Es sind schwere Anschuldigungen, die das US-Magazin "BuzzFeed News" nach intensiven Recherchen erhebt. Die Umweltorganisation World Wide Fund For Nature, kurz WWF, soll in mehreren Ländern Asiens und Afrikas bewaffnete Rangertruppen mitfinanzieren und unterstützen. Mitglieder solcher Truppen sollen Gewalttaten bis hin zu Folter und Mord begangen haben. So hätten von der NGO geförderte Antiwildereikommandos Anwohner von Schutzgebieten vertrieben, deren Häuser zerstört, sie misshandelt und eingeschüchtert. Auch auf eine Verwicklung von Umweltschützern in ein gescheitertes Waffengeschäft gäbe es Hinweise.

Noch nachdem Mitarbeiter des WWF von Menschenrechtsverletzungen Kenntnis genommen hatten, soll die Zusammenarbeit mit kriminellen Wildhütern zum Teil fortgesetzt worden sein. "BuzzFeed Deutschland" veröffentlichte zudem einen Bericht, wonach es im kongolesischen Salonga-Nationalpark zu schwersten Menschenrechtsverbrechen gekommen sein soll – einem Gebiet, in dem die deutsche Bundesregierung die Arbeit der Naturschützer seit Jahren mit Mitteln in Millionenhöhe fördert.

Die internationale Dachorganisation des WWF hat eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle auch durch eine Londoner Anwaltskanzlei für Menschenrechte angekündigt. Der WWF Deutschland zeigte sich bestürzt über die Vorwürfe und hat den ehemaligen Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung, Markus Löning, zur Aufarbeitung hinzugezogen. Hier ein Überblick über das, was "BuzzFeed News" bislang berichtet hat.

Ein Todesfall nach mutmaßlicher Folter in Nepal

In Nepal im Gebiet um den Chitwan-Nationalpark sollen Ranger, die in dem Waldgebiet unter anderem Nashörner und Tiger bewachen, im Jahr 2006 einen Bauern eingesperrt und derart gefoltert haben, dass er an den Folgen seiner schweren Verletzungen starb. Der Mann war von den Rangern verdächtigt worden, seinem Sohn beim Verscharren des Horns eines Nashorns geholfen zu haben, heißt es in den Recherchen der BuzzFeed-Reporterinnen und -Reporter. Das Beweisstück – das Horn – sei aber nicht sichergestellt worden. Die Rangertruppen nahmen den Mann in Gewahrsam, wie das Magazin unter Berufung auf offizielle Dokumente berichtet. Laut Zeugenaussagen der Frau des Verstorbenen sei dieser in Gefangenschaft mit Waterboarding-Methoden verhört und schwer misshandelt worden. 

In dem Nationalpark in den südlichen Vorbergen des Himalaja-Gebirges leben die weltweit letzten Indischen Panzernashörner (Rhinoceros unicornis). Intensive Antiwildereibemühungen hätten zuletzt zu einer leichten Erholung des Bestandes im Chitwan-Nationalpark geführt, heißt es nach Informationen der Weltnaturschutzorganisation IUCN.

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Antiwildereitruppen sollen systematische Gewalt verübt haben

Die Ranger in dem Schutzgebiet Nepals arbeiten Seite an Seite mit mehr als 1.000 Soldaten des Armeebataillons des Parks, berichtet BuzzFeed News. Der Staat habe ihnen erhebliche Macht bei der Verfolgung von Verbrechen im Zusammenhang mit Wilderei eingeräumt. So konnten die Eingreiftrupps Menschen ohne Haftbefehl – also ohne Prüfung durch ein Gericht – festnehmen und inhaftieren. Ranger, die sich "auf Notwehr" beriefen, bekamen laut der Recherchen Immunität, wenn sie im Einsatz Wilderer töteten. Der Chef der Antiwildereieinheiten habe sogar in Alleinherrschaft Gefängnisstrafen von 15 Jahren verhängen dürfen. Etwas, das erst kürzlich vom Gesetzgeber in Nepal geändert wurde.

Über Folter und Gewalt, die im Chitwan-Gebiet stattfanden, sollen lokale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des WWF nicht nur hinweggesehen haben. Sie hätten sich sogar dafür eingesetzt, dass etwa das Verfahren gegen die Täter im Fall des gefolterten Bauern fallengelassen wird. Mit Erfolg. Die Zusammenarbeit mit den Rangern sei daraufhin fortgesetzt worden. Das US-Magazin berichtet außerdem, aus seinen Recherchen gehe hervor, dass der mutmaßliche Fall von Folter keine Einzeltat gewesen sei. Es gehe um systematische Gewalt, sexuellen Missbrauch, Folter und Unterdrückung durch Männer im Antiwildereieinsatz.

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Verdacht auf Misshandlung eines Elfjährigen in Kamerun

Im Jahr 2017 soll ein elfjähriger Junge von Wildhütern vor den Augen seiner Eltern misshandelt worden sein. Das Dorf habe den Fall dem WWF gemeldet. Die Familie berichtet laut BuzzFeed News, dass die NGO noch Monate später nicht reagiert habe.

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Womögliche Unterstützung gewalttätiger Überfälle auf Dörfer

Aus dem Gebiet um den Lobéké-Nationalpark in Kamerun berichten die Reporter, wie eng der WWF dort mit Regierungstruppen zusammengearbeitet hat. Die Umweltorganisation habe die Gehälter von bewaffneten Wildhütern bezahlt, Unterkünfte für sie bauen lassen und sie mit Funkgeräten, Satellitentelefonen, Geländefahrzeugen und Boten ausgestattet. Ein nicht unerheblicher Anteil an Spendengeldern des WWF sei in Vollstreckungsmaßnahmen durch solche Trupps in Lobéké geflossen. Dazu hätten nicht nur Patrouillen, sondern auch Überfälle auf die lokale Bevölkerung gezählt, berichtet BuzzFeed News.

Was diese Anschuldigungen bezüglich der Ausstattung und Ausrüstung von Rangern angeht, verweisen Kenner solcher Schutzgebiete für Nashörner, Elefanten oder andere von Wilderei und illegalem Handel bedrohten Tierarten übrigens darauf, dass jedes Jahr zahlreiche Ranger von schwer bewaffneten Wilderern getötet werden. Ranger ohne eine solche Ausrüstung in den Kampf gegen das organisierte Verbrechen zu schicken, wäre tatsächlich unverantwortlich.

Auch die BuzzFeed-Journalistinnen und -Journalisten gehen auf die kriegsähnlichen Zustände ein. Das Problematische an der Förderung bewaffneter Antiwildereieinheiten in Kamerun durch den örtlichen WWF ist laut der Recherchen vor allem, dass diese nicht nur Angriffe auf bedrohte Tiere abgewehrt haben sollen, sondern offenbar aktiv gewalttätige Razzien in Dörfern durchführten, in denen angeblich Wilderer beherbergt wurden. Der WWF arbeitete dem Bericht zufolge zudem mit einer schnellen Eingreiftruppe (Bataillon d'intervention rapide, kurz BIR) in Kamerun zusammen, die unabhängig von diesen Ereignissen beschuldigt wird, unbewaffnete Zivilisten getötet zu haben. Eine Zusammenarbeit mit dem BIR habe der WWF lange abgestritten – E-Mails, die den Reporterinnen und Reportern nach eigener Aussage vorliegen, würden diese nun aber belegen.

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Angebliche Verwicklung in ein gescheitertes Waffengeschäft

Laut selbst auferlegten Richtlinien darf die Umweltorganisation weder Waffen kaufen noch verkaufen. In der Zentralafrikanischen Republik, einem Nachbarland Kameruns, das vom Bürgerkrieg gezeichnet und politisch instabil ist, sollen sich lokale Mitarbeiter des WWF jedoch in ein illegales Waffengeschäft verstrickt haben, berichtet BuzzFeed News. Im dortigen Dzanga-Sangha-Schutzgebiet im Süden des Landes leben seltene Waldelefanten (Loxodonta cyclotis). Der WWF ist nach eigener Aussage seit 1990 in der Region aktiv und schützt in Zusammenarbeit mit der Landesregierung den Nationalpark Dzanga-Ndoki.

Im Jahr 2009 sollen unter anderem WWF-Mitarbeiter versucht haben, von der Armee des Landes Gewehre zu kaufen. Die Armee sei berüchtigt dafür, Zivilisten enthauptet und mit deren Köpfen durch die Straßen gezogen zu sein, heißt es in dem Artikel des US-Magazins. Ein ehemaliger Mitarbeiter des WWF vor Ort berichtete den Reportern angeblich, man habe ihn nachträglich beauftragt, "den Deal zu vertuschen, weil keiner der Förderer berechtigt sei, Waffen zu kaufen". Dabei habe der Mitarbeiter bemerkt, dass Rechnungen nicht stimmig seien. Laut E-Mails, aus denen BuzzFeed News zitiert, soll letztlich Geld der NGO für Waffenkäufe von Armeemitgliedern unterschlagen worden sein. Die Quellen der Recherchen zu diesem Vorfall sind allerdings widersprüchlich, Beteiligte wollten sich den Reportern gegenüber dazu nicht noch einmal äußern. Ob vom WWF engagierte lokale Mitarbeiter also wirklich versucht haben, Waffen zu kaufen, oder ob darüber vielleicht nur in E-Mails nachgedacht wurde, bleibt Spekulation.

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Auf welchen Quellen die Recherchen beruhen

Ein Jahr lang recherchierten die BuzzFeed-News-Journalisten nach eigenen Angaben in sechs Ländern, führten mehr als 100 Interviews und durchforsteten Tausende Seiten an Quellen. Dazu zählten etwa E-Mails zwischen vom WWF beschäftigten lokalen Mitarbeiterinnen und Regierungsvertretern, interne Projektberichte, Abrechnungen und Protokolle. Herausgekommen ist ein erster umfassender Bericht über schwere Missstände in mehreren Projektgebieten der Umweltorganisation WWF, der am 4. März 2019 unter dem Titel WWF Funds Guards Who Have Tortured And Killed People (Der WWF finanziert Wachen, die gefoltert und Menschen getötet haben) online ging. Bisher haben deutsche Nachrichtenagenturen und Medien nur auszugsweise aus den Recherchen berichtet. Am 5. März folgte ein zweiter Artikel: Internal Report Shows WWF Was Warned Years Ago Of "Frightening" Abuses (Ein interner Bericht zeigt: WWF hatte vor Jahren schon Hinweise von "erschreckenden" Missbrauchsfällen). Ein dritter wurde am 8. März veröffentlicht: WWF Told The EU That Indigenous People Were "Favorable" To A New Park – But Internal Documents Reveal Fears Of "Repression" (WWF teilte der EU mit, dass indigene Völker einen neuen Park "befürworten" würden – aber interne Dokumente enthüllen Angst vor "Repressionen").

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Das sagt der WWF bislang zu den Anschuldigungen

Die Dachorganisation, der WWF International, hat sich gegenüber BuzzFeed News sowie nach der Veröffentlichung der Recherchen zu den massiven Anschuldigungen offiziell geäußert. So gab die NGO eine unabhängige Untersuchung über die Fälle in Auftrag, unter Federführung von Menschenrechtsexperten. Diese sollen die Quellen und Dokumente, die von den Journalisten zusammengetragen wurden, auswerten und die Fälle prüfen. "Wir sehen es als unsere dringende Verantwortung an, den Anschuldigungen durch BuzzFeed bis auf den Grund nachzugehen", sagte die NGO in einem Statement und betonte, man erkenne an, wie wichtig dies sei. Dennoch würden viele der Behauptungen nicht zum eigenen Verständnis der Ereignisse passen. Deshalb habe man eine unabhängige Untersuchung in Auftrag gegeben.

Niemand darf beim Kampf gegen Wilderei und die Zerstörung unserer Natur selbst zum Täter werden.
WWF Deutschland zu den Vorwürfen

Auch der WWF Deutschland äußerte sich zu den Vorwürfen. Man sei "zutiefst bestürzt", hieß es in einer Stellungnahme, die einen Tag nach dem ersten BuzzFeed-Artikel veröffentlicht wurde. "Es wurde daher sofort ein internationales Krisenteam eingerichtet und zusammen mit externen Menschenrechtsexperten eine umfassende Untersuchung eingeleitet. Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, wird dies Konsequenzen zur Folge haben", schrieb der WWF Deutschland.

Die Umweltschützerinnen und -schützer erklärten darin auch die schwierigen Bedingungen in vielen Projektgebieten: "Wir sind in den weltweit schwierigsten und gefährlichsten Orten im Einsatz: in Bürgerkriegs- und Krisenregionen oder in Staaten, die unserem eigenen Verständnis von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit teilweise fundamental entgegenstehen", heißt es in der Stellungnahme. "Wir sehen uns nicht selten mit Gewalt und kriegerischen Konflikten, organisierter Kriminalität und einer skrupellosen, milliardenschweren Wildtier-Mafia konfrontiert, die vor nichts zurückschreckt. Zugleich ist in vielen Staaten der Welt Naturschutzarbeit nur möglich, wenn man als Nichtregierungsorganisation bereit ist, mit staatlichen Stellen, wie etwa Nationalparkverwaltungen, Naturschutzbehörden, Justiz und Polizei oder gar der Armee, zusammenzuarbeiten. In diesen schwierigen Regionen und in diesem kritischen Umfeld müssen Naturschutzorganisationen agieren, auch wenn das oftmals eine Gratwanderung darstellt." Trotz allem machte der WWF sehr deutlich: "Niemand darf beim Kampf gegen Wilderei und die Zerstörung unserer Natur selbst zum Täter werden."

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Jahrzehntelanger Naturschutz ist bedroht

Der WWF ist eine der größten international tätigen Natur- und Umweltschutzorganisationen mit rund 90 Büros in mehr als 40 Ländern (siehe Kasten oben). Die Stiftung und unzählige Freiwillige setzen sich seit einem halben Jahrhundert weltweit für bedrohte Arten ein: von Großen Pandas in China, dem Wappentier des WWF, über seltene Tiger in Indien, den letzten überlebenden Orang-Utans auf Borneo und Sumatra bis hin zu Flussdelfinen am Amazonas. Vielerorts war der WWF zuletzt erfolgreich im Schutz bedrohter Pflanzen und Tiere sowie im Kampf gegen die illegale Wilderei. So sind die Wiederaufforstungen von Regenwäldern und andere Projekte zur Erhaltung von Lebensräumen vielversprechend. Die Zahl der bedrohten Flussdelfine am Mekong ist wieder angestiegen. Und Bestände von Elefanten und Nashörnern haben sich in einigen Schutzgebieten, die der WWF betreut, erholt. Doch es gab auch Rückschläge: So starben Ende 2018 elf Nashörner in Kenia nach einer gescheiterten Umsiedlung aus noch nicht geklärter Ursache.

Erst nach umfassenden Untersuchungen der aktuellen Vorwürfe wird sich zeigen, ob – und falls ja, inwieweit – vom deutschen WWF verantwortete Projektgebiete von Straftaten und Menschenrechtsverletzungen betroffen sind. Klar ist schon jetzt: Die Vorwürfe schaden der Organisation. Weniger Spenden, weniger Unterstützer sind zu erwarten. All das dürfte sich auch auf Projekte zum Arten- und Umweltschutz auswirken, die seit Jahrzehnten vorbildlich und erfolgreich arbeiten und alle Standards einhalten.

Mehr zum Artenschutz, zu bedrohten Tieren und Pflanzen, Wilderei und deren Bekämpfung lesen Sie im ZEIT-ONLINE-Schwerpunkt "Die Letzten ihrer Art". Zudem äußert sich in einem Interview mit ZEIT ONLINE Christoph Heinrich, Mitglied der WWF-Geschäftsleitung Deutschland zu den Vorwürfen gegen die Organisation.

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