In Deutschland wird derzeit ein Hitzerekord nach dem anderen aufgestellt. Besonders dramatisch: Neben hohen Temperaturen regnet es für diese Jahreszeit viel zu wenig. Noch dazu sind seit dem sehr dürren Sommer 2018 die Wasserreserven vieler Bäume nahezu aufgebraucht. Waldbesitzer und Expertinnen sprechen schon von einer möglichen "Jahrhundertkatastrophe": 300 Millionen Waldbäume müssten nachgepflanzt werden. Von der Trockenheit noch stärker betroffen sind Stadtbäume in Parks und an Straßen. Wie es ihnen geht, sagt die Biologin Astrid Reischl von der TU München. Sie erforscht unter anderem, wie Stadtbäume mit dem Klimawandel zurechtkommen.

ZEIT ONLINE: Frau Reischl, Deutschlands Bäume ächzen unter der Dürre. In Städten wie Frankfurt oder Koblenz fällte die Feuerwehr zahlreiche abgestorbene Bäume, weil sie sonst zur Gefahr werden. Nun rufen einzelne Kommunen Anwohnerinnen und Anwohner dazu auf, zu gießen. Teilweise unterstützen auch die Feuerwehr und die Polizei mit Wasserwerfern. Hilft das?

Reischl: Für die meisten Bäume leider nur in einem geringen Maße. Gießen ist bei so starken Hitzewellen und Trockenheiten nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Fürs Erste können so vor allem junge Bäume vielleicht am Leben gehalten werden. Dafür müssten Anwohnerinnen und Anwohner dann aber wirklich jeden Tag eimerweise gießen. Der BUND empfiehlt etwa 50 bis 150 Liter pro Tag. Und wirklich vital sind die Bäume dann aber trotzdem nicht, weil das einfach nicht reicht. Gießen wird unsere Stadtbäume bald nicht mehr retten.

Wie wachsen Stadtbaumarten im Vergleich zu Waldbäumen? Das erforscht Astrid Reischl an der TU München. Im Projekt CityTrees geht es um das Wuchsverhalten, Umweltleistungen und Perspektiven für Stadtbäume im Klimawandel. Zudem unterstützt sie das Zentrum Stadtnatur und Klimaanpassung. © privat

ZEIT ONLINE: Also sterben viele Stadtbäume, an die wir gewöhnt sind, langsam aus?

Reischl: Ja, auf lange Sicht schon. Aktuell sind durch die Dürre des vergangenen Sommers die Wasserspeicher vieler Bäume leer. Da müsste es relativ lange gleichmäßig und am Stück regnen, damit diese wieder voll werden. Die tieferen Bodenschichten ab einem halben Meter bis zwei Meter Tiefe sind stark ausgetrocknet. Hinzu kommt, dass bei Stadtbäumen diese Speicher viel kleiner sind als bei Waldbäumen, da sie in einer meist zu kleinen Pflanzgrube stehen. So bekommt der Baum allmählich Probleme bei der Photosynthese, baut weniger Biomasse und damit weniger Blätter für das Folgejahr auf. Und stirbt dann in den kommenden Jahren ab.

ZEIT ONLINE: Wie erkenne ich, dass ein Baum unter akutem Wassermangel leidet?

Reischl: An den Blättern. Wenn diese schlaff herunterhängen, sich einrollen, gelb verfärben oder abfallen. Es kommt aber auf die Baumart an. Die Kastanie braucht zum Beispiel sehr viel Wasser und ist nicht gut gegen Trockenheit gewappnet. Sie zeigt schnell welke Blätter. Die in vielen deutschen Städten oft gepflanzte Winterlinde ist auch recht empfindlich, ebenso die Fichte. Robuster sind da der Feldahorn, die Silberlinde oder die Robinie. 

ZEIT ONLINE: Warum sind Bäume so wichtig für das Stadtklima?

Reischl: Sie spenden nicht nur Schatten und begrünen das Stadtbild. Bäume verdunsten auch Wasser über die Spaltöffnungen der Blätter, um Photosynthese zu betreiben, also weiter wachsen zu können. Damit kühlen sie auch ihre Umgebung. Ich habe das mal ausgerechnet für die Winterlinden in Würzburg im Jahr 2018. Eine Winterlinde mittleren Alters hat dort 53 Badewannen mit einem Füllvermögen von 150 Litern ausgeschwitzt. In einem Jahr mit weniger Trockenheit gehen wir davon aus, dass eine Winterlinde bis zu 100 Liter Wasser pro Tag verdunstet. Aber wenn die Stadtbäume unter akutem Wassermangel leiden…

ZEIT ONLINE: ... dann behalten sie das wenige Wasser, das ihnen noch bleibt, für sich selbst. Und geben weniger Feuchtigkeit an uns ab.

Reischl: Genau. Der Baum muss dann entscheiden, ob er seine Spaltöffnungen offen lässt, um zu wachsen, oder sie schließt, um Wasser zu sparen. Wie er das reguliert, kommt natürlich immer auf die einzelne Baumart an.

ZEIT ONLINE: Welche Faktoren wirken noch auf die Stadtbäume ein, die es im Wald nicht gibt?

Reischl: In ihren Pflanzgruben haben die Wurzeln von Stadtbäumen weniger Platz als im Wald. Dadurch stehen ihnen weniger Wasser und Nährstoffe zur Verfügung Die Stadt wirkt zudem als Wärmeinsel, auf der es heißer ist als im Umland. Die Hitze, pinkelnde Hunde und Streusalz stressen die Bäume weiter. Ein Stadtbaum hat oft ein viel härteres Leben als sein Waldkollege.