Es ist extrem. Der Nationale Wetterdienst (NWS) der USA warnt vor "Erfrierungen binnen Minuten". Seit Tagen leiden rund 140 Millionen Menschen an den Folgen einer Kältewelle. In mehreren US-Staaten, vor allem im Mittleren Westen, wurde der Katastrophenfall ausgerufen – in Kanada ist es ähnlich eisig. Aber, das Ende der gefühlten Eiszeit ist in Sicht: Bald soll es frühlingshaft werden. Wie kommt es zu so starken Temperaturschwankungen? Meteorologe und Wetter-Moderator Karsten Schwanke erklärt es uns.

In mindestens sechs Staaten der USA ist es kälter als in der Antarktis – rund um den Südpol herrscht, obwohl dort Sommer ist, aktuell eine Temperatur von minus 32 Grad Celsius. In den USA wurde die Minus-40-Grad-Marke gleich mehrfach unterschritten. Die Ursache dafür: arktische Polarluft. Sie hat sich von Nordkanada bis in den Norden der USA geschoben. Und so schwappt eine Kältewelle nicht nur durch die Natur, sondern auch durch die Medien. In Deutschland fragen sich viele, ob die Amerikanerinnen und Amerikaner vielleicht etwas übertreiben mit ihren Extreme-Blizzard-Condition-News. Schließlich herrscht Winter. Dass der in Nordamerika kalt werden kann, kein Geheimnis. Zudem erreichen uns aus den USA gefühlt jedes Jahr solche Winter-Katastrophen-Meldungen.

Wenn wir in Deutschland von "arktischer Polarluft" sprechen (ein Wort, das wir Meteorologen häufiger in den Mund nehmen), dann reden wir von minus fünf Grad in Hamburg oder auch mal minus 15 Grad nachts in Berlin. Aber das, was die Menschen in Nordamerika derzeit erleben, ist ein anderes Kaliber. Es ist eine Kältewelle, die es wirklich in sich hat. Mehr als 80 Millionen Menschen sind im Moment Temperaturen von minus 20 Grad Celsius und drunter ausgesetzt (dort, in den USA, wird natürlich in Fahrenheit gezählt). In Chicago wurde mit minus 31 Grad Celsius die zweittiefste jemals gemessene Temperatur registriert – in einer fast 150 Jahre langen Messreihe. Tausende Flüge mussten am Internationalen Flughafen O'Hare gestrichen werden, Schulen und öffentliche Gebäude bleiben geschlossen. Hand aufs Herz: Bei derart eisigen Temperaturen würde auch in Deutschland nichts mehr gehen.

Doch das ist ja erst der Anfang der Geschichte. Genauso schnell wie die Kälte aus der Arktis bis zu den Großen Seen (zu den Great Lakes der USA zählen der Lake Michigan, der Lake Superior sowie der Erie-, Huron- und der Ontariosee) vorgestoßen ist, zieht sie sich auch wieder zurück. Am Wochenende wird sie – so sieht es auf den aktuellen Wettersimulationen aus – von fast frühlingshaft warmer Luft ersetzt. Am Sonntag soll es in Chicago zehn bis zwölf Grad Celsius warm werden.

Wie außergewöhnlich ist so ein Temperatursprung?

Einen Temperatursprung um 42K (korrekterweise werden Temperaturdifferenzen in der Meteorologie in Kelvin angegeben – der Wert bleibt aber derselbe, egal ob man Celsius oder Kelvin sagt) – von minus 31 Grad Celsius auf elf Grad Celsius in nur 72 Stunden – gab es in Chicago noch nie. An anderen Orten aber sehr wohl. Die Aufzeichnungen des US-Wetterdienstes verzeichnen folgende Rekord-Temperatursprünge:

  • 45,5 Kelvin in weniger als 24 Stunden: In Fort Belknap (Montana) kletterte die Temperatur am 13. Februar 2018 von minus 38,3 Grad auf 7,2 Grad Celsius.
  • Ebenfalls in Montana, in Browning, fiel die Temperatur am 23./24. Januar 1916 von 6,7 auf minus 48,9 Grad Celsius – eine Differenz von 55,6 Kelvin.
  • Der größte Temperatursprung innerhalb einer Woche war im Februar 2011 in Nowata in Oklahoma zu beobachten. Damals stieg die Temperatur von tief winterlichen minus 35 auf sommerliche 26,1 Grad Celsius, ein Unterschied von 61,1 Kelvin.

Doch warum kann es in Chicago (auf einer geografischen Breite von Rom!) Temperaturen geben, die in Europa höchstens in Skandinavien vorkommen?

USA - Kältewelle hält an Temperaturen von bis zu -49 Grad haben das öffentliche Leben im Mittleren Westen der USA teilweise zum Erliegen gebracht. Es ist die extremste Kältewelle seit 20 Jahren. © Foto: Scott Olson