ZEIT ONLINE: Welches sind die Hauptursachen für das Artensterben, wie wir es seit einigen Jahren erleben?

Seppelt: Neben dem Klimawandel spielt die Ausbreitung invasiver Arten in Gebieten, in denen diese normalerweise nicht vorkommen, eine Rolle. Den größten Einfluss hat eine intensive Landwirtschaft und die damit verbundenen Emissionen: Mehr Fläche wird für Weidewirtschaft und Ackerbau genutzt. Und man zielt auf besonders hohe Erträge ab, weshalb man massiv Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmitteln nutzt. 

ZEIT ONLINE: Wie müsste und könnte sich die Landwirtschaft global verändern, um das Artensterben aufzuhalten?

Seppelt: Die biologische Vielfalt muss auch in den genutzten Agrar- und Kulturlandschaften geschützt werden. Das ist möglich. Ernährungssicherheit können wir vor allem erreichen, wenn Hunger und Mangelernährung durch die Stärkung von kleinbäuerlichen Strukturen zum Beispiel in Afrika bekämpft wird. Das senkt auch den Druck auf die Produktion in den landwirtschaftlich hoch intensiven Regionen, die durch die extreme Nutzung auch ihre biologische Vielfalt verlieren.

ZEIT ONLINE: Umweltprogramme scheitern häufig an wirtschaftlichen Interessen. Der Mensch steht in Konkurrenz zur Natur: Um Platz für Palmölplantagen zu schaffen, werden in Brasilien, Indien oder Malaysia Wälder brandgerodet. Braucht es ähnlich wie beim Klima mit den CO2-Zertifikaten etwas, was es lukrativ macht, Tiere und Pflanzen zu schützen?

Seppelt: Entscheidend ist zunächst einmal, zu verhindern, dass weitere Flächen, die noch natürlich belassen sind, verloren gehen. Außerdem darf man die intensivere Nutzung von Flächen nur soweit zulassen, wie es ökologisch vertretbar ist. Und ja, das kann man dadurch erreichen, dass eine umweltfreundliche Produktion entsprechend honoriert wird und einer schädlichen Produktionsweise alle möglichen Schäden berechnet werden. Wenn man das tut, erreicht man schnell, dass sich ärmere Länder nachhaltig entwickeln. Man sieht bereits jetzt Fälle, in denen diese Länder im Gegensatz zu den westlichen einige Entwicklungsstadien überspringen und zum Beispiel gleich in erneuerbare Energien investieren. Entscheidend ist: Es bringt nichts, kleine Gebiete unter Naturschutz zu stellen – aktuell etwas mehr als zehn Prozent der globalen Landfläche – und zugleich die immer intensivere Landwirtschaft zuzulassen.