Deutschland wird wärmer. Das zeigen Messdaten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881. Wie war die Entwicklung bei Ihnen vor der Haustür, in Ihrer Stadt und Gemeinde? ZEIT ONLINE zeigt es mit Wärmestreifen, einen für jedes Jahr seit der Mensch Temperaturdaten sammelt. Von kälteren Jahren in Blau bis zu immer mehr wärmeren Jahren in Rot:

Wie viel wärmer ist es bei Ihnen?

Die Wärmestreifen zeigen: Heiße Jahre häufen sich in den vergangenen Jahrzehnten. Und das an allen Orten in Deutschland.

In diesem Sommer meinte man den Klimawandel am eigenen Körper zu spüren. Am 25. Juli 2019 wurden im niedersächsischen Lingen 42,6 °C (Grad Celsius) gemessen, mehr als jemals zuvor in Deutschland. An diesem Tag lag die Temperatur deutschlandweit an 25 Messstationen bei mehr als 40 °C. Und es wurden erstmals an drei Tagen in Folge in Deutschland Werte oberhalb von 40 °C registriert. Einzelne heiße Tage wie der 25. Juli lassen sich nur schwer auf den Klimawandel zurückführen. Denn ob es in Deutschland warm ist, ob es regnet oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab, etwa von den Starkwinden des Jetstreams, den Meeresströmungen, der Wolkenbildung und nicht zuletzt vom Zufall. Tatsache ist aber: Extremwetterereignisse wie Starkregen, Überschwemmungen oder Tage, die aus dem Rahmen fallen, weil sie ungewöhnlich heiß und trocken sind, kommen immer öfter vor.

Neun der zehn heißesten Jahre: Alle nach der Jahrtausendwende

2018 war mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von 10,5 °C das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. 1940 mit 6,6 °C das kälteste.

Im Schnitt ist es 1,5 °C wärmer

Was das Wetter wo langfristig treibt, misst in Deutschland beispielsweise der Deutsche Wetterdienst, kurz DWD. Hier überwachen Meteorologinnen und Forscher die Temperatur jeden Tag an Hunderten Stationen, an einigen davon schon seit 1881. Schwankungen der Temperatur über die Jahre sind völlig normal, doch wer die Messungen des DWD über einen längeren Zeitraum betrachtet, stellt fest: Der Wert, um den die Gradzahlen schwanken, verschiebt sich. Immer häufiger werden besonders hohe Temperaturen gemessen, und sie steigen.

"In ganz Deutschland ist es seit Beginn der Aufzeichnung 1881 im Jahresdurchschnitt etwa 1,5 °C wärmer geworden", sagt Florian Imbery, der sich in der Abteilung Klimaüberwachung des DWD mit Klimadaten beschäftigt. Würde die Temperatur überall auf der Erde so schnell steigen wie bei uns, dann wäre die Marke, die Forscherinnen und Forscher im Pariser Klimaabkommen nennen, bereits erreicht. Im globalen Durchschnitt dürfe die Temperatur sich im Vergleich zum vorindustriellen Zeitraum nicht um mehr als 1,5 °C erwärmen, heißt es darin. Geht es aber so weiter wie bisher, überschreiten wir dieses dringend empfohlene 1,5-°C-Ziel bis zum Ende des Jahrhunderts.

Durch den Klimawandel steigen die Temperaturen überall auf der Welt. Sie steigen aber nicht überall gleich schnell. Im internationalen Vergleich fällt auf: In Deutschland und in unseren europäischen Nachbarländern erhöhen sich die Temperaturen schneller. Global ist es in den vergangenen 100 Jahren im Mittel 1 °C wärmer geworden, also etwa um ein halbes Grad weniger als in Deutschland. In diesen Wert fließen aber auch die Lufttemperaturen über den Ozeanen ein. Weil Wasser sich langsamer erwärmt als Landmasse, bleibt es dort länger kühler. Das aber heißt auch: Wenn die in Deutschland bereits gemessene 1,5-°C-Grenze auch im globalen Durchschnitt erreicht wird, dürfte sich die Temperatur in Deutschland wohl schon um deutlich mehr als 2 °C erhöht haben.

Auch innerhalb Deutschlands entwickelt sich die mittlere Temperatur nicht in allen Regionen gleich. Das nordostdeutsche Tiefland etwa hat sich um 1,3 °C erwärmt, an der westdeutschen Grenze zu Frankreich entlang hat die Temperatur hingegen im Mittel um 1,6 °C zugelegt.

Wie viel wärmer ist es in Ihrer Klimazone?

"Dass wir in Deutschland im Durchschnitt jetzt schon bei 1,5 °C sind, finde ich sehr dramatisch", sagt Petra van Rüth vom Umweltbundesamt. Die Behörde der Bundesregierung legte dazu kürzlich ihren Monitoringbericht vor. 1 °C mehr oder weniger mag gefühlt kaum einen Unterschied machen, aber es bedeutet, dass die Natur und das Leben sich grundlegend verändern. Mehr Wasser verdunstet, der Grundwasserspiegel sinkt, Flüsse führen weniger Wasser, Seen werden wärmer – etwa der Bodensee. Seine durchschnittliche Wassertemperatur ist in der Zeit von März bis Oktober zwischen 1971 und 2017 um rund 2 °C angestiegen. Auch die an Deutschland grenzenden Meere, die Nord- und Ostsee, werden wärmer und der Meeresspiegel steigt, wodurch sich die Schäden durch Sturmfluten verstärken. Hohe Temperaturen und anhaltende Trockenheit lassen Äcker, Wiesen und Weiden verdorren. Seit 2003 ging es dem deutschen Wald nicht so schlecht wie 2019. Auch den Menschen setzt die Hitze zu, sagen die Autoren des Berichts des Umweltbundesamtes: In Jahren mit vielen Hitzetagen sterben mehr Menschen, als statistisch zu erwarten wäre, 2003 etwa gab es rund 7.500 Todesfälle mehr.

Dass die nächste Messlatte für die Staaten der Welt, die Grenze von 2 °C also, zu hoch angesetzt ist, weiß man längst. Schon jetzt schmelzen Gletscher, der Meeresspiegel steigt an und immer öfter brennt der Regenwald. Ob 1,5 °C oder 2 °C mehr für das globale Klima im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter, das könnte laut dem Weltklimarat entscheidend sein: für Orte wie die Südsee, wo flache Inseln unterzugehen drohen, oder für Länder wie Bangladesch, wo überschwemmte Städte schon jetzt Realität sind. Aber auch für Deutschland.

Wissenschaftler warnen: Um das Schlimmste zu verhindern, müssen weltweit drastisch weniger Treibhausgase ausgestoßen werden. Ein aktueller Report des Umweltprogramms UNEP der Vereinten Nationen aber zeigt, dass die Temperatur bis zum Ende des Jahrhunderts eher um 3,4 °C bis 3,9 °C steigen könnte, wenn die Menschheit so weiterleben würde, wie sie es bislang tut. Sicher ist: Die Welt und ihre Lebensbedingungen wären extremer als alles, was wir kennen.

Klimawandel - Was, wenn wir nichts tun? Waldbrände, Eisschmelze, Unwetter: Der Mensch spürt die Erderwärmung. Wie sieht die Zukunft aus? Der Klimaforscher Stefan Rahmstorf erklärt unsere Welt mit 4 Grad mehr.