Die Arktis ist das Gebiet, das nach Ansicht von Klimaforschern weltweit am stärksten von den Auswirkungen des Klimawandels beeinflusst wird. Das geht aus dem sechsten World Ocean Review (WOR) hervor, der in Berlin vorgestellt wurde. Demnach erwärmt sich die Polarregion mehr als doppelt so schnell wie die restliche Welt und hat sich damit in den vergangenen Jahrzehnten zum "Hotspot" des Klimawandels entwickelt. Auslöser seien komplexe Wechselwirkungen zwischen Atmosphäre, Land, Meer und schwindendem Eis. 

"Welche Effekte in welchem Ausmaß zur Verstärkung beitragen, wird in der Wissenschaft kontrovers debattiert", heißt es in dem etwa 300 Seiten langen Bericht von Wissenschaftlern verschiedener Fachbereiche. Allerdings belegten die Satellitenbeobachtungen auch 2019 den fortschreitenden Verlust großer Meereisgebiete in der Arktis und die fortschreitende "Dynamisierung" antarktischer und grönländischer Kontinentaleismassen.

Der Rückgang des Meereises in der Barents- und Karasee beeinflusst nach Angaben der Forscherinnen und Forscher auch die Stärke und den Verlauf des Jetstreams über der nördlichen Hemisphäre und nimmt damit auch indirekt Einfluss auf das Wetter in den mittleren Breiten. Der Jetstream ist eine wellige Luftströmung in großer Höhe. 

Zudem wird durch die Eisschmelze dem Bericht zufolge mehr Süßwasser in das Nordpolarmeer eingetragen. Welche Folgen dies hat, ist laut WOR noch unklar. "Forschende aber vermuten, dass sie die klimarelevante Umwälzung der Wassermassen im Nordatlantik bremsen – und infolgedessen der für Europa so wichtige Golfstrom an Kraft verlieren könnte."  

Gesamteisverlust seit 2012 verdreifacht

Zu einer besonderen Gefahr kann nach Ansicht der Forscher die beschleunigte Eisschmelze in der Antarktis werden. Dem WOR zufolge hat sich der Gesamteisverlust in der Antarktis seit 2012 verdreifacht. Gestiegen sei auch der Beitrag zum globalen Meeresspiegelanstieg, der an Geschwindigkeit zunimmt: "Dieser fällt mit 3,3 Millimetern pro Jahr inzwischen doppelt so hoch aus wie noch im Jahr 1990."

Die Verfasser des Berichts machen außerdem auf den bedrohten Lebensraum Polarregion aufmerksam. So gehen die Expertinnen und Experten von einer weitreichenden Beeinträchtigung der Pflanzen- und Tierwelt durch zunehmenden, auch touristischen Schiffsverkehr aus. Zudem werden Ressourcen in vormals unzugänglichen Regionen zugänglich, neue Fischfanggebiete sowie kürzere Schifffahrtswege erschlossen, deren Nutzungsrechte noch nicht abschließend geklärt sind, schreiben die Sprecher des Forschungsnetzwerks Future Ocean in ihrem gemeinsamen Vorwort. 

All diese Veränderungen wirkten sich auf das weltweite Klima aus. "Wir alle hängen unmittelbar von der Stabilität der Polarregionen ab", warnte die Professorin und Co-Sprecherin des Kieler Forschernetzwerks Future Ocean, Nele Matz-Lück. Die Seerechtsexpertin kritisierte zudem das wachsende Interesse an einer kommerziellen Nutzung der Arktis. "Es ist ja eine gewisse Ironie, dass gerade die Auswirkungen des Klimawandels wie der Rückzug des Eises überhaupt erst die Förderung von Öl und Gas in der Arktis ermöglichen", sagte Matz-Lück. Schließlich führe dies dazu, dass noch mehr fossile Brennstoffe verbrannt werden, was zu noch größeren Effekten auf das Klima in der Zukunft führen werde.

Matz-Lück plädiert deshalb für engagierte und für alle Staaten verbindliche Klimaschutzziele. An einen Vertrag, der explizit die Arktis weiter unter Schutz stellt, glaubt die Forscherin jedoch nicht. "Die Arktisanrainerstaaten haben bereits erklärt, dass sie kein Vertragsregime wie für die Antarktis wünschen." Zu den arktischen Anrainern, die Interessen und Ansprüche auf arktisches Meeresgebiet geltend machen, gehören Russland und die USA mit Alaska, Kanada, Dänemark mit Grönland, und Norwegen. Im Nordpolarmeer gibt es große und bislang unerreichbare Fischgründe, vor allem aber Rohstoffe. Nach Schätzungen liegen mehr als 30 Prozent der unentdeckten fossilen Brennstoffe wie Erdöl und -gas nördlich des Polarkreises.

Kontinuierlicher Temperaturanstieg

Der Forscher Mark Parrington vom Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage hatte im Gespräch mit ZEIT ONLINE bestätigt, dass sich die Temperatur an der Erdoberfläche des nördlichen Polarkreises im Zuge der globalen Erwärmung im Durchschnitt über die Jahrzehnte kontinuierlich erhöht hat. Parrington beruft sich auf Satelliten-Temperaturauswertungen, die seit 1981 gemacht werden.

Die in diesem Jahr ungewöhnlich hohen Temperaturen in der nördlichen Polarregion hatten im vergangenen Sommer die heftigsten Brände seit mehr als einem Jahrzehnt ausgelöst. Insgesamt brannten Mitte Juli am nördlichen Polarkreis 270 Feuer am Tag (2003 bis 2018 waren es zur gleichen Zeit etwa 55 am Tag). Nach Ansicht des Forschers können auch die zunehmenden Feuer in der Arktis auf den Anstieg der Oberflächentemperatur und die stärkere Trockenheit in der Region zurückgeführt werden.

Klimawandel - Was, wenn wir nichts tun? Waldbrände, Eisschmelze, Unwetter: Der Mensch spürt die Erderwärmung. Wie sieht die Zukunft aus? Der Klimaforscher Stefan Rahmstorf erklärt unsere Welt mit 4 Grad mehr.

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