In der Arktis brennt es seit Wochen. Auch innerhalb des Polarkreises. Im Norden Kanadas und Alaskas, in Sibirien und in Grönland sind Feuer ausgebrochen. Mit dem Rauch gelangen klimaschädliche Treibhausgase in die Atmosphäre. Wie Feuer in Polargebieten entstehen und ob das, was gerade geschieht, eine Folge der Erderwärmung ist, erklärt Mark Parrington. Er wertet die Feuer anhand von Satellitendaten aus.

ZEIT ONLINE: In den letzten Tagen berichteten einige Medien, die Brände in der Arktis seien die schlimmsten, die "unser Planet je gesehen hat". Stimmt das?

Mark Parrington: Mir scheint das eine etwas extreme Beschreibung, aber die Feuer sind durchaus die schlimmsten, die wir jemals in der Arktis gemessen haben. Grundsätzlich sind Feuer dort nicht komplett ungewöhnlich. Allerdings ist dieses Jahr ein Rekordjahr verglichen mit den letzten 17 Jahren. Die Feuer sind außergewöhnlich intensiv für diese Jahreszeit und dauern länger an als sonst. Vor allem der Juni war speziell.

ZEIT ONLINE: Warum kann es in der Polarregion überhaupt zu Buschfeuern kommen? Sollte der Boden da nicht gefroren sein? 

Mark Parrington ist Physiker und Senior Scientist am Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage in Reading nahe London. Er befasst sich vor allem mit Emissionen, die bei Bränden entstehen. © privat

Parrington: Wenn es taut und die Vegetation trocken genug ist, kann Feuer selbst auf eisigem Boden bestehen. Im Zuge der globalen Erwärmung hat sich die Temperatur an der Erdoberfläche des nördlichen Polarkreises im Durchschnitt über die Jahrzehnte kontinuierlich erhöht – das wissen wir aus Satelliten-Temperaturauswertungen, die seit 1981 gemacht werden. Dieses Jahr sind die Temperaturen in der nördlichen Polarregion außergewöhnlich hoch – genau dort, wo jetzt auch viele Feuer ausgebrochen sind. Im sibirischen Teil der Arktis liegen sie bis zu zehn Grad Celsius über dem Durchschnitt von 1981 bis 2010.

ZEIT ONLINE: Wie muss man sich die Beschaffenheit des Bodens in den Polargebieten, die jetzt in Flammen stehen, vorstellen? Was wächst dort, was dem Feuer Zunder liefert?

Parrington: Dort wachsen vor allem Gräser und Sträucher. Sie werden nicht sonderlich hoch, aber für ein Feuer reicht das aus. Unsere Messinstrumente zeigen, dass es vor allem die Vegetation ist, die brennt. Das können wir über die Temperatur des Feuers bestimmen. Der Torfboden, der große Teile der arktischen Landmasse bedeckt, brennt allgemein mit niedrigerer Temperatur, die unterhalb der Messgrenze unserer Satelliten liegen kann. Ob der Torfboden selbst aber schon brennt, können wir deshalb nicht genau sagen.

ZEIT ONLINE: Wenn das geschehen würde – was wären die Folgen?

Parrington: Wird der Torfboden infolge des Klimawandels generell trockener, friert er auch nicht mehr so umfassend ein. Dann wäre das der perfekte Brennstoff. Torfböden bilden sich über Zehntausende von Jahren und sind sehr kohlenstoffreich. Geraten sie in Brand, würde ein Großteil davon in Form von Kohlenmonoxid, Kohlendioxid, Methan und anderen Schadstoffen in die Atmosphäre freigesetzt.

Klimawandel - Es ist schlimmer als bisher befürchtet Unser Planet heizt sich auf. Gletscher, Schnee und Dauerfrostböden tauen. Unser Video zeigt, wo Sie dem Klimawandel zuschauen können. © Foto: Zeit Online

ZEIT ONLINE: Wie viele Tonnen an Treibhausgasen haben die Feuer in diesem Sommer schon sicher in die Luft gepustet?

Parrington: Wir können anhand der Feuertemperatur und der Menge der verbrannten Vegetation abschätzen, wie viel Kohlenstoff freigesetzt wird. Daran wiederum lässt sich die Menge an CO2 ableiten, die in die Luft gelangt. Allein im Juni waren es um die 50 Megatonnen, so viel wie Schweden in einem Jahr ausstößt. Bis Mitte Juli waren es schon 31 Megatonnen, der Jahresausstoß von Kuba. Schon jetzt sind die Juli-Emissionen höher, als sie 2017 und 2018 waren.

ZEIT ONLINE: Sind die direkten Folgen dieser Emissionen schon spürbar?

Parrington: Der Rauch wirkt sich auch auf die Luftqualität aus, Winde können ihn Tausende Kilometer transportieren, teilweise bis nach Europa. Allerdings landen nicht all diese Gase in der Atmosphäre. Am nördlichen Polarkreis ist gerade Wachstumsphase, die Pflanzen nehmen einiges von dem CO2 auf. Wie viel das ist, können wir nicht exakt sagen. 

ZEIT ONLINE: Wie weit haben sich die Brände ausgebreitet? 

Parrington: Im Juni waren die meisten Feuer im russischen Sakha. Mittlerweile haben sich auch Brände in Alaska ausgebreitet, sogenannte Megafeuer. So wird ein Feuer genannt, das mehr als 100.000 Hektar verbrennt. Insgesamt haben Mitte Juli am nördlichen Polarkreis 270 Feuer am Tag gebrannt, zum Vergleich: 2003 bis 2018 waren es zur gleichen Zeit nur etwa 55 am Tag.

ZEIT ONLINE: Ist diese Extremsituation nachweislich eine Folge des Klimawandels?

Parrington: Der Anstieg der Oberflächentemperatur und die stärkere Trockenheit sind Folgen des Klimawandels. Forscher haben schon vor Jahren vorhergesagt, dass die Feuer im Norden zunehmen werden, und sie hatten recht (Plos One: Krachwuk et al, 2009). Die Bedingungen sind einfach gut für Feuer. Die Arktis erwärmt sich insgesamt viel schneller als der globale Durchschnitt.