Immer mehr in den russischen Randmeeren des Arktischen Ozeans gebildetes Eis schmilzt auf seinem Weg in die zentrale Arktis. Das schreiben Forscherinnen und Forscher vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut (Awi) für Polar- und Meeresforschung im Fachmagazin Scientific Reports. Vor rund 20 Jahren erreichte demnach noch etwa die Hälfte des in den Randmeeren gebildeten Eises die zentrale Arktis. Mittlerweile seien es nur noch 20 Prozent.

Wenn das Eis aus Gründen des Klimawandels frühzeitig schmelze, würden eingeschlossene Nährstoffe nicht im Nordpolarmeer verteilt, schreiben die Wissenschaftler. Langfristig sei zu erwarten, dass sich die Arktis dadurch nicht nur physikalisch, sondern auch biologisch und chemisch verändere, sagte Awi-Forscherin Eva-Maria Nöthig. "Das Ausmaß kennen wir noch nicht."

Die Forscherinnen und Forscher verfolgten die Wanderung des Meereises mithilfe von Satellitendaten aus den Jahren 1998 bis 2017. "Jenes Eis, welches heutzutage die Framstraße erreicht, wird zum größten Teil nicht mehr in den Randmeeren gebildet, sondern stammt aus der zentralen Arktis", sagte Awi-Forscher Thomas Krumpen. "Wir werden derzeit Zeuge, wie ein wichtiger Transportstrom abreißt und die Welt einem meerfreien Sommer in der Arktis einen großen Schritt näherkommt."

"Das Eis ist rund 30 Prozent dünner als noch vor 15 Jahren"

In den russischen Randmeeren entsteht dem Awi zufolge im Winter fortwährend Meereis, auch weil dort die Lufttemperaturen extrem niedrig sind – bis zu minus 40 Grad. Ein starker, ablandiger Wind schiebt dann das im Flachwasser gebildete junge Eis auf das Meer hinaus. Ein Teil dieses Eises wandert durch die Transpolardrift wie auf einem Förderband innerhalb von zwei bis drei Jahren einmal quer durch die zentrale Arktis bis in die Framstraße. In diesem Seegebiet zwischen Grönland und Spitzbergen schmilzt es schließlich.

Da immer weniger in den flachen Küstenzonen erzeugtes Meereis bis zur Framstraße gelangt, kommen dort auch immer weniger Schwebstoffe und Mineralien an, die beim Gefrieren des Wassers im Meereis eingeschlossen werden. Das zeigen Analysen, die Awi-Biologen seit zwei Jahrzehnten in der Framstraße machen. Mit dem vorzeitigen Schmelzen des Meereises sinken die Partikel früher ab. In den vom Awi aufgestellten Sedimentfallen in der Framstraße seien immer weniger sibirische Mineralien zu finden, sagte Nöthig.

Bestätigt wird das Ergebnis der Studie durch Messungen der Meereisdicke in der Framstraße. "Eis, das heutzutage die Arktis durch die Framstraße verlässt, ist rund 30 Prozent dünner als noch vor 15 Jahren", sagte Krumpen. Gründe dafür seien die steigenden Temperaturen im Winter und eine früher beginnende Schmelzsaison im Sommer.