wasser zu versorgen. In Wüstengebieten gibt es heute schon viele Männer, Frauen und Kinder, die deshalb mangelernährt sind. Auf Plastik übertragen zeigt sich: Je mehr wir davon in die Umwelt und ins Meer entlassen, desto häufiger landet es in den Mägen von Tieren, in unserem Wasser und unseren Böden. Es tritt als gebratener Fisch oder Apfelsaft wieder in die Nahrungskette ein und landet bei uns. Die wichtigste Botschaft der Mikroplastikangst ist deshalb vielleicht diese: Uns geht es so gut oder schlecht wie der Umwelt, in der wir leben.

Mehr zum Thema: Lebensmittel, Verpackungen, Elektroschrott, Plastik – die Menschheit müllt sich zu. Mit dem Schwerpunkt "Leben im Wegwerfmodus"  folgt ZEIT ONLINE den Routen des Abfalls, zeigt, was er mit Mensch und Tier macht und wie er sich besser vermeiden ließe.

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