Die Honigbiene ist der Star unter den Bienen. Sie ziert Sticker, Schilder, Broschüren sowie Titelseiten und ist derzeit gewissermaßen Wappentier des Artenschutz-Volksbegehrens in Bayern. Dabei gibt es weltweit mehr als 20.000 Bienenarten. In Deutschland sind immerhin rund 570 Arten bekannt, sie alle sind für die Menschen wichtig und schützenswert. So kam eine britische Studie zu dem Ergebnis, dass Honigbienen höchstens ein Drittel der Bestäubungsleistung in Großbritannien erbringen (Agriculture, Ecosystems & Environment: Breeze, Bailey, Balcombe, Potts, 2011). Der Rest entfällt demnach auf Wildbienen, Schwebfliegen und andere wilde Bestäuber.

Zu der vielfältigen Wildbienenfauna in Deutschland gehören zahlreiche Sandbienen, Maskenbienen, Seidenbienen, Mauerbienen, Blattschneiderbienen, Wollbienen, Langhornbienen und viele mehr. Meist leben Wildbienen einzeln, das heißt, jedes Weibchen kümmert sich nach der Befruchtung selbst um den Nachwuchs. Ausnahmen bilden einige soziale Arten wie Schmalbienen und Hummeln, die teils bis zu mehrere Hundert Arbeiterinnen versammeln. Die Lebensräume der Wildbienen sind vielfältig. Sie bauen kleine Nester aus Lehm, Harz, Steinchen oder Blättern, sie graben Gänge in den Boden oder zwischen Kiesel, sie höhlen Pflanzenstängel aus, besetzen verlassene Schneckenhäuser oder besiedeln die Bohrgänge von in Holz lebenden Käfern. Jede Art bevorzugt ihren eigenen speziellen Nistplatz. 

Auch in Bezug auf Futterquellen sind Bienenarten höchst spezialisiert und damit auf entsprechende Blütenpflanzen angewiesen. Hosenbienen beispielsweise, deren mit Pollen beladene Hinterbeine an Schlaghosen aus den Siebzigerjahren erinnern, steuern ausschließlich bestimmte Korbblütler oder Kardengewächse an. Und unter den mitteleuropäischen Bienen beherrschen nur die Hummeln jene Vibrationstechnik, mit der sie in einer ganz bestimmten Frequenz an den Blüten von Nachtschattengewächse rütteln, bis diese ihren Pollen freigeben. Das ist der Grund, warum sich Tomaten, Paprika und Auberginen in Europa ausschließlich von Hummeln bestäuben lassen. Inzwischen werden diese in großem Maßstab gezüchtet und in Gewächshäusern auf der ganzen Welt eingesetzt.

Ökologie - Hier kommt die Biene in den Sauger Käfer, Wespen, Heuschrecken: Was aus einem Ökosystem wird, wenn Insekten seltener werden, erforschen Biologinnen und Biologen in Jena – mit teils erstaunlichen Methoden. Eine Videoreportage © Foto: Sven Kästner

Rund 40 Bienenarten gelten als verschollen oder ausgestorben

Weil die Winzlinge so wichtig sind, ist der aktuell bezifferte Insektenschwund in Nordamerika und Westeuropa besorgniserregend (Biological Conservation: Sánchez-Bayo/Wyckhuys, 2019). Nun ist nicht jede Art gleichermaßen gefährdet und auch Bienen sind unterschiedlich stark betroffen. Doch für die Gesamtheit der wilden Bienen in Deutschland ergibt sich ein erschreckendes Bild: Mehr als die Hälfte steht auf der Roten Liste der gefährdeten Tierarten, 37 Arten gelten als verschollen oder ausgestorben. Der Trend weist klar nach unten. "Alle Fachleute wissen, dass es einen deutlichen Rückgang gegeben hat. Selbst in Naturschutzgebieten treffen wir viele Arten nicht mehr an, die wir dort früher beobachtet haben", sagt Wildbienenexperte Paul Westrich. Das Insektensterben zu quantifizieren, sei jedoch extrem schwierig.

Westrich hat bereits im Jahr 1983 das Wildbienenvorkommen in einem Bachtal nördlich von Stuttgart mit Untersuchungen aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren verglichen und kam schon damals zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Arten im Zeitraum von 50 Jahren um 65 Prozent zurückgegangen war. "Der Aussterbeprozess hat schon vor 100 Jahren begonnen und mit dem Aufkommen von Herbiziden, Insektiziden, Flurbereinigung und der zunehmenden Technisierung in der Landwirtschaft seit den Sechzigerjahren zunehmend an Fahrt gewonnen", sagt Westrich.

Lange hatten Wildbienen von der Umgestaltung der Landschaft durch den Menschen profitiert. Dort, wo Wälder durch ein vielfältiges Mosaik aus Äckern, Wiesen, Weiden, Hecken, Obstwiesen und Gehölze ersetzt wurden, entstand eine höhere Vielfalt an Nistplätzen und Futterquellen. Gleichzeitig haben die Menschen aber nahezu sämtliche Lebensräume mit natürlicher Dynamik zerstört. Etwa unregulierte Flüsse und Bäche mit periodisch überschwemmten Auen, natürlich alternde Wälder oder Feuchtwiesen und Moore.