In Bayern haben rund 900.000 Bürgerinnen und Bürger das Volksbegehren Artenvielfalt unterschrieben – sie wollen durch mehrere Änderungen des bayerischen Naturschutzgesetzes das Insektensterben aufhalten und die Artenvielfalt retten. Kommen bis Mittwoch noch rund 50.000 Unterschriften dazu, muss sich der Bayerische Landtag mit dem Anliegen befassen. Doch sind die geforderten Maßnahmen aus wissenschaftlicher Sicht sinnvoll? Diverse Studien haben untersucht, was die Vielfalt der Insekten bedroht, insbesondere der Bienen. Das Wichtigste im Überblick:

Warum sind Insekten überhaupt wichtig?

Keine Tiergruppe umfasst so viele Arten wie die Insekten. Sie bilden das Fundament eines gesunden Ökosystems und dienen zahlreichen anderen Tieren als Futter. Weniger Insekten bedeutet deshalb mit der Zeit auch weniger Fische, Frösche, Eidechsen, Vögel und Säugetiere. Für Menschen sind Insekten ebenfalls unverzichtbar: Sie bestäuben die Pflanzen, die wir essen. Zwei Drittel der hundert wichtigsten Nutzpflanzen sind ganz oder teilweise davon abhängig. Zudem helfen manche Insekten bei der Bekämpfung von Schädlingen, indem sie sich gegenseitig regulieren.

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Warum wird oft nur über Bienen gesprochen?

Die Honigbiene ist ein Sympathieträger. Naturschützerinnen nutzen seit Jahren stilisierte Bienen für ihre Kampagnenarbeit. Der Slogan des Volksbegehrens in Bayern lautet "Rettet die Bienen!" Und vergangenes Jahr etablierten die Vereinten Nationen den Weltbienentag. Dass die Honigbiene zur beliebtesten Art unter den Insekten geworden ist, liegt wohl an ihrer Rolle als Honigproduzent und Bestäuber. Dabei ist nicht zu vergessen, dass es in Deutschland neben der Honigbiene noch mehr als 570 wilde Bienenarten und Tausende weitere Insektenarten gibt, die ebenfalls bestäuben.

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Gibt es nun ein nachweisbares Bienensterben oder nicht?

Der Begriff "Bienensterben" wird in der Debatte um Artenvielfalt oft politisch verwendet. Gemeint ist dann ein flächendeckendes Aussterben aller Bienen, was wissenschaftlich nicht belegt ist. Zwar stünde die Hälfte der deutschen Wildbienenarten auf der Roten Liste gefährdeter Arten und man müsse damit rechnen, dass in den nächsten 25 Jahren jede dritte Art aussterbe, doch von einem Bienensterben im fachlichen Sinne könne man nicht sprechen, sagt der Wildbienenforscher Robert Paxton von der Universität Halle.

Die Honigbiene ist ein Sonderfall, da sie kommerziell genutzt wird. Solange es Imker gebe, könne die Honigbiene nicht aussterben, sagt der Bienenforscher Peter Rosenkranz, Leiter der Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Hohenheim.

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Gibt es einen Rückgang von Insekten insgesamt?

Der Rückgang einzelner Arten in bestimmten Gebieten ist unumstritten. Um einzuschätzen, ob ein sogenanntes Insektensterben stattfindet, sind die wissenschaftlichen Befunde allerdings zu lückenhaft. Was bekannt ist: In vielen Regionen schwinden vor allem Arten, die spezialisiert sind, also beispielsweise nur den Nektar einer Pflanze trinken. Generalisten, die flexiblere Futterquellen haben, scheinen teilweise zu profitieren. Insgesamt hat sich die Biomasse, also das Gesamtgewicht aller Insekten, in den vergangenen Jahren aber verringert (Plos One: Hallmann et al., 2017). Eine aktuelle Übersichtsarbeit, die 73 Studien ausgewertet und verglichen hat, kam zu dem Schluss, dass 40 Prozent der Insektenarten weltweit einen Rückgang zeigten und ein Drittel der Arten vom Aussterben bedroht sei (Biological Conservation: Sánchez-Bayo/Wyckhuys, 2019).

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Was sind die Ursachen für den Artenverlust?

Als zentralen Treiber für den Verlust der Insektenvielfalt identifizierten die Autoren der aktuellen Übersichtsstudie den Verlust von Lebensraum durch intensive Landwirtschaft sowie die zunehmende Urbanisierung. In Gärten, die nur aus Rasenfläche bestehen, oder umgepflügten Ackerrandstreifen finden Insekten weder Nahrung noch Nistplätze. Zusätzliche Ursachen für den Insektenschwund seien laut der Studie der Einsatz chemischer Schadstoffe wie Pestizide und synthetische Düngemittel, invasive Arten und der Klimawandel.

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Wie schädlich ist der Einsatz von Pestiziden für die Artenvielfalt?

Pestizid ist ein Oberbegriff für chemische Stoffe, die eingesetzt werden, um Pflanzen oder Tiere, die als schädlich betrachtet werden, im Wachstum zu hemmen oder zu beseitigen. Insektizide sind Pestizide, die gegen schädliche Insekten wirken. Eine Gruppe besonders wirksamer Insektizide sind die Neonicotinoide. Sie werden in der Landwirtschaft eingesetzt, um die Ernte vor Schädlingen wie Blattläusen zu bewahren. Das Problem: Sie locken auch Bienen an und schädigen sie. Unter anderem wird das Nervensystem der Tiere angegriffen, wodurch ihr Lernvermögen und ihre Orientierungsfähigkeit eingeschränkt werden (Plos One: Fischer et al., 2014). Neonicotinoide stehen daher unter dem Verdacht, für den Bienenschwund mitverantwortlich zu sein.

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Sind die schädlichsten Gifte nicht schon verboten?

Bereits seit 2013 dürfen Neonicotinoide in Europa nicht mehr an Pflanzen wie Mais und Raps eingesetzt werden, auf denen sich Bienen normalerweise niederlassen. Im April 2018 hat ein EU-Ausschuss das Verbot verschärft und den Freilandeinsatz von drei Stoffen – Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam – europaweit verboten. Mit einem Totalverbot sei das Problem aber nicht gelöst, sagen Experten. Landwirte müssten notgedrungen auf andere Methoden und Mittel ausweichen, die nächste Generation der Pestizide stehe schon bereit. Inwiefern diese Insekten ungewollt gefährden, ist bislang nicht abzusehen.

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Was empfehlen Forscherinnen und Forscher, um Insekten zu schützen?

Die Umgestaltung der Landwirtschaft wird immer wieder als bedeutsamer Schritt aufgeführt, um einen weiteren Verlust der Artenvielfalt zu verhindern. Davon ist auch der Autor der aktuellen Übersichtsstudie überzeugt: Lebensräume müssten wiederhergestellt werden, der Einsatz von chemischen Stoffen drastisch reduziert und durch ökologische Praktiken ersetzt werden, schreibt Francisco Sánchez-Bayo. Bürgerinnen und Bürger können zum Schutz der Insekten beitragen, indem sie in ihren Gärten Futter- und Nistmöglichkeiten für Insekten schaffen.

Einige Passagen aus diesem FAQ sind Artikeln von Alina Schadwinkel, Anja Garms, Fritz Habekuß und Gunther Willinger entnommen, die bereits auf ZEIT ONLINE erschienen sind. Mehr dazu, was Bienen und andere Insekten gefährdet, lesen Sie hier.

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