Noch nie seit seiner Entdeckung Anfang der Achtzigerjahre war das Ozonloch über dem Südpol so klein wie in diesem September, teilte kürzlich die US-Raumfahrtbehörde Nasa mit. Bis es sich schließt, werden noch Jahrzehnte vergehen, sagt der Physiker Rolf Müller vom Forschungszentrum Jülich.

ZEIT ONLINE: Herr Müller, bevor wir über das Ozonloch sprechen, erklären Sie doch bitte noch mal, was Ozon überhaupt ist.

Rolf Müller: Ozon ist ein Spurengas aus drei Sauerstoffatomen (O3), das nur in sehr geringen Konzentrationen in der Natur vorkommt. Es spielt eine wichtige Rolle in der Atmosphäre, denn es schützt alle Lebewesen auf der Erde vor aggressiver UV-Strahlung. Die Hülle aus Luft und Gasen, die unsere Erde umgibt, besteht aus mehreren Schichten: Die unterste – dort wo wir atmen – heißt Troposphäre, darüber liegt die Stratosphäre. Und in der gibt es eine natürliche Schicht aus Ozon, die im Laufe des Jahres in Wechselwirkung mit anderen Gasen mal etwas dicker, mal etwas dünner ist.

ZEIT ONLINE: Und in dieser Schicht ist ein Loch?

Müller: Ja, genau. Die globale Ozonschicht hat sich seit den Achtzigerjahren ausgedünnt, aber seit 1985 weiß man, dass es jedes Jahr zu einer regelrechten Lücke über dem Südpol kommt. Und erst zu jener Zeit erkannte man, warum das passiert.

ZEIT ONLINE: Und zwar?

Rolf Müller ist Physiker am Institut für Energie- und Klimaforschung im Forschungszentrum Jülich. © Forschungszentrum Jülich

Müller: Weil der Mensch zwischen den Sechziger- und Neunzigerjahren massenhaft Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCWK) in die Atmosphäre hat entweichen lassen. Diese Schadstoffe, die damals in jedem Kühlschrank, jedem Haarspray und sehr vielen anderen Industrieprodukten steckten, haben in den hohen Luftschichten chemische Reaktionen verursacht, die einen Abbau des Ozons zur Folge hatten.

ZEIT ONLINE: Was ist das Problem, wenn die Ozonschicht dünner oder gar löchrig wird?

Müller: Ohne sie dringen mehr UV-Strahlen zur Erde durch. Die unmittelbarste Folge sind die Schäden auf unserer Haut. Die Bewohnerinnen und Bewohner Australiens und Neuseelands sind von den Ausläufern des Ozonlochs betroffen und haben ein besonders hohes Hautkrebsrisiko. Viele von ihnen haben sehr helle Haut, leben in einer Region, in der die Sonne sehr intensiv scheint, und sind daher besonders für die Problematik des Hautkrebses sensibilisiert.

ZEIT ONLINE: Wie machen denn FCKW die Ozonschicht kaputt?

Müller: Die Fluorchlorkohlenwasserstoffe zerfallen in etwa 30 bis 40 Kilometer Höhe über der Erde, sodass aggressives Chlor frei in der Luft schwebt – oder auch Brom, das in verwandten chemischen Verbindungen steckt. Diese Elemente reagieren unter Sonneneinwirkung und bei kalten Temperaturen mit der Sauerstoffverbindung Ozon und bauen sie ab.

ZEIT ONLINE: Nun ist das antarktische Loch aber nicht das ganze Jahr über gleich groß, sondern verändert sich, was mit den Temperaturen in der Stratosphäre, der Wolkenbildung und anderen Faktoren zu tun hat. Wann ist die Ozonlochsaison?

Müller: Normalerweise breitet es sich über dem Südpolargebiet im späten September oder Anfang Oktober auf etwa 20 Millionen Quadratkilometer aus. Der 8. September war in diesem Jahr der Tag, an dem es am größten war. Doch umfasste es diesmal nur rund 16,4 Millionen Quadratkilometer

ZEIT ONLINE: … so klein, wie nie zuvor seit seiner Entdeckung (siehe Video). Wie kam es zu dieser erstaunlichen Schrumpfung?

Müller: In der unteren Stratosphäre über der Antarktis war es im dortigen späten Winter ungewöhnlich warm. Nicht warm genug, als dass man sich dort oben wohlgefühlt hätte, aber die Temperaturen waren hoch genug, um zu bewirken, dass deutlich weniger Ozon (O3) abgebaut wurde als sonst zur selben Jahreszeit. Für den Abbauprozess ist es nötig, dass sich eine bestimmte Form von Wolken gebildet hat, die Stratosphärenwolken. Sie entstehen aber nur bei Temperaturen unter minus 78 Grad Celsius. Mitte September war es dieses Jahr schon zu warm dafür.

ZEIT ONLINE: Ist es also eine Folge des Klimawandels, wenn das Ozonloch neuerdings besonders klein ist?