Mikroplastik ist überall: in der Tiefsee, zwischen den Sandkörnern der heimischen Flüsse, im ewigen Eis und vereinzelten Berichten zufolge auch in unseren Körpern, ja sogar im nach deutschem Reinheitsgebot gebrauten Bier. Nun konnten Forscherinnen und Forscher die mikrofeinen Partikel auch im Schnee nachweisen – in den Bayerischen Alpen und auf menschenverlassenen Eisschollen der Arktis. Ändert das noch was? Ja. Denn die Funde im Schnee sind ein klarer Hinweis auf ein neues, größeres Problem: Mikroplastik verbreitet sich weltweit über die Luft. Die Luft, die wir zum Atmen brauchen.

Für die Studie verglich das Forscherteam vom deutschen Alfred-Wegener-Institut Schneeproben aus dicht besiedelten Gegenden rund um Bremen und in den Bayerischen Alpen mit gänzlich verlassenen Orten wie Spitzbergen oder arktischen Eisschollen. Ihr Ergebnis, das sie nun im Fachmagazin Science Advances (Bergmann et al., 2019) veröffentlichten: In allen Proben steckten winzige Mikroplastikpartikel. Sowohl in der Arktis als auch in besiedeltem Gebiet bestand das Mikroplastik meist aus winzigen Überresten von Lacken, Gummi, PET-Flaschen oder synthetischen Textilien – alles Stoffe, die wir im Alltag benutzen.

Plastik im Meer - Erst vergiften wir den Ozean, dann uns selbst Millionen Tonnen Kunststoff landen jedes Jahr im Meer und schaden Tieren und der Natur. Als Mikropartikel atmen wir ihn auch ein. Ein Erklärvideo © Foto: youtube.com/cheeseandjamsandwich

In dicht besiedelten Gegenden waren die Konzentrationen zwar deutlich höher als in der Arktis – am meisten enthielt eine Probe vom Rand einer Landstraße in Bayern mit mehr als 150.000 Teilchen pro Liter geschmolzenen Schnees. Doch auch frisch gefallener Schnee im hohen Norden enthielt Mikroplastik in bemerkenswert hohen Konzentrationen, wenn man bedenkt, wie selten eine arktische Eisscholle mit dem Menschen und damit auch mit Plastik in Kontakt kommt. Ein Beispiel: Auf einer Scholle der Framstraße, dem Seeweg zwischen Spitzbergen und Grönland, fanden die Forschenden mehr als 14.000 Teilchen pro Liter Schnee.

Mikroplastik schwebt über Tausende Kilometer bis in die Arktis

Schnee hat eine besondere Eigenschaft, die sich die Wissenschaftlerinnen bei ihrer Untersuchung zunutze machten: Während die gefrorenen Eiskristalle langsam aus den Wolken auf die Erdoberfläche fallen, filtern sie kleine Schwebepartikel aus der Luft – darunter auch das winzige Mikroplastik. Findet man die Partikel in frisch gefallenem Schnee, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie zuvor in der Luft schwebten. Partikel im Eis der Arktis hingegen können auch aus dem Meerwasser kommen.

"Die Studie belegt, dass die Luft, aus der sich Mikroplastik mit dem Schnee niedergeschlagen hat, ein wichtiger Transportweg für Mikroplastik ist", sagt die Tiefseeökologin Melanie Bergmann, die Hauptautorin der Studie. So könne es auch in die entlegensten Regionen unserer Erde gelangen. Bergmann zufolge werden die Partikel sehr wahrscheinlich über weite Strecken mit dem Wind transportiert. Der Großteil der Partikel, die in die Arktis gelangen, stammt dabei wohl aus dem europäischen Raum. Ein Blick auf den Transport anderer Schwebepartikel in Richtung Norden macht das plausibel: Große Pollenkörner fliegen in wenigen Tagen von Mitteleuropa bis nach Spitzbergen, und Saharastaub wird mindestens 3.500 Kilometer weit geblasen, also bis in den Nordostatlantik (Science Advances: van der Does et al., 2018).

Wirklich überraschend kommt der neue Fund deshalb nicht. Schon länger vermuten Forschende, dass Mikroplastik in unserer Atmosphäre schwebt, das dann entweder zur Erde gleitet oder von Regen und Schnee eingefangen und zum Boden transportiert wird (Environmental Science and Pollution Research: Cai et al., 2017). So fanden Wissenschaftler bei Messungen in französischen Flüssen fünffach höhere Mikroplastikkonzentrationen, nachdem es geregnet hatte (Environmental Chemistry: Dris et al., 2014).

Es ist kaum bekannt, was Mikroplastik anrichtet

Die neue Studie sagt nichts über die Folgen der Mikroplastikverunreinigung. Wie genau Plastikrückstände Ökosysteme beeinflussen, ist Frage vieler aktueller – und noch nicht abgeschlossener – Forschungsvorhaben. Was die Studie aber zeigt: Wahrscheinlich nehmen Menschen jeden Tag viel mehr Mikroplastik in ihre Körper auf als bisher gedacht, über die Atmung und durch Niederschlag, der schwebendes Mikroplastik in unseren Wasserkreislauf spült.

Was genau das für unsere Gesundheit bedeutet, kann bisher niemand mit Sicherheit sagen. Zwar vermuten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, dass sich Schadstoffe an Plastikteilchen anlagern, über Essen oder die Luft in den Körper getragen werden und dort Entzündungen auslösen könnten (Environmental Science & Technology: Wright et al., 2017) oder dass eingeatmetes Plastik das Lungengewebe schädigen oder gar Krebs begünstigen könnte (Environmental Pollution: Prata, 2018) – stichhaltige Beweise gibt es jedoch für keine dieser Hypothesen, bisher sind es reine Vermutungen.

Trotzdem mahnen die Studienautorinnen und -autoren, die Ergebnisse ernst zu nehmen. Sie warnen beispielsweise davor, frisch gefallenen Schnee von Straßen wahllos in die Natur zu kehren. Ein großer Schneehaufen könne den Boden kontaminieren, heißt es in der Studie.

Mehr zum Thema Plastik und Müll können Sie in unserem Schwerpunkt "Leben im Wegwerfmodus" nachlesen. ZEIT ONLINE folgt den Routen des Abfalls und zeigt, was er mit Mensch und Tier macht und wie er sich besser vermeiden ließe.