ZEIT ONLINE:  Der aktuelle IPBES-Bericht wird mit den Papieren des Weltklimarats IPCC für den Klimawandel verglichen. Im Falle des Klimas drohen ab einem bestimmten Punkt unumkehrbare Umweltkatastrophen – beim Artensterben auch?

Seppelt: Die zwei Entwicklungen sind verschieden. Die ausgestoßenen Klimagase bleiben noch sehr lange in der Atmosphäre, aber je eher wir gegensteuern, umso weniger stark sind die Folgen. Wir müssen das Klima als sehr schweren Tanker langsam auf Kurs bringen, um weitere katastrophale Wetteranomalien zu vermeiden. Aber Arten, die ausgestorben sind, können nicht zurückgeholt werden. Biodiversität geht damit unwiederbringlich verloren. Je mehr Teile unserer Umwelt fehlen, desto größer ist auch die Gefahr, weitere zu verlieren. Wenn in diesem Sicherheitsnetz immer mehr Maschen fehlen, wird es irgendwann reißen.

Die Schlussfolgerungen des IPCC-Sonderberichts zum 1,5-Grad-Ziel und des aktuellen Berichts der IPBES sind sehr ähnlich: Es muss sofort und umfassend gehandelt werden.
Ralf Seppelt

ZEIT ONLINE: Im Falle des Klimawandels hat man lange zugeschaut, ehe man erkannt hat, wie groß die Gefahr ist. Kommt die Erkenntnis, dass das Artensterben global bekämpft werden sollte, noch rechtzeitig?

Seppelt: Beim Klimawandel war die Aufgabe des Weltklimarats IPCC zunächst, Belege für den menschengemachten Klimawandel und dessen Auswirkungen zusammenzutragen. Wir haben die Belege für den massiven Eingriff der Menschheit in die biologischen Lebensgrundlagen bereits. Die Schlussfolgerungen des IPCC-Sonderberichts zum 1,5-Grad-Ziel und des aktuellen Berichts der IPBES sind sehr ähnlich: Es muss sofort und umfassend gehandelt werden.

ZEIT ONLINE: Trotzdem scheitert die Welt gerade bereits daran, die Ziele des Pariser Weltklimaabkommens einzuhalten. Was muss nach der Konferenz zum Weltartensterben passieren? 

Seppelt: Viele der Maßnahmen, die der Weltklimarat vorschlägt, stehen auch in unserem Bericht. Die Abholzung von Waldflächen zu stoppen, ist nicht nur sinnvoll für unser Klima, sondern leistet auch einen Beitrag zum Erhalt der Biodiversität. Genauso verhält es sich mit den Ressourcen: Wir müssen weniger verbrauchen, für das Klima, aber auch um unsere Lebenserhaltungssysteme funktionstüchtig zu halten. Für Deutschland lässt sich sagen: Wenn wir nichts ändern, werden wir weder die gesteckten Klima- noch die Nachhaltigkeitsziele der Bundesregierung erreichen.

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