Regional super, international aber ein Desaster? So könnte die Zusammenfassung einer neuen Studie zum Ökolandbau lauten, die britische Forscher im Magazin Nature Communications veröffentlicht haben (Smith et al., 2019). Sie haben ein Szenario berechnet, in dem England und Wales zu 100 Prozent auf biologischen Ackerbau umsteigen würden. Ihr Ergebnis: Nicht nur bis zu 40 Prozent weniger Erträge könnten die Folge sein. Auch würden sich Lebensmittelimporte erhöhen, Agrarflächen im Ausland ausweiten und am Ende der Rechnung würde der heimische Bioanbau sogar mehr Treibhausgase wie Kohlenstoffdioxid (CO2) verursachen als die vorwiegend konventionelle Landwirtschaft.

Die Studie ist eine Art Gedankenexperiment, um deutlich zu machen, welche Auswirkungen bestimmte Faktoren hätten. Die vier Autoren berufen sich darin nicht auf das gesamte Gebiet von Großbritannien, weil die Daten für England und Wales umfangreicher waren. Und sie gehen von einer unrealistischen Ausgangssituation aus: dem kompletten landesweiten Umbau der Landwirtschaft sowie der simplen Annahme, dass die Menschen in England und Wales sich weiterhin so ernähren wie auch heute schon. Nur ein entscheidender Faktor unter weiteren.

Ökolandbau meist im Vorteil

Grundsätzlich schneidet Biolandbau in mehreren Bereichen meist besser ab als die konventionelle Beackerung von Land. Insbesondere, wenn es darum geht, Böden langfristig fruchtbar zu halten, Nährstoffe aufzubauen oder schädliche Folgen von künstlichem Dünger so gut es geht zu vermeiden.

Auch beim Ausstoß von Treibhausgasen – dem Aspekt, den die aktuelle Studie vor allem betrachtete – wäre der Ökolandbau grundsätzlich im Vorteil, zumindest regional: In England und Wales selbst würden mit dem Bioanbau von Getreide, Obst und Gemüse die Emissionen direkt um gut 20 Prozent sinken, der Ausstoß aus der Nutztierhaltung ginge um etwa vier Prozent zurück. Doch der Preis dafür, so argumentieren die britischen Forscher, wären Einbußen bei den Ernteerträgen, weshalb Nahrungsmittel aus dem Ausland importiert werden müssten, um dies auszugleichen. So schätzen die Studienautoren, dass weltweit bis zu fünfmal mehr Landfläche benötigt würde, um die derzeitige Nachfrage und Ernährung der Waliserinnen und Engländer zu stillen. All das hätte klimaschädliche Folgen durch zusätzliche Transportwege und konventionelle Landnutzung im Ausland.

"Obwohl Ökolandbau zweifelsohne lokale Vorteile für die Umwelt hat, etwa Kohlenstofflagerung im Boden, geringere Pestizidbelastung und eine verbesserte Artenvielfalt, müssen wir das gegen die Anforderung nach einer wachsenden Produktion andernorts aufrechnen", sagte Guy Kirk, einer der Studienautoren, in einer Pressemitteilung der englischen Cranfield University. Sein Kollege und Studienleiter Laurence Smith betonte darin, dass vor allem der mögliche Effekt auf die Landnutzung berücksichtigt werden müsse: "Ein Nettorückgang von Treibhausgasen könnte nur erreicht werden, wenn er mit einem deutlichen Anstieg der Bioernten einhergeht oder einer umfassenden Änderung in der landesweiten Ernährungsweise."

Vor allem wenig Steak, Braten und Wurst, mehr Grünzeug und Nüsse – das wäre Teil eines für Mensch und Umwelt sinnvollen Speiseplans. Ihn stellten Medizinerinnen und Forscher dieses Jahr im Magazin Lancet vor (The Lancet: Willett et al., 2019). Die sogenannte planetary diet schone die Gesundheit des Einzelnen sowie Natur und Klima.

Diesen Aspekt betrachtete die aktuelle Studie hingegen nicht weiter. Stefan Frank vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse in Österreich hält sie dennoch für einen "interessanten 'Was-wäre-wenn-Blick'". Das teilte er dem Science Media Center (SMC) in Deutschland (siehe Kasten) mit. Während die Annahmen zur Agrarwirtschaft in England und Wales detailliert seien, hätten die Forscher für die Treibhausgaseffekte "eine sehr vereinfachte Berechnungsmethode gewählt". Deswegen halte er die Schlussfolgerung der Studienautoren, dass die im eigenen Land eingesparten Emissionen durch mehr Landnutzung im Ausland wieder zunichtegemacht würden und in der Bilanz sogar mehr Treibhausgase in die Atmosphäre gelangen würden, für weniger stark belegt.

Zudem stellt sich die Frage, ob weniger Erträge im Ökolandbau sich ausgleichen könnten, ohne dass zusätzlich große Flächen andernorts dafür beackert werden müssten. "Derzeit landen etwa 25 bis 30 Prozent der weltweit produzierten Agrarprodukte nicht im Magen der Konsumenten", erläutert Frank. Sie gehen verloren, "zum Beispiel durch Ernteverluste und Nahrungsmittelabfälle". In der EU, so schätzen Experten, landet so etwas mehr als die Hälfte aller weggeworfenen Lebensmittel in privaten Haushalten in der Tonne. Klaus Butterbach-Bahl vom Karlsruher Institut für Technologie berichtete dem SMC, dass sich geringere Erträge im Biolandbau und Nahrungsmittelabfälle theoretisch aufheben könnten. Letztlich sei es aber "illusorisch, anzunehmen, dass keine Nahrungsmittel mehr weggeschmissen werden", sagte der Experte für biogeochemische Prozesse.