In deutschen Geschäften sind sie längst seltener geworden oder sogar ganz verschwunden: Plastiktüten. Das reicht der Bundesumweltministerin Svenja Schulze aber nicht. Die freiwilligen Vereinbarungen dem so geächteten Kunststoff- und Verpackungsmüll vorzubeugen, sind ihr zu wenig. "Ich werde ein Plastiktütenverbot auf den Weg bringen", kündigte die SPD-Politikerin vergangenes Wochenende an. Übertrieben? Keineswegs. Weil Menschen eher bequem als gewissenhaft handeln, sind mehr Verbote durchaus eine gute Idee.

Es wäre geradezu fahrlässig, Plastik nicht entschlossener zu verbannen. Dafür ist die Situation zu besorgniserregend. Plastik ist überall, in unseren Läden, zu Hause, ja selbst im Trinkwasser. Das kann nicht gut sein. Welche Verpackungen das geplante Gesetz von Schulze abdecken sollte und welche Dinge neben Einwegplastik künftig gleich mitgebannt gehören sollten – dazu hier noch fünf Vorschläge:

1. Weg mit Hemdchenbeuteln!

Tragetaschen aus Plastik sind eine Sache. Die Umweltministerin will jedoch nicht nur diese endgültig verbieten, sondern auch die feinen Tütchen an der Obst- und Gemüsetheke, die schon beim Abrollen reißen und die man Hemdchenbeutel nennt.

Die Deutschen nutzen die instabilen Tragehilfen noch immer eifrig. Etwa 40 Stück verbraucht im Schnitt jeder Mensch in Deutschland jährlich laut Umweltministerium. Die Tütchen sind kostenlos, praktisch und fassen mehr als zwei Hände. Allerdings sind sie eine echte Plage, weil sie sich kaum mehr als einmal verwenden lassen, dafür aber massenweise zur Verfügung stehen und schnell verwehen. Noch dazu bestehen sie aus Kunststoffen, die sich in der Umwelt nicht schnell abbauen, sondern nur langsam in immer kleinere Teilchen zersetzen – in Mikroplastik.

Dabei ließen sich Äpfel, Tomaten und Zucchini sehr gut ohne die Beutel aus dem Laden nach Hause transportieren. Bestenfalls lose oder in Mehrzwecknetzen.

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2. Viele Folienverpackungen braucht es gar nicht

Polyethylen in der Gemüseabteilung, Polystyrol im Kühlregal, Polyethylenterephthalat in der Getränkeabteilung: Der Suppengrünmix, Erdbeergeschmack-Joghurt und das Sprudelwasser kommen in Plastikverpackungen. Nachvollziehbar, schließlich machen Verpackungen das Leben um einiges leichter.

Obst und Gemüse werden in Deutschland laut dem Naturschutzbund zu rund 65 Prozent vorverpackt verkauft. Wer Obst in Plastik grundsätzlich verachtet, sollte bedenken, dass die dünnen, leichten Hüllen Schutz vor Keimen und Feuchtigkeit bieten und Waren damit länger frisch halten. Auch brauchen in rechteckigen Verpackungen verpackte Lebensmittel weniger Platz. Das spart Treibstoff und senkt damit die Kosten und eben auch etwa Kohlendioxidemissionen. Das kann sich durchaus für die Umwelt rechnen, wie manche Studie zeigt.

Doch was zu viel ist, ist zu viel. Im EU-Vergleich produziert Deutschland seit Jahren den meisten Verpackungsmüll. Im Jahr 2016 waren es 18,16 Millionen Tonnen, also 0,05 Prozent mehr als im Vorjahr, wie das Umweltbundesamt mitteilte. Jede europäische Verbraucherin, jeder Verbraucher verursacht knapp 25 Kilogramm Plastikverpackungsmüll im Jahr. Hierzulande sind es Erhebungen zufolge 38 Kilogramm.

Bestenfalls kaufen Verbraucherinnen in Unverpackt-Läden ein oder wählen im Supermarkt regionale Produkte in Mehrwegverpackungen, wenn Folie oder Karton nicht zu vermeiden sind. Gleichzeitig sollten Hersteller gezwungen sein, nur dann Verpackungen zu nutzen, wenn sie notwendig sind. Dass auf der Box geschrieben steht, wie lange die Nudeln zu kochen sind, mag diesbezüglich gerade noch als Argument herhalten. Nicht aber, dass Platz sein muss für Dinge wie die Lebensgeschichte des Landwirts, der vorn mit einer seiner Milchkühe auf der Packung abgedruckt ist.

Nicht jede Paprika braucht ihre eigene Hülle, nicht mal drei Paprikas benötigen das. Nicht jede Süßigkeit braucht es als Miniformat einzeln verpackt in einer großen Verpackung und Wasser macht sich auch sehr gut in Glas-Mehrwegflaschen*, wenn es aus der Region kommt – oder in Deutschland aus der Leitung. Insofern: Plastikfolien, die den Gemüsemix in Rot-Gelb-Grün zusammenhalten, braucht es nicht, auch keine Folie um Brokkoli oder die möglichst große Banderole für die Biobananen.

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3. Verpackungen in Verpackungen, warum eigentlich?

Die Tiefkühlpizza kommt auf Pappe – manchmal inklusive Backpapier –, in Folie eingeschweißt und in Karton verpackt. Die Schokolade liegt zusätzlich folienummantelt in der Kunststoffhülle im Supermarktregal. Die Nudeln stecken in einem Pappkarton mit Plastikfenster, womöglich extra noch in einer Tüte verpackt.

Das alles lässt sich vielleicht gut stapeln, steigert die Freude auf den Zuckerschub oder sieht schick aus und mag allesamt ein Wunderwerk der Verpackungsmaschinenkunst sein – so viele Verpackungen in Verpackungen braucht aber in Wirklichkeit niemand. Verbieten. Sofort.

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4. Nur noch recycelbare Kunststoffe produzieren

Eine Verordnung darüber, wie all die Folien, Pappen und Tütchen wiederzuverwerten sind, gibt es bereits seit Beginn der Neunzigerjahre. Die Vorgaben haben Politiker und Politikerinnen im Verlauf der vergangenen Jahre sogar stetig enger gefasst, seit Januar dieses Jahres ist das aktuelle Verpackungsgesetz in Kraft. Ab dem 1. Januar 2022 müssen die Mindestrecyclingquoten demnach noch mal höher als bislang liegen: bei Glas, eisenhaltigen Metallen, Aluminium und Papier, Pappe und Karton bei 90 Prozent. Kunststoffverpackungen, so heißt es, müssen zu 63 Prozent werkstofflich verwertet werden.

Das ist gut, bekämpft allerdings nur die Symptome, nicht die Ursache. Müll zu vermeiden, heißt weniger Müll herzustellen. Erst recht, da China nicht mehr bereit ist, Müll aus Deutschland aufzunehmen. Und: Was hergestellt wird, sollte sich brauchbar wiederverwerten lassen. Aus Joghurtbechern können dieser Tage Wäschekörbe, Kabelhüllen oder Fasern für Fleecepullover werden – nicht aber wieder ein Joghurtbecher.

Geregelt werden sollte also, mit welchen Kunststoffen künftig nicht mehr gearbeitet werden darf. Eine erste Übersicht bezüglich besserer und schlechterer Stoffe liefert unter anderem eine Grafik des Magazins National Geographic.

Vergleichsweise gut wiederverwertbar sind demnach Polyethylenterephthalat, kurz PET, sowie Hart-Polyethylen, kurz HDPE. Aus Ersterem bestehen etwa Getränke- und Shampooflaschen (Plastikflaschen mit 25 Cent Pfand sind Einweg!), aus HDPE wiederum sind Snackboxen oder Milchkartons. Aufwendiger, aber noch immer machbar sei es, Weich-PE (auch LDPE genannt, etwa in feinen Verpackungsfolien oder Einkaufstüten) und Polypropylen (kurz PP, zu finden in Strohalmen und Lunchboxen) zu recyceln. Schwierig wird es allerdings bereits bei Polystyrol (PS), das in erwähnten Joghurtbechern steckt sowie in Eierkartons, Erdnussverpackungen oder diesen weißen Tabletts, auf denen Fleisch im Kühlregal liegt; folienverpackt versteht sich. Polyvinylchlorid (PVC) und alle anderen Kunststoffe gelten als sehr schwierige Materialien.

Und was ist mit Bioplastik? Nun, das mag gut klingen, ist im Wesentlichen einfach ein irreführender Begriff. "Wer an Bioplastik denkt, denkt automatisch, er tut etwas Gutes für die Umwelt", sagte der Chemiker Frederik Wurm vor einiger Zeit ZEIT ONLINE. Dabei seien Kunststoffe, die aus Pflanzen gewonnen werden, oft genauso langlebig wie herkömmliche Kunststoffe. Je nachdem, um was es sich bei dem unter Bioplastik vermarkteten Material handelt, gehört also auch das gestoppt.

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5. Kaffee trinkt sich am besten aus der Tasse

Laut einer Studie des Umweltbundesamts nutzen die Deutschen für Kaffee oder Tee jedes Jahr 2,8 Milliarden Einwegbecher. Das sind 34 pro Kopf. Die meisten Coffee-to-go-Becher und -Deckel lassen sich genau ein Mal nutzen, dann landen sie im Müll. Dabei sind mehr als die Hälfte kunststoffbeschichtete Papierbecher, der Rest reine Kunststoffbecher. 

Entsprechend unzufrieden sind Umweltministerin Schulze und Umweltschützer weltweit. Was derzeit deshalb angesagt ist: Einen eigenen mehrfach verwendbaren Becher mitbringen! "Der Pfandbecher ist die Jutetasche von heute", hieß es etwa auf ZEITmagazin ONLINE. Doch Achtung: So wie nicht jeder Stoffbeutel eine gute Alternative zur Plastiktüte ist, ist nicht jeder Mehrwegbecher ein guter Ersatz

Sollten wir also Kaffee nur noch zu Hause oder im Café trinken? Nein, aber Plastikdeckel und solche aus umweltschädlichem Silikon beispielsweise ließen sich direkt verbieten – was das Trinkverhalten durchaus beeinflussen würde. Und wieso nicht einfach mal wieder aus der Tasse oder dem Thermobecher trinken, die eh schon da sind?

Übrigens: Die Idee des Umweltministeriums, Hersteller künftig an den Kosten für die Reinigung von Straßen und Parks zu beteiligen, ist dann immer noch gut. Das gilt auch für die Schulzeschen Zigarettenstummel-Initiave (siehe Kasten oben). So ließen sich die Kommunen finanziell entlasten und das Wundermaterial Kunststoff wird auch deutlich unattraktiver, weil teurer.

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Und zum Schluss: Abfall sucht Eimer

* Anm. d. Red.: Weil die Ökobilanz von Glasflaschen maßgeblich davon abhängt, ob es sich um Einweg- oder Mehrweg-Flaschen handelt, haben wir diese Textstelle präzisiert. Dazu der Hinweis, dass laut des Naturschutzbundes die Umweltbilanz von Mehrwegsysteme aus Plastik vergleichsweise am besten ist, da diese Flaschen leichter sind als Mehrweg-Glasflaschen.

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