Es ist die erste ganzjährige Expedition in die zentrale Arktis, die das dortige Klimasystem erforscht: An diesem Freitag startet der Forschungseisbrecher Polarstern des Bremerhavener Alfred-Wegener-Instituts vom norwegischen Tromsø aus in das Nordpolarmeer. Bis zu tausend Kilometer werden zwischen dem Schiff und dem Festland liegen. Zwei bis drei Monate lang wird es wohl deutlich dichter als 200 Kilometer am geografischen Nordpol vorbei driften.

"Ich bin sicher, damit werden wir einen Durchbruch in der Klimaforschung erreichen", sagte der Atmosphärenphysiker Markus Rex, der sich mit seinem Team auf die Expedition begibt. Denn die Arktis sei das Epizentrum des globalen Klimawandels. Nirgendwo schreite die Erderwärmung so schnell voran wie dort. "Gleichzeitig ist die Arktis aber auch die Region unseres Planeten, in der wir das Klimasystem am allerschlechtesten verstehen."

Das liegt auch daran, dass das Nordpolarmeer eigentlich nur im Sommer zugänglich ist. Zwar lieferten in der Vergangenheit bereits autonome Messbojen Daten aus der winterlichen Arktis. So komplexe Experimente, wie sie jetzt gemacht werden können, waren jedoch zuvor nicht möglich. "Eine Arktisexpedition in dieser Größenordnung hat es noch nie gegeben", sagte Rex.

Dünne des Eises könnte zum Problem werden

Mehr als 70 wissenschaftliche Institute aus fast 20 Ländern und Hunderte Forscherinnen und Forscher sind an dem 140 Millionen-Euro-Projekt Mosaic beteiligt. Teile der Crew von 100 Personen werden innerhalb des Jahres sechs Mal wechseln. Versorgt wird die Polarstern von vier weiteren Eisbrechern sowie drei Flugzeugen. Bis zu tausend Kilometer werden zwischen der Polarstern und dem Festland liegen. 

Eine genaue Route ist dabei nicht festgelegt. Denn die Polarstern wird den Motor abstellen und mit dem Meereis driften, angedockt an eine Eisscholle. Das arktische Meereis bildet sich hauptsächlich vor der Küste Sibiriens – der Region, die von einigen als Geburtsort der arktischen Eismassen angesehen wird. Von dort treibt das Eis langsam über die Zentralarktis und wird nach einem Jahr über die Framstraße östlich von Grönland nach Süden zum Atlantik transportiert, wo es schließlich schmilzt.   

Wichtig ist zunächst, die optimale Eisscholle zu finden. Darauf soll schließlich ein kilometerweites Netz aus Stationen aufgebaut werden, um Proben aus dem Wasser, aus dem Eis und der Atmosphäre zu nehmen. In 35.000 Meter Höhe wird die höchste, in 4.000 Metern Tiefe die tiefste Messung vorgenommen. Das Eis sollte dafür mindestens 1,50 Meter dick sein. Auf Satellitenbildern sehe es jedoch so aus, als ob das Eis nur 80 Zentimeter dick sei, sagte Rex.

Für den geplanten Bau einer Landebahn für Flugzeuge könnte das ein Problem werden. "Eventuell müssen wir weiter nach Norden fahren als geplant, um die richtigen Verhältnisse anzutreffen", sagt Geophysiker Christian Haas, der nach Markus Rex die Fahrt leiten wird. Sollte das Eis nicht dick genug sein, könne nicht wie geplant eine russische Antonow auf der Scholle landen, sondern nur leichtere Flieger. 

"Wir müssen sehr schnell die weltweiten Emissionen reduzieren"

Eine Gefahr für die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Expedition sind Eisbären. Aber auch der Untergrund kann gefährlich werden. "Wir arbeiten auf einer dynamischen Oberfläche. Es kann sein, dass sich eine Spalte bildet, die man nicht sieht, weil sie vom Schnee zugeweht wird. Dann kann jemand ins Meer fallen", sagte Rex. Für solche Fälle trägt das Team bei seinen Arbeiten außerhalb des Schiffs Spezialanzüge, die im Wasser Auftrieb haben und lange warmhalten.  

Für medizinische Notfälle begleitet ein Chirurg die Expedition, ein OP-Raum befindet sich an Bord. Der Arzt muss Brüche, Herzinfarkte oder Verbrennungen gleichermaßen versorgen können. Denn bis es möglich ist, einen Patienten oder eine Patientin von Bord zu bringen, kann es Wochen dauern. Selbst im allerbesten Fall seien es vier Tage, bis die Person im Krankenhaus ist, sagte Rex.  

Die Arktis spielt eine wichtige Rolle im globalen Klimawandel. Schon während der Expedition – ab Anfang 2020 – soll damit begonnen werden, die ersten Daten auszuwerten. Wenn alles gut geht, kommt die Polarstern im Herbst 2020 zwischen Spitzbergen und Grönland wieder aus dem Eis heraus. Für Rex steht aber bereits fest: "Wir müssen jetzt sehr schnell die weltweiten Emissionen von Treibhausgasen reduzieren, da sprechen die wissenschaftlichen Ergebnisse eine eindeutige Sprache."

Klimawandel - Es ist schlimmer als bisher befürchtet Unser Planet heizt sich auf. Gletscher, Schnee und Dauerfrostböden tauen. Unser Video zeigt, wo Sie dem Klimawandel zuschauen können. © Foto: Zeit Online