Wenn wir jetzt nicht handeln, sei es zu spät. Der Aufruf der 150 Ökologinnen, Biologen und Umweltforscher, die den Bericht zum Weltartensterben am Montag in Paris veröffentlichten, klingt nicht nur zufällig wie das, was wir auch vom Weltklimarat gewohnt sind. Aus dem aktuellen Sonderbericht des IPCC wissen wir: Wenn sich die Erde um mehr als 1,5 Grad Celsius erwärmt, drohen katastrophale Wetteranomalien, unumkehrbare Klimaveränderungen und eben auch der Kollaps unserer Ökosysteme.

Das globale Artensterben ist also Teil davon. Schon heute vernichtet die Erderwärmung Lebensräume: Seit 2016 bleichen große Teile des Great Barrier Reef aus, Gletscher schmelzen, Weideflächen trocknen aus, Ackerfläche wird zu Ödland. Sollte sich das Klima um zwei Grad erwärmen, würde das fünf Prozent aller Arten gefährden. Ein Anstieg von 4,3 Grad – der derzeit leider nicht einmal unrealistisch ist – sogar 16 Prozent. Sterben werden einige Arten auf jeden Fall: Selbst ein Temperaturanstieg von weniger als zwei Grad wird die Zahl der an Land lebenden Tiere verringern.

Andersherum hat auch die Artenvielfalt direkte Auswirkungen auf unser Klima. Pflanzen und Wälder binden durch Fo­to­syn­the­se große Mengen von CO2 und wandeln Treibhausgas in Sauerstoff um. Doch wo Regenwälder für die landwirtschaftliche Nutzung abgeholzt werden, wird das in den Pflanzen gespeicherte CO2 wieder abgegeben – und verstärkt den Treibhauseffekt, es wird also wärmer. Erst diese Woche kündigte der neue Präsident Brasiliens an, das ohnehin knappe Budget des Umweltministeriums für den Klimaschutz von 2,7 Millionen um 95 Prozent zu kürzen. Gleichzeitig wird in den brasilianischen Amazonaswäldern unaufhaltsam gerodet, in den ersten drei Monaten dieses Jahres waren es schon 110 Quadratkilometer, deutlich mehr als 2018. Um auf den kahlen Flächen dann maximale Erträge zu erzielen, werden Monokulturen angepflanzt und die Böden entwässert. Doch durch höhere Temperaturen und trockenere Böden kommt es verstärkt zu Waldbränden, die weiteres CO2 in die Atmosphäre abgeben. Ein gefährlicher Teufelskreis, der auch hier zeigt: Wir können das Klima nicht retten, ohne die Arten zu erhalten. Und die Arten nicht erhalten, ohne das Klima zu retten.

Mikroplastik verändert Ökosysteme

Zu dem Problem, das wir mit unserem Planeten haben, gehört aber noch mehr. Für das rapide Artensterben ist der Klimawandel eine der entscheidenden Ursachen. Problematisch ist aber nicht nur, dass wir zu wenig tun, sondern auch, dass wir zu viel tun: Inzwischen hat der Mensch drei Viertel der Landfläche und zwei Drittel der Meere verändert, durch Müll, Schrott, Öl und giftige Altlasten. In das größte Ökosystem unserer Erde, die Ozeane, werfen wir jedes Jahr Millionen Tonnen Kunststoff und töten damit geschätzte 100.000 Meerestiere, wie Wale oder Delfine, und noch weit mehr Seevögel (Butterworth et al.: Untangled – Marine debris, 2012, PDF). Sie verhungern mit vollem Magen oder verletzen sich an den verschluckten Plastikteilen.

Auch die Ozeane brauchen wir. Lebewesen wie Plankton, Mikroben und Algen produzieren beispielsweise bis zu 70 Prozent des Sauerstoffs, den wir atmen. Was der Plastikmüll genau mit ihnen macht, ist nicht klar. Sicher aber ist, dass alles, was im Meer landet, irgendwann wieder bei uns ankommt. Eben auch winzig kleine Plastikteilchen. Mikroplastik, das sich im gesamten Wasser bis auf den Meeresgrund verteilt. Geschluckt und aufgenommen von Fischen und Meeresfrüchten landet es irgendwann auf unseren Tellern. Für das Gleichgewicht der Weltmeere ist das womöglich noch nicht einmal das größte Problem: Auch die Fischerei selbst schädigt die Arten. 33 Prozent der Meeresfischbestände werden in viel zu hoher Zahl aus dem Meer gefischt. Damit wir später unser Thunfisch-Sandwich belegen oder die Avocado-Lachs-Roll genießen können.