Meterhoch schlagen Feuer in die Höhe. Auf Tausenden Quadratkilometern lodern Bäume. Rauchwolken ziehen über weite Teile Südamerikas. Es brennt im Amazonasgebiet. Im Fokus: die Brände in Brasiliens Regenwald. Denn ihn zu verlieren, hätte drastische Folgen für Umwelt und Klima.

Doch auch in anderen Regionen der Welt brennt es. Bereits im Juli brannte es in der Arktis so stark wie seit Jahren nicht. Noch immer stehen Teile von British Columbia, Kanada and Alaska in Flammen, ebenso mehr als 135.000 Quadratkilometer Sibiriens. Das ist etwas mehr als die Fläche Griechenlands. Währenddessen melden neben Brasilien südamerikanische Länder wie Bolivien und Paraguay immer mehr Brände, auch große Flächen in Indonesien, im Kongo oder in Angola brennen. Und dann gibt es vergleichsweise kleinere, aber ebenfalls verheerende Feuer wie in der Mongolei.

Der Höhepunkt der Waldbrandsaison für Brasilien ist zwischen August und Ende September erwartet. Bis November gibt es üblicherweise immer wieder Brände. In anderen Ländern ist es ähnlich. Doch nicht jedes Feuer, das derzeit wütet, ist natürlichen Ursprungs. Manche sind durch Abholzung und Brandrodung begünstigt, vor allem in Brasilien ist die Katastrophe menschengemacht. Wo genau brennt es im Amazonasgebiet? Wo auf der Welt steht noch Wald in Flammen? Sind es größere Flächen als sonst? Und warum ist brennender Regenwald besonders besorgniserregend? ZEIT ONLINE beantwortet die drängendsten Fragen:

Wo brennt es in Brasilien?

Wo es in Südamerika brennt

Messungen von Erdüberwachungssatelliten zeigen die Brandherde. Die Daten dazu wurden im Zeitraum vom 20. bis zum 26. August 2019 ermittelt.

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Die bessere Frage wäre: Wo in der Amazonasregion brennt es überall? In Brasilien gibt es in diesem Sommer seit Wochen zahlreiche Brände zwischen der Hauptstadt Brasília und der Küstenstadt Belém. Von dort ziehen sich die Feuer entlang des südlichen Amazonasgebiets nach Osten, vor allem an den südlichen Rändern des Amazonasbeckens fressen sie sich in den Wald hinein. Von den meisten Feuern betroffen sind die nordöstlichen Bundesstaaten Roraima, Acre, Rondônia und Amazonas.

Sie grenzen an Venezuela, an Kolumbien und an Peru und Bolivien, wo die Waldbrände zuletzt ebenfalls zugenommen haben. In Peru legten die Feuer im Vergleich zum Vorjahr um 116 Prozent zu, in Bolivien um 107 Prozent. Satellitenaufnahmen der US-Weltraumbehörde Nasa zeigen außerdem, dass nicht nur dort, sondern auch in Paraguay und Argentinien zahlreiche Feuer ausgebrochen sind.

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Warum brennt es dort?

Die Brände im Amazonasgebiet sind nicht die größten Brände aller Zeiten. Aber sie sind außergewöhnlich, denn anders als in der Arktis ist hier nicht der Klimawandel die Hauptursache. Das Wetter und die klimatischen Veränderungen spielen sicherlich eine Rolle, doch vielmehr sind die Feuer auf die Abholzung der Wälder zurückzuführen, die der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro derzeit noch vorantreibt.

"Die Abholzung des Regenwalds und die Brände sind nicht voneinander zu trennen", sagt Yadvinder Malhi, Professor für Ecosystem Science an der Universität Oxford. "Die Feuer, um die es geht, werden absichtlich an den Rändern von landwirtschaftlich genutzten Flächen direkt neben Wälder gelegt. Dort werden die abgeholzten Stämme aufeinander gestapelt und verbrannt." Daher stimmten sie mit dem hohen Anteil der entwaldeten Flächen überein. Andere Forscher wie Thomas Hickler vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum stimmen zu: "Wir sehen hier ein räumliches Muster von Bränden, das man nicht mehr mit Wetter oder Klima erklären kann."

Menschengemachte Brände in Rodungsgebieten

Vom 1. Juli bis 23. August 2019 gesammelte Brandorte sind rot auf dem Satellitenbild eingefärbt.

Seit den Sechzigerjahren gibt es eine Art Feuersaison, sie ist mal mehr, mal weniger stark. Landwirte, Viehzüchter und Landspekulanten nutzen die Trockenzeit, um gezielt Feuer zu legen, um neue Flächen zu gewinnen. Abholzen, Abbrennen, Rinder draufstellen, fertig ist die neue Weide. So die Idee. Immer häufiger aber greifen manche Feuer auf umliegenden gesunden Wald über, der sonst nicht brennen würde. Solche Ereignisse haben mit zunehmender Trockenheit des Klimas zugenommen (Nature Communications: Aragão et al., 2019).

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Wie viel Fläche Regenwald ist in den letzten Jahrzehnten verschwunden?

Die brasilianische Weltraumagentur Inpe überwacht seit 1988 die Abholzung im Amazonasgebiet. Seitdem wurde der Wald auf einer Fläche von 700.000 Quadratkilometern zerstört. Das entspricht etwa zweimal der Fläche von Deutschland. Forscherinnen und Forscher gehen davon aus, dass nahezu 17 Prozent des Amazonaswaldes entwaldet sind.

Seit Beginn der Aufzeichnungen werden pro Jahr mehrere Tausend Quadratkilometer Regenwald abgeholzt. 1995 mit fast 30.000 Quadratkilometern besonders viel. Einige Jahre nahmen die Mengen ab, 2004 dann gab es erneut einen Peak, daraufhin sank die Rate wieder stark, insbesondere weil das Inpe anfing, die Abholzung mit den zwei Satellitenprogrammen Deter und Prodes zu überwachen, und illegalen Rodungen so schnell entdecken und effektiv bekämpfen konnte.

Von rund 28.000 Quadratkilometern ging es von 2004 bis 2012 runter auf 4.600 Quadratkilometer jährlich, wie die Inpe-Daten zeigen. Langsam, aber sicher wurde es dann wieder mehr. Gab es zwischen 2012 und Ende 2018 insgesamt schon einen Anstieg, wird der Regenwald nun noch schneller und großflächiger abgeholzt – auch weil Präsident Bolsonaro entschieden hat, den Inpe-Leiter Ricardo Galvão zu entlassen.

Im Juni 2019 wurde im Vergleich zum Vorjahr 88 Prozent mehr Fläche gerodet und abgebrannt. Das zeigen Satellitenaufnahmen des Programms Deter, das dokumentiert, wie der Wald verschwindet. Allein zwischen dem 1. und 25. Juli dieses Jahres sollen 1.864 Quadratkilometer gerodet worden sein. Das entspräche einer Zunahme von 212 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

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Wo brennt es noch?

Satelliten können mit Instrumenten wie VIIRS und MODIS Terra Brandherde aus dem All identifizieren. Sie messen Veränderungen von Hitze und Helligkeit für das weltweite Feuer-Überwachungssystem (Firms) der Nasa, das per Software analysiert, ob es sich um ein Feuer handelt. Eine Schwäche des Systems ist, dass sich nicht feststellen lässt, ob es sich bei jeder einzelnen Meldung um ein eigenes Feuer oder um den Teil eines bestehenden Brandes handelt. Auch kann es sein, dass ein Feuer begonnen und wieder geendet hat, während der Satellit die Erde umkreiste. Wolken, Rauch oder Baumkronen können einen Brand verdecken. Leichter zu durchsuchen als die Firms: die Feuerweltkarte von Global Forest Watch.

Die meisten Meldungen der vergangenen Woche stammen aus Angola, wo rund 135.100 Brandherde entdeckt wurden. Gefolgt vom Kongo (110.200), Brasilien (91.500), Sambia (72.900) und Bolivien (41.800). Doch auch in Russland (41.600), Mosambik (39.700), Tansania (24.300) und Australien (22.600) sowie Indonesien (18.600) meldeten die Satelliten Tausende Feuer. Einige davon sind menschengemacht, andere natürlichen Ursprungs.

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Brennt es mehr als sonst?

Auf der Südhalbkugel ist Waldbrandsaison. Insgesamt 745.629 Brandherde haben Satelliten zwischen dem 18. und dem 25. August gemeldet, wie die Website Global Forest Watch Fires zeigt. Seit Beginn des Jahres etwas mehr als 16.000.000. In vorherigen Jahren hatten die Satelliten jedoch schon mehr Brandherde zur selben Zeit auf der Welt erspäht.

Nimmt man ausschließlich die Daten des MODIS-Systems zeigt sich: Von Januar bis August 2019 schlug der Feueralarm weltweit insgesamt rund 3.040.000 an, in demselben Zeitraum im Jahr 2003 waren es rund 3.400.000 Mal. Wie gesagt: Nicht jeder Alarm ist mit einem Brand gleichzusetzen.

Weltweite Anzahl der Brände vergleichbar mit früheren Jahren

Jahresverläufe im Vergleich, akkumulierte Anzahl der Brandmeldungen des MODIS-Systems

Quelle: Global Forest Watch © ZEIT ONLINE

Auch im Amazonasgebiet sind die Brände bislang nicht die schwersten aller Zeiten. Laut der Global Fire Emissions Database wurden dort bis jetzt rund 8.700 Brände entdeckt – mehr als in den letzten Jahren und nur knapp weniger als der Höchststand im Jahr 2016 (8.836). Das damalige El-Niño-Jahr brachte Trockenheit und Hitze und begünstigte so die Entstehung natürlicher Brände. Was jedoch bedenklich ist: Laut der brasilianischen Weltraumorganisation Inpe hat die Zahl der Brände gegenüber 2018 um 84 Prozent zugenommen. Nicht alles waren Waldbrände, aber mehr als die Hälfte ereignete sich im Amazonasgebiet.

"Über die letzten 20 Jahre gab es global keinen eindeutigen Trend zu mehr Feuer", sagt Thomas Hickler, der die Folgen des Klimawandels für die Natur untersucht. Ein Grund: Immer mehr Land wird intensiv als Acker genutzt, da brennt es weniger.

Um herauszufinden, wie schlimm die Feuer tatsächlich sind, können Experten die abgebrannte Fläche ausmessen – was erst dann möglich ist, wenn die Feuer nicht mehr brennen – oder messen, wie viel Kohlenstoff tatsächlich ausgestoßen wird.

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Wieso ist es besonders schlimm, wenn Regenwald brennt?

Der Amazonasregenwald ist mit über 5 Millionen Quadratkilometern der größte tropische Wald der Erde, den Großteil davon nimmt der brasilianische Regenwald ein. Damit ist er allein so groß wie alle anderen tropischen Regenwälder zusammen und speichert bis zu 140 Milliarden Tonnen Kohlenstoff. Wird der Wald abgeholzt oder abgebrannt, wird der Stoff freigesetzt – so wie jetzt.

Wie viel, hängt davon ab, wie dicht er bewaldet ist, also wie viel Biomasse er enthält. Auch am Rand des Amazonasregenwaldes, wo viele Brände herrschen, kann die Biomasse hoch sein. Wenn im Regenwald ein Baum stirbt, zersetzen Mikroben nachträglich über längere Zeit das Geflecht im Boden, wodurch zusätzlich Kohlendioxid in die Luft gelangt.

Geschätzt wurden bei den derzeitigen Feuern bislang 228 Megatonnen Kohlenstoff freigesetzt. "Man kann davon ausgehen, dass pro Hektar 100 Tonnen Kohlenstoff stehen, die verbrennen", sagt Thomas Hickler vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum – das ist genug, um das Klima zu beeinflussen.

Der freigesetzte Kohlenstoff sorgt mit dafür, dass sich die Atmosphäre weiter aufheizt. Das ist aber nur einer der Gründe, aus denen die Brände und die Abholzungen problematisch sind. Auch für die Wolkenbildung und damit den Niederschlag sind die Regenwälder relevant. Noch verdunstet über Amazoniens Wald so viel Wasser, dass er einen großen Teil des Regens, der über ihm niedergeht, selbst erzeugt. Je weniger Bäume stehen, desto weniger Regen fällt. Dabei beeinflussen die Wolken, die über dem Amazonaswald entstehen, das Klima auf dem ganzen Kontinent. Die tropischen Wälder sind außerdem eines der artenreichsten Ökosysteme unserer Erde. Über die Hälfte aller Pflanzen- und Tierarten leben dort.

Ein weiteres Problem: Selbst kleinere Brände in dicht bewaldeten Gebieten, die sonst nicht brennen, haben langfristige Folgen. Mit der schwindenden Dichte ändern sich die Oberflächeneigenschaften. Die Regionen heizen sich künftig schneller auf, was Feuer in der Zukunft begünstigt. "Selbst wenn diese Gebiete nicht mehr weiter durch den Menschen genutzt werden, kann es daher sein, dass sich die Ökosysteme nicht mehr erholen, sondern im Zustand einer Savanne bleiben", sagt die Geoökologin Gitta Lasslop.

Mehr als die Hälfte der Amazonaswälder könnte zu Savanne, Ackerland oder Weidefläche werden, sollten in Zukunft mehr als 20 bis 25 Prozent der Flächen des Amazonasgebiets abgeholzt werden. Damit würden Prognosen zufolge mehr als 50 Milliarden Tonnen Kohlenstoff in die Atmosphäre gelangen (Science Advances: Lovejoy und Nobre, 2018).

Umstritten ist, inwiefern Amazoniens Regenwald der Welt Sauerstoff liefert. Zuletzt war in diversen Medien zu lesen, er produziere bis zu 20 Prozent des weltweiten Sauerstoffs. Deshalb bezeichnen manche tropische Wälder als die Lunge der Welt. Doch der Wert ist unter Forscherinnen und Wissenschaftlern umstritten. Der BBC sagte ein Forscher, es seien eher 16 Prozent, wieder andere gehen von weniger als 10 Prozent aus. Und dann gibt es noch Berechnungen, denen zufolge die Bilanz gleich null ist, weil der Regenwald, sein Boden und seine Bewohner Sauerstoff aufnehmen.

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Wie umweltschädlich sind die Brände in anderen Regionen?

Auch die Feuer in Indonesien sind häufig menschengemacht. Hier verfeuern Menschen oft für Palmölplantagen vor allem Regenwald, der auf Torfboden steht. Der Boden brennt dann direkt mit ab, was noch mehr Kohlendioxid freisetzt, als wenn es sich um anderen Untergrund handelt. Ebenfalls problematisch: Indonesiens brennende Moore, die aufgrund ihrer Zusammensetzung ebenfalls viele Emissionen pro verbrannter Fläche im Vergleich zu herkömmlichem Waldboden freigeben.

Es gibt aber auch Regionen, in denen regelmäßige große Feuer zum Ökosystem gehören, in Angola beispielsweise. Sie künstlich zu unterdrücken, ist riskant: "Es kann dazu führen, dass sich nach einiger Zeit so viel Biomasse aufgebaut hat, dass die Feuer sehr viel intensiver und gefährlicher sind als unter dem natürlichen Feuerregime", sagt Gitta Lasslop. Die beste Strategie für die Umwelt: brennen lassen.

In den Savannen des Landes wachsen zwar Schirmakazien und Padouk-Bäume sowie Baobabs, doch die sind an die Feuer angepasst. Wenn es dort brennt, rauschen die Flammen geradezu durch und vernichten allen voran Gräser, die schnell wieder nachwachsen. Große Mengen kohlenstoffhaltiger Biomasse hingegen werden nicht frei. Auch in Trockenwäldern überleben Bäume zumeist einen Brand. Das bedeutet, ihr Wurzelwerk bleibt intakt.

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