Es krabbelt noch viel weniger in Wald und Wiesen – Seite 1

Der Rückgang der Insekten und Spinnen in Deutschland reicht weiter, als bislang angenommen. Seit 2009 ist etwa ein Drittel aller Arten aus Wiesen und Wäldern verschwunden. Zu dem Ergebnis kommt eine Studie der TU München (TUM), die heute im Magazin Nature erschienen ist (Seibold et al., 2019).

"Bisherige Studien konzentrierten sich entweder ausschließlich auf die Biomasse, also das Gesamtgewicht aller Insekten, oder auf einzelne Arten oder Artengruppen", sagt Hauptautor Sebastian Seibold, Ökologe am Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie der TUM. "Dass tatsächlich ein Großteil aller Insektengruppen betroffen ist, war bisher nicht klar."

Die Wissenschaftler und Forscherinnen hatten ab dem Jahr 2009 untersucht, wie sich der Bestand an Insekten und Spinnen in drei Regionen Deutschlands verändert hat – auf Flächen in der Schwäbischen Alb, im Nationalpark Hainich und in der Schorfheide Chorin. Dabei nahmen sie nicht nur Schutzgebiete unter die Lupe, sondern auch Wälder und Wiesen, die entweder mäßig als Anbauflächen oder Weideland für Schafe und Rinder genutzt oder aber von Menschen intensiv bewirtschaftet werden – mitsamt regelmäßiger Düngung beispielsweise. Die Auswertung ergab insgesamt: Sowohl die Zahl der Insektenarten nahm massiv ab wie auch die Biomasse – allein auf den Wiesen um mehr als zwei Drittel. "Das zeigt, dass das Problem weiter reicht, als wir bislang dachten", sagt Axel Hochkirch vom Zentrum für den Schutz der Biodiversität an der Universität Trier.

Am meisten überrascht war der Biologe, der selbst nicht an der Studie beteiligt war, allerdings vom Rückgang in den Wäldern. Dort schrumpfte die Biomasse um 41 Prozent. Der Wald galt im Gegensatz zu Ackerflächen und Wiesen bislang als eine Art Schutzraum für Insekten und Spinnen. Zumal Waldbesitzer und Forstwirte seit Längerem auf nachhaltige Bewirtschaftung setzen: Sie lockern Monokulturen auf und lassen Totholz öfters liegen. "Wir hatten eigentlich den Eindruck, dass die Probleme dort nicht so offensichtlich sind wie im Offenland", sagt Hochkirch.

Mehr und mehr Anzeichen für Insektenschwund

Klimawandel - Bauernfamilien verklagen Bundesregierung Von der Klimapolitik der Regierung fühlen sich drei Biobauer im Stich gelassen. Deshalb wollen sie nun gemeinsam mit Greenpeace dagegen vor Gericht ziehen. © Foto: Nicolas Armer/dpa

Warum auch im Wald die Arthropoden so stark verschwinden, konnten die Wissenschaftler allerdings noch nicht hinreichend erklären. Zwar zeigte sich vor allem ein Rückgang solcher Insekten, die weite Strecken zurücklegen. Ob das aber darauf hindeutet, dass Bienen, Käfer und Schmetterlinge Probleme bekommen, wenn sie mit der Landwirtschaft in Kontakt geraten, oder ob nicht doch in den Wäldern selbst die Ursache zu finden ist, kann die Studie nicht erklären.

Bereits 2017 hat eine Erhebung des Entomologischen Vereins Krefeld einen Schwund an Fluginsekten in 63 deutschen Schutzgebieten ergeben. Über 27 Jahre hatten die Insektenkundler Stichproben von Käfern, Bienen und Schmetterlingen vor allem in Nordrhein-Westfalen genommen. Der Ökologe Caspar Hallmann von der Radboud Universität Nimwege hat die Daten ausgewertet: Um über drei Viertel war in dem Zeitraum die eingesammelte Insektenmasse geschrumpft. Die Studie (Hallmann 2017) hat erstmals der breiten Öffentlichkeit vor Augen geführt, dass Insekten in großer Zahl aus Deutschland verschwinden, und eine Reihe von politischen Initiativen angestoßen. So schreibt ein Artenschutzgesetz in Bayern seit dem 1. August vor, den Anteil der ökologischen Landwirtschaft zu verdreifachen und den Einsatz von Pestiziden zu begrenzen.

Hauptursache deutet auf Landwirtschaft hin

Allerdings zog die Krefelder Studie auch Kritik auf sich, weil die Flächen teils in unregelmäßigen Abständen untersucht worden sind. Ein Großteil der Schutzgebiete konzentrierte sich außerdem auf nur eine Region: Nordrhein-Westfalen, ein stark industrialisiertes Bundesland mit industrialisierter Landwirtschaft.

Die Wissenschaftler- und Wissenschaftlerinnen um Seibold sind nun nicht nur wesentlich penibler vorgegangen, sondern haben ihre Untersuchung auch weiter gefasst: Auf etwa 300 Flächen haben sie über eine Million Insekten und Spinnen gesammelt, darunter 2.700 Arten. "Der Aufbau ist deutlich besser", sagt Hochkirch. "Ein Vorteil ist auch, dass drei Gebiete untersucht wurden, die geographisch relativ weit auseinanderliegen und unterschiedliche Landschaften abbilden."

Um allerdings den genauen Ursachen für den Insektenrückgang auf die Spur zu kommen, brauche es ein systematisches Monitoringprogramm, das sämtliche Lebensraumtypen abbildet und mithilfe staatlicher Finanzierung kontinuierlich läuft. Genau so etwas plant derzeit die Bundesregierung: Ab dem Jahr 2020 will sie zusammen mit den Bundesländern ein einheitliches Insektenmonitoring erproben und dann schrittweise umsetzen.

Die Art und Weise der landwirtschaftlichen Nutzung entscheidet maßgeblich mit, ob Insekten in der Umgebung überleben können.
Svenja Schulze, Bundesumweltministerin (SPD)

"Wir dürfen allerdings nicht auf die Daten warten, bis wir handeln", sagt Hochkirch. Schließlich zeichnet sich längst ab, dass der Rückgang der Insekten im Zusammenhang mit der intensivierten Landwirtschaft steht, also der Überdüngung mit Stickstoff, dem massiven Pestizideinsatz, der Ausreizung der Ackerfläche und mehrmaligem Mähen im Jahr.

Die aktuelle Studie führe ein weiteres Mal vor Augen, wie ernst die Lage sei, sagte auch Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) der Nachrichtenagentur dpa. Die Bundesregierung arbeite an einer zügigen Umsetzung ihres Aktionsprogramms Insektenschutz. "Eines belegt die Studie aber auch: Die Art und Weise der landwirtschaftlichen Nutzung entscheidet maßgeblich mit, ob Insekten in der Umgebung überleben können", sagte Schulze.

Tatsächlich war der Insektenschwund überall dort besonders stark, wo die Wiesen von Ackerland umgeben waren. Damit weist das Forscherteam um den Ökologen Sebastian Seibold darauf hin, dass die Hauptursache in der Landwirtschaft zu finden ist. Insgesamt stellten die Wissenschftlerinnen und Wissenschaftler zwar keinen unmittelbaren Zusammenhang mit der Stärke der regionalen Landnutzung fest. Allerdings summte und krabbelte es auf solchen Grasflächen besonders wenig, die an Ackerflächen grenzten. Dort schrumpfte vor allem die Biomasse von Arten, die keine großen Distanzen zurücklegen. Möglicherweise hätten sie schlechtere Chancen, Regionen überhaupt oder auch neu zu besiedeln, wenn sie inmitten von Ackerwiesen und -böden lägen.