2018 war nicht der heißeste Sommer aller Zeiten. Aber doch ein außergewöhnlich trockener. Darin sind sich Meteorologen und Meteorologinnen einig. In keinem anderen Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gab es so viele Sommertage, in denen Regen fast vollständig ausblieb.Ein Hochdruckgebiet hatte sich über Wochen festgesetzt. Der erste Schnee lässt hoffen, die Dürre könnte überstanden sein. Doch das stimmt nicht. Derzeit sind noch immer rund 70 Prozent der Fläche Deutschlands zu trocken, vor allem das südliche Rheinland-Pfalz, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Und so verzeichnen Landwirte, Försterinnen, Wasserversorger und Naturschützer diesen Herbst die schwersten Klimafolgen, die Deutschland bisher erlebt hat:

Kartoffeln und Zwiebeln sind teurer

Gerade mal 28 Liter Regen pro Quadratmeter fielen im Oktober auf deutschen Boden. Das ist nur halb so viel wie im langjährigen Durchschnitt, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) bekannt gegeben hat. Was im Frühjahr begann, setzt sich im Herbst also fort: Trockenheit.

Die Dürre macht Landwirten und Landwirtinnen zu schaffen. Einige Felder gerieten im Sommer in Brand oder verdorrten. In der Folge änderten sich die Saatzeiten und erste Ernten fielen drastisch geringer aus als normalerweise. Viele Betriebe erlitten finanzielle Schäden, einige ruinierte der trockene Sommer sogar. Da es anderen Ländern Europas ähnlich ging, konnten Importe das nicht ausgleichen. Manches Gemüse ist also teurer als noch 2017 – wenn auch nur geringfügig.

Welche Gemüsesorten knapper werden, hängt davon ab, wer was wann angebaut hat. Eisbergsalat zum Beispiel ist im Moment rar, denn die Salate wachsen auf großen Flächen und brauchen bei hohen Temperaturen viel Wasser. Auch Möhren gibt es diesen Herbst weniger als sonst. Genau wie Zwiebeln. Deren Ernte fällt in der EU nach Einschätzung der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) um rund 15 Prozent kleiner aus als in der Vorsaison. "Ursache dafür sind witterungsbedingt niedrigere Erträge in fast allen Ländern, mit Ausnahme Spaniens", heißt es in einer Mitteilung. Für die nächsten Wochen sei ein Preisanstieg zu erwarten. Dasselbe gilt für Kartoffeln, die laut AMI um die Hälfte teurer geworden sind. Außerdem landen derzeit Knollen in den Märkten, die wegen ihrer unschönen Optik in anderen Jahren aussortiert worden wären.

Sommergemüse wie Zucchini, Auberginen oder Tomaten sind nicht betroffen, weil Bauern diese zu 80 Prozent in Gewächshäusern produzieren. Weinbauern profitieren sogar von den diesjährigen Bedingungen. Laut Daten des Statistischen Bundesamts wurden so viele Trauben geerntet wie seit 1999 nicht mehr. Ebenfalls gut sieht es für Äpfel, Birnen und anderes Baumobst aus.

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Zuckerrüben und Kopfkohl: Die Ernte vorm Winter ist gefährdet

Die brennende Sonne bei gleichzeitig niedriger relativer Luftfeuchtigkeit hat in vielen Gebieten Deutschlands täglich zu nahezu untragbaren Verdunstungsraten geführt, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) berichtet. "Dies führte bei Wintergetreide besonders auf leichten Böden zu einem Absinken der Bodenfeuchte unter den für Beregnung maßgeblichen Schwellwert von 50 Prozent nutzbarer Feldkapazität", heißt es in einem Report. Für Wintergerste bedeutet das mancherorts ein ungleichmäßiges Wachstum; auf anderen Feldern ist komplett unsicher, was sprießen wird. Winterraps gedeiht in vielen Regionen Deutschlands gut, allerdings haben sich einige Landwirte entschieden, zur Sicherheit weniger auszusäen als im Vorjahr. Ähnlich ist es um den Winterweizen bestellt: Ausgesät wird noch bis Ende November, doch weil es weiterhin trocken ist, werden schon jetzt Ernteausfälle befürchtet.

Ebenfalls betroffen sind Wintergemüsesorten wie Zuckerrüben oder Kopfkohl. Nach einer Schätzung der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker wird der Ertrag für Zuckerrüben um bis zu 18,7 Prozent im Vergleich zum jährlichen Durchschnitt sinken. Bei Kopfkohl geht das Institut von 15 Prozent weniger aus.

Werden also auch Wintergemüsesorten teuer und knapp? Dass sie uns ausgehen, würde Hans-Christoph Behr vom AMI "erst mal ausschließen, da wir grundsätzlich mehr als genug anbauen". Teurer würden sie höchstens ein paar Cent, was Verbraucherinnen und Verbrauchern kaum auffallen werde. Weil die Ernte noch läuft, bleibt abzuwarten, wie die Erträge für Kopfkohl, Zuckerrüben und andere saisonale Produkte tatsächlich ausfallen.

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In den Wäldern leiden die Fichten

Nicht nur Äcker, auch Wälder sind ausgetrocknet. Sie machen mit 11,4 Millionen Hektar knapp ein Drittel der Fläche Deutschlands aus. Mehr als 90 Milliarden Bäume wachsen hierzulande, zuletzt wurden es jährlich mehr. Nun aber stehen manche von ihnen unter großem Stress.

Ein akutes Problem: Waldschädlinge wie der Borkenkäfer, die sich in warmen, trockenen Sommern besonders vermehren. Der Geruch von geschwächtem oder totem Holz zieht die Insekten an. Sie fressen sich durch die Rinde und zerstören wertvolle Nährstoffleitbahnen, was zum langsamen Tod des Baums führt. Da Fichten mit ihrem flachen Wurzelwerk vor allem Wasser aus den oberen Erdschichten aufnehmen, sind sie besonders von Regen abhängig. Die Dürre machte sie besonders anfällig für den Borkenkäferbefall.

Försterinnen und Förster haben in den vergangenen Wochen außergewöhnlich viele Fichten abgeholzt, um sie an Sägewerke zu verkaufen. Im Handel ist damit mehr Holz als benötigt, weshalb es deutlich günstiger geworden ist. "Viele Förster werden durch die Borkenkäferplage vor die Wahl gestellt: Möchten sie ihren derzeitigen Waldbestand gesund pflegen oder lieber abholzen und neue Bäume anpflanzen? Ersteres sei sehr aufwendig, letzteres teuer, erklärte der Sprecher der Deutschen Forstleute Jens Düring.

Die Fichte hat es nicht als einzige erwischt. Einige Borkenkäferarten befallen auch Buchen. Da die Schädlinge in den Bäumen und dem umliegenden Totholz überwintern, empfiehlt Düring den Förstern, ihre restlichen Baumbestände sowie gelagerte Baumstämme genau zu überprüfen. Wenn die Eier der Käfer im nächsten Jahr schlüpfen, drohe eine noch größere Plage.

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Binnenschiffen versiegen die Fahrwege

Weil es so wenig geregnet hat, sind die Pegel in Deutschlands Flüssen und Kanälen so niedrig, dass Transportschiffe teils nur noch mit weniger Last fahren können, ohne auf Grund zu laufen. Entsprechend steigen die Kosten für den Transport schwerer Güter, etwa für die Stahl- und Autoindustrie oder das Baugewerbe.

Jährlich werden auf deutschen Binnengewässern 223 Millionen Tonnen Güter transportiert. Eine besonders wichtige Wasserstraße: der Rhein. Der jedoch führt an zahlreichen Stellen derzeit zu wenig Wasser, als das schwer beladene Schiffe sie passieren könnten. Manches Unternehmen, manches Werk ist deshalb im Moment von der Versorgungsroute abgeschnitten.

So musste der Ölkonzern Shell zum Beispiel teilweise Produktionen zurück in seine Raffinerien schicken, da Tankschiffe wegen des niedrigen Wasserstands nicht beladen werden konnten. In der Folge wurden Benzin und Diesel teurer, einigen Tankstellen ging der Kraftstoff ganz aus.

Auf der Elbe bei Magdeburg wurde der Güterverkehr sogar ganz eingestellt. Seit Juli fahren dort keine Transport- und auch keine größeren Ausflugsschiffe mehr: Damals sank der Wasserstand an einigen Stellen auf 70 Zentimeter – die Mindestpegelhöhe für Schiffe liegt bei etwas mehr als einem Meter. Im August fiel der Pegel auf ein Rekordtief von weniger als 50 Zentimetern. Seitdem ist er nicht mehr maßgeblich gestiegen.

"Momentan glaube ich nicht, dass sich der Rhein oder auch die Elbe schnell erholen. Dafür hat es in den letzten Tagen zu wenig geregnet", sagte Stefan Kunze, Leiter des Arbeitskreises Binnenschifffahrt am Hamburger Hafen. Derzeitig seien zwar nur ein paar Wasserstraßen wie die der Donau, Elbe oder dem Rhein betroffen, aber gemessen an den derzeitigen Entwicklungen könnten weitere Engpässe folgen.

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Trinkwasser wird nicht knapp, aber komplizierter aufzubereiten

Anders als das Flusswasser, wird das Trinkwasser infolge der langen Trockenheit bisher aber nicht knapp. Etwa 70 Prozent des deutschen Trinkwassers speisen sich aus Grundwasser. Weil das in tieferen Erdschichten liegt, ist es vom kurzfristigen Wetter unberührt. Und: Es bildet sich stets mehr Grundwasser nach, als wir in Deutschland dieser Tage benötigen. Zu Engpässen kam es mancherorts zuletzt, weil in zu kurzer Zeit zu viel Trinkwasser verbraucht wurde. Der Druck im Leitungssystem ist gesunken, weshalb mancher Hahn trocken blieb.

Für eine Zukunft mit mehr intensiven Dürreperioden ist jedoch relevant: Das Grundwasser ist in Deutschland ungleich verteilt. Zwar zeigen Klimamodelle, dass künftig eher mehr Wasser im Boden zur Verfügung stehen wird als früher. Das trifft aber nicht auf alle Regionen zu, wie das Onlinewissenschaftsmagazin spektrum.de berichtet: "In Brandenburg zum Beispiel werde sich im Jahr 2060 etwa 40 Prozent weniger Grundwasser bilden, berechnete das Umweltministerium im Jahr 2008."

Ein anderer wichtiger Aspekt ist die Sauberkeit des Wassers. An Dutzenden Orten in und um Berlin beispielsweise kommt mehr Abwasser an als Frischwasser entnommen wird, wie der Tagesspiegel im August berichtete. Ebenfalls wichtig zu beobachten in dieser Region seien die Sulfatmengen, weil die Salze Betonmauern und Rohre angreifen können, heißt es in einem weiteren Artikel. Müssen Anlagen solche und ähnliche Stoffe vermehrt herausfiltern, wird die Aufbereitung von Trinkwasser teurer.

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Es ist erst der Anfang

Wie es in den kommenden Monaten weitergeht? Der Winter über Europa galt bisher als kaum vorhersagbar, "die Nordatlantische Oszillation als zu chaotisch", schreibt der Deutsche Wetterdienst (DWD). Dennoch versuchen sich Meteorologinnen und Meteorologen mit dem Deutschen Klimavorhersagesystem an der routinemäßigen Jahreszeitenvorhersage.

Die Vermutung: In den kommenden Monaten wird es nicht genug regnen, um den trockenen Sommer auszugleichen. "Die Prognosen sind allerdings im Hinblick auf Niederschläge eher ungenau", sagt Kristina Fröhlich, Klimaforscherin beim DWD. "Unsere Vorhersagen basieren auf Statistiken, für präzise Aussagen haben wir leider zu wenig Daten."

Für die kommenden Jahre und Jahrzehnte rechnen Klimaforscherinnen mit noch mehr heißen Tagen und Hitzeperioden in Deutschland. Nun ist Wetter nicht gleich Klima, weshalb über lange Zeit die Faustregel galt, man könne das Wirken des Klimawandels nur in Trends identifizieren, nicht aber in Einzelereignissen. Der Zeitraum, seit dem es Wetteraufzeichnungen gibt, ist einfach zu kurz. Wie stark die aktuelle Dürrephase in Europa vom Klimawandel beeinflusst ist, lässt sich daher momentan noch nicht im Detail beantworten.

Und das ist weiterhin richtig. Als gesichert gilt aber auch, dass solche Dürren aufgrund der globalen Erwärmung künftig häufiger auftreten, länger andauern und mehr Menschen betreffen werden als in der Vergangenheit. Auch die Wissenschaft hat hier dazugelernt. In einem neuen Forschungsfeld, der attribution science, fragen Forscherinnen und Forscher zunehmend nicht mehr nur danach, ob ein Ereignis die Folge des Klimawandels ist, sondern vor allem, ob ein Wetterereignis auch in einer Welt ohne globale Erwärmung aufgetreten sein könnte (DIE ZEIT, Nr. 32/2018).

So heißt es heute: Der Klimawandel lässt sich nicht mehr vom Wetter trennen. Ebenso: Der Klimawandel hat zur diesjährigen Ausnahmedürre beigetragen.

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Deutschland muss sich vorbereiten

An den aktuellen Folgen der Dürre lässt sich kaum etwas ändern. Langfristig können sich Förster und Bauern aber schon auf ein verändertes Klima einstellen.

Wälder zum Beispiel müssen künftig anders aufgeforstet werden. Zumindest teilweise. Naturferne Kiefern- und Fichtenwälder sollten zum Beispiel in dichte und artenreiche Laubmischwälder umgewandelt werden. Fest steht auch: Weil es den perfekten Wald nicht gibt, müssen für die optimale Nutzung Kompromisse geschlossen werden (Nature Communications: Felipe-Lucia et al., 2018). Auch die Landwirtschaft muss sich anpassen, wenn sie auf Dauer ertragreich sein soll. Wie genau, darüber wird debattiert. Worüber sich Agrarwissenschaftler und -forscherinnen bereits einig sind: Es braucht mehr Vielfalt auf den Feldern, also Multikulti statt Monokultur. Dazu gehört ein schrittweiser, abwechslungsreicher Anbau von zwei, drei, vier oder mehr verschiedenen Ackerfrüchten und Mischkulturen oder Agroforstsysteme, bei denen Bäume neben Nahrungspflanzen wachsen. Fraglich ist, inwieweit Hightech in der Landwirtschaft die Probleme, die der Klimawandel mit sich bringt, lösen kann. Bauern können sich natürlich schon heute neue, effizientere Bewässerungssysteme anschaffen und sich gegen Dürreschäden versichern – aber all das muss erst mal bezahlt werden. Hier kann der Staat mit Subventionen helfen. Letztlich werden alle die Klimafolgen auch an den Preisen für Gemüse, Obst und andere Lebensmittel spüren.

Viele dieser Veränderungen würden nicht nur Dürrestress vorbeugen. Auch milde Winter, Hitze und häufigerer Kahlfrost – also Minusgrade ohne schützende Schneedecke – können Forst und Landwirtschaft so besser ab.

Alles zur Trockenheit in Deutschland, den Ursachen und Folgen, lesen Sie auf dieser Seite.

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