Geisterhaft ist es immer öfter am Meeresgrund. Ob vor den Malediven und Hawaii, vor Australien und Palau – vielerorts bleichen Korallen aus, einst bunt belebte Riffe verkommen zu kargen Wüsten. Erwiesenermaßen treiben Wetterphänomene wie El Niño und steigende Wassertemperaturen bedingt durch den Klimawandel den Verfall der Riffe an. Weniger bekannt: Auch Sonnencremes töten das Riff. Verantwortlich sind einige Chemikalien, die sie enthalten; allen voran Oxybenzon, Octocrylen und Parabene.

Das pazifische Urlaubsparadies Palau will deshalb Sonnencremes mit diesen Wirkstoffen verbieten, um seine berühmten Korallenriffe zu schützen. Im Mai hatte bereits der US-Bundesstaat Hawaii ein Sonnenmilchverbot ab 2021 beschlossen. Ein Regierungssprecher in Palau verwies auf wissenschaftliche Erkenntnisse, denen zufolge Chemikalien aus Sonnenschutzmitteln schon in geringen Mengen die empfindlichen Korallen zum Absterben brächten. Das Verbot soll dort am 1. Januar 2020 in Kraft treten.

"An jedem beliebigen Tag gelangt an Palaus beliebten Tauch- und Schnorchelorten literweise Sonnencreme in den Ozean", sagte der Sprecher. Künftig solle die Einfuhr oder der Verkauf verbotener Sonnencremes mit einem Bußgeld von umgerechnet 880 Euro belegt werden. 

Der amerikanischen Meeresbehörde Noaa zufolge gelangen jährlich 4.000 bis 6.000 Tonnen Sonnenschutzmittel in Korallenriffe. Weil sie sich nur langsam abbauen, reichern sie sich an. In den meisten Cremes und Sprays sind noch immer Oxybenzon, Octocrylen und Parabene enthalten, die vor UV-Strahlung schützen oder die Mittel konservieren. Wiederholt haben Studien darauf hingedeutet, dass speziell diese Stoffe sich in Korallen anreichern (Environmental Science & Technology: Tsui et al., 2017) und diesen sowie anderen Meeresbewohnern schaden können.

Chemikalien beeinflussen das Wachstum von Meerestieren

So soll sich beispielsweise Octocrylen, das in vier von fünf europäischen Sonnenschutzprodukten steckt, auf Meeresorganismen auswirken. Untersucht wurde etwa, wie es Wasserflöhen, Wimperntierchen oder Zebrafischen schadet (Ecotoxicol Environ Saf.: Park et al., 2017 & Chemosphere: Gao et al., 2013 & Chemosphere: Zhang et al., 2016). Der Stoff wirkt sich demnach unter anderem auf den Hormonhaushalt aus. Mit welchen Folgen ist unklar.

Ein anderes Forscherteam hat die Wirkung von Oxybenzon genauer untersucht. Im Labor haben sie getestet, wie sich der Stoff auf Larven und erwachsene Korallen der Art Stylophora pistillata auswirkt (Archives Environmental Contamination and Toxicology: Downs et al., 2015). Demnach erhöhte die Chemikalie die Wahrscheinlichkeit der Bleiche, schädigte das Erbgut und beeinflusste das Skelettwachstum. Je höher Oxybenzon konzentriert war und je heller die Umgebung, desto stärker waren die beobachteten Effekte. Weil Oxybenzon mutmaßlich hormonähnlich wirkt, verzichten manche Hersteller bereits auf den Stoff.

Insgesamt ist die Zahl der Untersuchungen begrenzt, auch ist bislang unverstanden, wie genau und in welchem Ausmaß die Stoffe tatsächlich wirken (Johnson, 2018). Die Erkenntnisse gelten aber als besorgniserregend genug, um beachtet zu werden und daraus Konsequenzen zu ziehen. "Auch wenn die meisten Studien, die in diesem Paper reviewed wurden, neurotoxische Effekte von UV-Filtern bei Konzentrationen aufzeigen, die deutlich höher sind als die in der Umwelt und in menschlichem Gewebe beobachteten, sollten diese Studien nicht missachtet werden, weil sie potenzielle Krankheitsmechanismen zeigen, die womöglich unter anderen Bedingungen oder in sensiblen Populationen auftreten können", heißt es etwa in einer kürzlich erschienenen Übersichtsarbeit (Toxicology Reports: Ruszkiewicz et al., 2017)

Heißt das nun, man solle einen Sonnenbrand der Korallengesundheit wegen riskieren? Nein. Zum einen ist es möglich, sich im Wasser mit langärmliger, leichter Kleidung zu schützen. Zum anderen gibt es nach jetziger Kenntnis Riff-freundliche Cremes – manche Fluggesellschaft teilt diese sogar aus.