Wo Insekten aussterben, sind auch ihre Jäger gefährdet. Gerade im Sommer ist die Nahrungssuche für Vögel mittlerweile schwierig. Für all die, die heimische Vögeln im eigenen Garten oder auf dem Balkon füttern wollen, hat der Ornithologe Peter Berthold die wichtigsten Tipps parat.

ZEIT ONLINE: Herr Berthold, in den vergangenen 25 Jahren ist die Zahl der insektenfressenden Vögel bedeutend zurückgegangen. Würden Sie unseren Lesern daher empfehlen, die in Deutschland heimischen Vögel regelmäßig zu füttern?

Peter Berthold: Ja, es ist heute nötiger als früher. Vor Kurzem ist ein Übersichtsbericht aus England erschienen, aus dem klar hervorgeht: Den Vogelarten, die regelmäßig Vogelfutterstellen besuchen, geht es relativ gut (Nature Communications: Plummer et al., 2019). Arten, die das nicht tun – beispielsweise Mauersegler, Schwalben oder ein Kiebitz – geht es vergleichsweise schlecht. Und inzwischen gibt es immer mehr Evidenz dafür, dass Vögel zu füttern, im Sommer viel wichtiger ist als im Winter. 

ZEIT ONLINE: Woran liegt das?

Peter Berthold ist ehemaliger Leiter der Vogelwarte in Radolfzell, die zur Max-Planck-Gesellschaft gehört. Bis zu seiner Emeritierung forschte er zu vielen Aspekten der Vogelwanderung. Außerdem hat er ein Buch zum Thema geschrieben: "Vögel füttern, aber richtig". © Privat

Berthold: Die Winter sind mild. Hinzu kommt, dass die Vögel im Winter im Grunde genommen nichts zu tun haben, außer herumzusitzen und zu warten, bis der Frühling kommt. Dabei verbrauchen sie relativ wenig Energie. Im Frühjahr und Sommer dagegen geht es richtig zur Sache: Sie müssen früh aufstehen, ihr Revier verteidigen, sich darum kümmern, dass sie Nachwuchs bekommen, diesen aufziehen und so weiter. Und das heißt: fliegen, fliegen, fliegen, um Nahrung zu beschaffen. Das kostet 25-mal soviel Energie, wie Laufen oder Hüpfen. Und da wir einen sehr großen Teil aller Insekten verloren haben, ist das Aufzuchtsfutter für Jungvögel rar geworden. Wenn Elternvögel von diesen wenigen Insekten auch noch ihren Energiebedarf decken müssen, bleibt für die Jungvögel nichts übrig.

ZEIT ONLINE: Was sollte man ihnen am besten geben?

Berthold: Ganzjährig vor allem Meisenknödel, die sind schön vorgefertigt mit kleinen Körnchen, manchmal auch toten Insekten und Beeren. Sie enthalten sehr viel Fett, das von den Vögeln für die Flugaktivität gebraucht wird. Wir wissen aus vielen Untersuchungen, dass sie Fett beim Fliegen direkt im Brustmuskel verbrennen. Das heißt, die gehen im Grunde genommen an die Meisenknödel wie an eine Tankstelle, tanken dort ihren Sprit und setzen den Flugmotor wieder in Betrieb.

Zudem ist Streufutter mit einem hohen Anteil an Getreideflocken für die Arten wichtig, die gerne lose etwas aufnehmen. Je zarter und weicher die Flocken, desto einfacher haben es zartschnäbelige Vögel wie Goldhähnchen. Auf keinen Fall aber sind im Sommer ganze Körner anzubieten. Die meisten Vögel können die gar nicht bearbeiten – wenn dem so wäre, hätten sie ja auf unseren Getreidefeldern genug zu fressen. Andere Arten wie Meisen können es sich nicht leisten, Körner zu öffnen, wenn sie in ihrem Nest elf Junge versorgen müssen.

Die riesigen Felder mit Mais, Zuckerrüben oder Hafer sind ökologische Wüsten. Da hört man keine Lerchen singen.
Peter Berthold, Vogelkundler

ZEIT ONLINE: Wie steht's mit Wasser?

Berthold: Eine gute Tränke in der Nähe der Futterstelle gehört dazu. Das Wasser ist ganz wichtig, auch zum Baden. Wenn es zu wenig gibt, besuchen Vögel im Winter oft kleine Pfützen an Straßen, an denen Salz gestreut wird. Diese Salzbrühe vertragen sie nicht.

ZEIT ONLINE: Brauchen Stadtvögel mehr zusätzliches Futter als Vögel auf dem Land?

Berthold: Wir finden heute in der Stadt oft mehr Artenvielfalt als auf dem Land. Die riesigen Felder mit Mais, Zuckerrüben oder Hafer sind ökologische Wüsten. Da hört man keine Lerchen singen, da gibt es keine Goldammer – nichts. In Köln oder Berlin gibt es viele Stadtparks, Schrebergärten, verwilderte Industriegelände und so weiter, die ein Mosaik von kleinen Biotopen ergeben. Doch die Stadtvögel haben nicht unbedingt einen großen Vorteil. Sie sind häufig kleiner, mehr gestresst durch Lärm oder Abfallstoffe, sodass sie Schwierigkeiten haben, gesunden Nachwuchs zu produzieren.