Auch Klimakompensationen stellen keine echte Lösung für den verschwenderischen Umgang mit unseren Lebensgrundlagen dar, wie ihn der Flugverkehr verkörpert. Weder auf individueller Ebene über Non-Profit-Organisationen wie atmosfair, die anbieten, Treibhausgasemissionen von Flugreisen zu kompensieren, indem sie im Gegenzug Klimaschutzprojekte durchführen. Noch über institutionelle Systeme wie Corsia (Carbon Offsetting and Reduction Scheme for International Aviation). Es sind Ablenkungsmanöver der Luftfahrtindustrie und ein Versuch, sich von der Verantwortung freizukaufen. Statt echter Reduktion des Flugverkehrs soll das Problem Menschen aus dem globalen Süden aufs Auge gedrückt werden.

Dabei geht es fast ausschließlich um sogenanntes Offsetting: Die beim Fliegen entstandenen Emissionen sollen so beispielsweise durch Waldschutz, bessere Filter an Kohlekraftwerken oder Solarkocher ausgeglichen werden. Doch erstens belegen Studien, beispielsweise des privaten Öko-Instituts in Freiburg, dass ein Großteil der Projekte die Einsparungen viel zu hoch berechnet. Und zweitens verursachen diese Projekte oft lokale Konflikte oder führen gar zu Landraub. Menschen, deren CO2-Fußabdruck weit unter dem globalen Durchschnitt liegt, werden durch angebliche Waldschutzprojekte an ihrer traditionellen Landnutzung gehindert und laut eines Berichtes des World Rainforest Movement teilweise sogar vertrieben. Das Magazin Vice sprach deshalb 2014 von Kohlenstoffkolonialismus. Auch Agrartreibstoffe ziehen durch massiven Bedarf an Anbaufläche solche Nutzungskonflikte nach sich und sind deshalb keine Lösung.

Letzten Endes sind Kompensationen neokoloniale Scheinlösungen. Damit ein kleiner Teil der Weltbevölkerung weiter mit gutem Klimagewissen fliegen kann, sollen andere die Treibhausgase reduzieren. Doch wir kommen nicht darum herum: Im globalen Norden muss endlich weniger geflogen werden und der Flugverkehr darf weltweit nicht weiter ansteigen.

Politik, um am Boden zu bleiben

An die Moral Einzelner zu appellieren und die Art, wie sie konsumieren, platt als Klimasünden anzuprangern, bringt wenig. Und punktuelle Aktionen wie zum Beispiel das Klimafasten bis Ostern, richten viel zu wenig aus. Wir müssen über Fliegen als globales Privileg diskutieren. Nur wenn genug Menschen persönlich entscheiden, weniger oder gar nicht mehr in Flugzeuge zu steigen und beginnen auf Straßen, Plätzen und in den Flughäfen dafür Druck zu machen, können wir die notwendige Verkehrswende auf politischer Ebene durchsetzen. Die Appelle der Klimaaktivistin Greta Thunberg und die kritischen Diskussionen über Flugverkehr bei den streikenden Schülerinnen und Schülern zeigen den Weg – genauso wie Aktionen des zivilen Ungehorsams, etwa die Blockade am Londoner Flughafen Heathrow im Jahr 2016. Dass solche Proteste etwas verändern können, zeigt etwa eine Arbeit eines Doktoranden der Cardiff University (Westlake 2017). Sie ergab, dass individuelle Verhaltensänderungen ein wichtiger Teil von politischen Veränderungsprozessen sind.

Die Anti-Kohle-Bewegung hat es mit ihrem Protest gegen den Braunkohleabbau im Rheinland und in der Lausitz vorgemacht: Wo die Politik nicht handelt, müssen wir den Klimaschutz selbst in die Hand nehmen, Stopp sagen und Druck aufbauen. Es ist höchste Zeit, dass dies auch beim Thema Flugverkehr geschieht. Das Netzwerk Stay Grounded hat vergangenes Jahr ein Positionspapier herausgebracht: 13 Schritte für ein gerechtes Transportwesen und eine schnelle Verringerung des Flugverkehrs. Und auf einer internationalen Konferenz in Barcelona werden unter dem Titel Degrowth of Aviation im Juli 2019 verschiedenste Maßnahmen für eine Reduzierung des Flugverkehrs diskutiert. Angereist wird selbstverständlich mit dem Zug, Menschen von anderen Kontinenten sind per Videokonferenz dabei.

Wie können konkrete Maßnahmen aussehen?

Das Wichtigste ist, das ungebremste Wachstum des Flugverkehrs zu beenden. Bisher ist Fliegen nicht durch internationale klimapolitische Verträge reguliert – Flugemissionen werden bei den nationalen Emissionen und den nationalen Reduktionszielen meist nicht mit berechnet. Konkret muss der Ausbau von Flughafeninfrastruktur gestoppt werden. Neue Startbahnen, Terminalerweiterungen und Businessparks rund um Flughäfen steigern die Nachfrage nur weiter. Falls sie denn jemals fertig werden. Die wiederholte Verschiebung der Eröffnung des BER in Berlin ist klimapolitisch die wahrscheinlich effektivste Maßnahme der Hauptstadt.

Es kann nicht sein, dass Flugverkehr oft billiger ist als Bahnfahren. Inlandsflüge und internationale Kurzstreckenflüge sind in Zeiten einer akuten Klimakrise durch nichts zu rechtfertigen. Eine Möglichkeit, die Reduktion des Flugverkehrs sozial gerecht zu gestalten, wäre eine personenbezogene Vielfliegerabgabe, die mit jeder zusätzlichen Reise deutlich ansteigt. Wer trotzdem viel fliegt, würde dadurch den Ausbau nachhaltiger Alternativen finanzieren – so bliebe Mobilität für alle zugänglich.

Solche Alternativen wurden in den letzten Jahren ab-, nicht aufgebaut. Sinnvoll und dringend notwendig wären die Wiedereinführung und der Ausbau von komfortablen und bezahlbaren Nachtzügen. In Verbindung mit einer deutlichen Steigerung öffentlicher Investitionen müssen hier die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden, um ein integriertes europäisches Schienen- und Nachtzugnetz aufzubauen.

Aktuell wird das Fliegen in Deutschland staatlich subventioniert, anstatt die Luftverkehrsbranche für ihre Umweltschäden zur Rechenschaft zu ziehen. Durch die Ausnahme des Flugbenzins von der Energiesteuer und die Befreiung internationaler Flugtickets von der Mehrwertsteuer schenkt der Staat den Airlines jedes Jahr fast zwölf Milliarden Euro. Laut einem gerade geleakten Bericht der Europäischen Kommission könnte allein durch die Besteuerung von Kerosin in Europa die Flugemissionen um elf Prozent reduziert werden – ohne negative Auswirkungen auf Arbeitsplätze oder die Wirtschaft. Eine seit wenigen Tagen laufende EU-Petition zur Einführung einer Kerosinsteuer zeigt, dass sich endlich Widerstand gegen diese ungerechte Bevorteilung regt.

Statt abgehobener Kritik und dem Philosophieren über Sinn und Unsinn der Flugscham sollten wir daher am Boden bleiben. Dafür kämpfen, dass unser Planet für alle Menschen ein gutes Leben ermöglicht. Und dass nicht die wenigen, die am Traum vom Fliegen festhalten, die Zukunft zerstören.

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