Es läuft der wer-weiß-wievielte Klimagipfel und die Fridays-for-Future-Aktivisten sind schon wieder auf den Straßen. Zu Hause haben wir uns am vergangenen Wochenende fragend durch die Black-Friday-Angebote geklickt: Vielleicht die Outdoor-Jacke aus zu 100 Prozent recycelten Daunen für den Arktis-Trip? Muss man ja noch mal hin, ehe die wegschmilzt. Oder doch eine spontane Reise in die Sonne mit Easyjet, die jetzt für jeden Flug CO2-Kompensation zahlen? Stopp! Wenn wir wirklich was fürs Klima tun wollen, müssen wir aufhören, uns selbst zu belügen.

Das Klima hat sich doch schon immer verändert.

Diesen Satz gebetsmühlenartig zu wiederholen, macht ihn auch nicht wahrer. Dass Treibhausgase, etwa Kohlendioxid, die Atmosphäre erwärmen, ist seit mehr als einem Jahrhundert erwiesen. Genauso steht zumindest unter Fachleuten definitiv außer Frage, dass dieser Treibhauseffekt von den steigenden Emissionen durch den Menschen ausgelöst wurde. Es stimmt: Das Klima hat sich auch früher verändert. Aber was diesen Klimawandel von früheren unterscheidet, ist, wie schnell er voranschreitet. Und wie umfassend er den gesamten Globus betrifft. Die Zahl der Studien, die diese Tatsache untermauern, wächst stetig. Etwa stellten Forschende in diesem Jahr zweifelsfrei fest, dass sowohl die kleine Eiszeit vom 13. bis zum 19. Jahrhundert als auch die mittelalterliche Warmzeit, die etwa von der Jahrtausendwende bis kurz nach 1200 andauerte, deutlich regionaler stattfanden als der aktuelle Klimawandel. Dagegen ist der Anstieg der Temperaturen gegen Ende des 20. Jahrhunderts auf dem gesamten Globus spürbar.

© Wahdi Septiawan/​Antara Foto/​Reuters

Seit 120 Jahren wissen Forscherinnen und Forscher, dass Treibhausgase die Atmosphäre erwärmen. Und dass der Mensch dafür verantwortlich ist.

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Ich kauf ja nur bio.

Ein typisches Beispiel von: Wer es gut mit der Umwelt meint, tut nicht automatisch etwas für den Klimaschutz. Zwar ist Ökolandbau eindeutig besser für die Umwelt und verursacht weniger Treibhausgase als konventionelle Landwirtschaft, aber die Ernten fallen auch kleiner aus – der positive Klimaeffekt verpufft. Würde die Bevölkerung ihre üblichen Ernährungsgewohnheiten beibehalten – ein Durchschnittsdeutscher isst gern und viele tierische Produkte –, müssten bei einer kompletten Umstellung auf ökologische Landwirtschaft Lebensmittel importiert werden. Ein klimafreundlicher Wandel würde nach Agrarstudien nur funktionieren, wenn die Menschen in einem Land wie Deutschland ihre Ernährung von überwiegend tierisch auf pflanzlich umstellen würden.

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Der Einzelne kann eh nichts ausrichten.

© Kniel Synnatzschke/​Westend61/​plainpicture

10,2 Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland entstehen direkt in Haushalten.

Ein Mensch heizt, isst, trinkt, schaltet Lampen ein, duscht, erzeugt Müll, streamt, fährt zur Arbeit, kauft ein, fliegt in den Urlaub und tut noch viele weitere Dinge, durch die er zum Ausstoß von Treibhausgasen beiträgt. In Deutschland gibt es etwas mehr als 40 Millionen Haushalte, und um sie zu versorgen, werden unter anderem fossile Brennstoffe benutzt. Sie verursachen etwa ein Zehntel der gesamten Treibhausgasemissionen im Land. Wer allein beim Heizen oder bei dem Stromanbieter auf eine klimafreundliche Alternative umsteigt, kann schon viel ausrichten. Der Trend geht in die richtige Richtung: Weil viele Haushalte auf umweltfreundlichere Energieträger umgestiegen sind, haben sich die Treibhausgasemissionen durch Haushalte seit 1990 um etwa ein Drittel verringert. Trotzdem sind sie noch hoch, und dabei sind noch gar nicht die Emissionen durch Streamen, Stromproduktion oder Autofahren mit eingerechnet. Damit Deutschland wirklich zur Bekämpfung des Klimawandels beiträgt, sind nicht nur Politik und Wirtschaft gefragt – auch die Bürgerinnen und Bürger selbst tragen eine große Verantwortung.

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Ich hab doch Ökostrom und einen Komposthaufen.

Ökostrom, einen eigenen Komposthaufen im Garten, Lebensmittel mit Bio-Siegel im Kühlschrank und als Tourist im Regenwald bei der Wiederaufforstung helfen – oft sind es gerade die besonders umweltbewussten und naturverbundenen Menschen, die nicht merken, dass sie ein gigantisches Klimaproblem trotzdem nicht abschütteln können. Denn: Sie sind wohlhabend. Der Energieverbrauch steigt laut einer Erhebung des Umweltbundesamtes von 2016 proportional mit dem Einkommen. Je größer die Wohnung oder das Haus, desto mehr wird geheizt, Strom oder Wasser verbraucht und damit auch mehr CO2-Emissionen verursacht. Und auch wenn diese Menschen sich oft für sparsam halten: Sie sind es, die Tausende Kilometer ans andere Ende der Welt fliegen, um die Natur hautnah zu erleben, und in der eigenen Garage – mit Solardach – ein Mountainbike, ein Rennrad, eine Tischtennisplatte und ein Kanu rumstehen haben. All diese Dinge verursachen in der Produktion, im Verkauf oder durch ihren Transport Treibhausgase. Ebenso die eigene Sauna im Haus. Vermeintlich weniger umweltbewusste Menschen, die schlicht zu arm sind, um bio zu kaufen, weite Reisen zu machen oder eine große Wohnung zu bezahlen, haben eine deutlich bessere Klimabilanz. Ein ähnlicher Trend lässt sich weltweit feststellen: Die CO2-Emissionen eines Deutschen liegen um ein Vielfaches höher als die von Bewohnern ärmerer Staaten, wie Indien oder Mosambik, einem der ärmsten Länder der Welt.

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Ich hab immer einen Jutebeutel dabei.

Stark! Vorausgesetzt, er wird auch wirklich oft benutzt. Je nach Berechnung müsste man einen Beutel zwischen 20 und mehr als 100 Mal verwenden, damit er eine bessere Ökobilanz hat als eine Plastiktüte. Der Grund: der hohe Energie- und Wasseraufwand während der Produktion. Dass sich die Stoffbeutel gern zu Hause häufen, weil Firmen sie einem als ideales Werbemittel regelrecht hinterherschmeißen, hilft da nicht besonders. Also benutzen, benutzen, benutzen! Sonst bringt es dem Klima nichts. Stattdessen auf Bioplastiktüten zu setzen, ist leider aktuell auch keine gute Lösung. Die Klimabilanz mag zwar besser sein, aber dafür landen die Einwegprodukte schon nach kurzer Zeit auf dem Kompost oder in der Verbrennungsanlage.

Klimawandel - Was, wenn wir nichts tun? Waldbrände, Eisschmelze, Unwetter: Der Mensch spürt die Erderwärmung. Wie sieht die Zukunft aus? Der Klimaforscher Stefan Rahmstorf erklärt unsere Welt mit 4 Grad mehr.

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Müll zu trennen, bringt eh nichts.

© REUTERS/​Charles Platiau

Bis zu 40 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente produzierte die Abfallwirtschaft in den Neunzigerjahren. Heute sind es nur noch etwa elf Millionen Tonnen pro Jahr.

Recycling spart Energie und ist damit klimafreundlicher, als Verpackungen, Papier oder Glas ständig aus neu gewonnenen Rohstoffen herzustellen. Dass die Abfallwirtschaft einiges für die Umwelt tun kann, hat sie in den vergangenen Jahrzehnten bewiesen. Nach Angaben des Umweltbundesamtes belastete sie das Klima in den Neunzigerjahren noch mit bis zu 40 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten – also Gasen, die wie Kohlendioxid zur Erwärmung des Klimas beitragen. Im Jahr 2015 waren es nur noch etwa elf Millionen Tonnen. Grund dafür sind vor allem strengere Kontrollen von Mülldeponien, aus denen das Treibhausgas Methan in die Atmosphäre gelangt – aber auch eine bessere Verwertung von Abfällen. Und die gelingt am besten, wenn Altpapier, Glas, Verpackungsmüll und Elektroschrott gut getrennt werden. Und nein, am Ende wird nicht alles zusammengeschmissen.

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Als Veganerin kann ich auch einmal im Jahr fliegen.

Dieser Satz hinkt gewaltig! Zwar gelten Veganerinnen verglichen mit Fleischessern nicht umsonst als die besseren Klimaschützer. Laut einer Berechnung, die der britische Ökologe Joseph Poore für das Magazin Der Spiegel aufstellte, könnte ein Deutscher seinen Fußabdruck um bis zu zwei Tonnen Treibhausgase reduzieren, indem er sich vegan ernährt – das ist fast genauso viel wie ein Flug von Düsseldorf nach New York. Aber: Wer seine Pro-Kopf-Emissionen tatsächlich verringern möchte, kann so nicht rechnen. Für die gleiche Menge an Emissionen kann man zwar einen Ozean überqueren, aber dann noch immer das Klima zu schützen, funktioniert leider nicht.

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Bahn fahren ist nicht besser.

© Patrik Stollarz/​Getty Images

5 Mal so viele Treibhausgasäquivalente verursachte ein Flug zwischen Köln und Berlin als eine Fahrt mit der Bahn.

Doch, eigentlich schon! Und vor allem, wenn es um Reisen innerhalb Deutschlands geht. Ein Flug zwischen Köln und Berlin hat nach Daten des Umweltbundesamts aus dem Jahr 2017 eine ungefähr fünfmal stärkere Klimawirkung als eine Fahrt mit dem ICE. Seit 2018 betreibt die Deutsche Bahn eigenen Angaben zufolge zudem alle innerdeutschen Züge im Fernverkehr mit 100 Prozent Ökostrom. Das macht sie auf gleicher Strecke sogar mehr als 1.000 Mal klimafreundlicher als ein Flugzeug, wenn man allein auf die eingesparte Menge an CO2 schaut.* Und obwohl die Angaben der Deutschen Bahn kritisiert werden, da für Verbraucher kaum nachvollziehbar ist, wie sie auf diese Bilanz kommt, steht fest: Ob mit oder ohne Ökostrom, moderne Züge transportieren ihre Passagiere in jedem Fall klimafreundlicher als Flugzeuge. Alle, die nicht unbedingt pendeln müssen, sollten es trotzdem lassen. Jede gesparte Fahrt ist gut für das Klima und die eigenen Nerven: Laut einer nicht repräsentativen Umfrage von ZEIT ONLINE sind Pendler, die regelmäßig große Distanzen zurücklegen, eher unzufrieden als Berufstätige, die nur kurze Strecken fahren müssen.

* Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels waren lediglich die Bilanzen aus dem Jahr 2017 dargestellt. Da diese mittlerweile veraltet sein könnten, haben wir den Absatz um aktuellere Daten ergänzt.

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Aber ich zahl doch CO2-Kompensation fürs Fliegen.

Sie verspricht Erleichterung für alle vom schlechten Gewissen geplagten Vielfliegerinnen: die CO2-Kompensation. Für jede Tonne CO2, die Reisende in die Atmosphäre blasen, können sie eine entsprechende Summe an Klimaschutzprojekte spenden. Noch nicht einmal hundert Euro an ein Waldschutzprojekt in Südamerika für einen Flug auf einen anderen Kontinent und schon sind sie CO2-neutral unterwegs. Die Idee klingt so gut, dass Fluggesellschaften die Option bereits bei der Buchung anbieten, Easyjet zahlt die Kompensation sogar selbst für seine Passagiere mit. Ein großes Problem aber bleiben die Abgase, die beim Fliegen neben CO2 in die Luft geblasen werden: Stickoxide, Wasserdampf und Aerosole, die zwei- bis fünfmal so stark zum Treibhauseffekt beitragen können wie CO2 allein. Auch wenn einige Airlines sie in CO2-Äquivalente umrechnen und bei der Kompensation berücksichtigen, passiert das noch viel zu selten.

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Elektroautos sind nicht umweltfreundlicher.

Elektroauto Ladestation
© Sean Gallup/​Getty Images

Nach 37.500 Kilometern ist ein kleines Elektroauto klimafreundlicher unterwegs als ein Benziner. Wenn es mit regenerativer Energie betrieben wird. Beim aktuellen Strommix in Deutschland sind es 127.500 Kilometer.

Klar ist: Wer sein Elektroauto mit Strom aus dem Kohlekraftwerk betankt, verlagert sein Klimaproblem nur. Von der Straße ins Kraftwerk, wo der Strom für das Auto erzeugt wird. Ein weiteres Problem: Die Batterien zu produzieren, mit denen die Autos fahren, ist aufwendig und verursacht so viele Treibhausgase, dass das Auto erst lange genutzt werden muss, bis diese aufgewogen sind. Der ADAC rechnete aus, dass ein kleiner PKW nach 37.500 Kilometern klimafreundlicher fahren könnte als ein Benziner, sofern er mit regenerativer Energie betrieben wird. Beim aktuellen Strommix in Deutschland müsste er etwa 127.500 Kilometer fahren. Hinzu kommt: In Autos mit Batterien oder Brennstoffzellen werden zum Teil Rohstoffe verbaut, die nur begrenzt verfügbar sind. Das Klimafreundlichste ist und bleibt also: Fahrrad fahren oder zu Fuß gehen.

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Ich erlebe das alles sowieso nicht mehr!

Definitiv falsch! Denn wir erleben die Folgen des Klimawandels schon jetzt. Wer glaubt, hier in Deutschland betreffe sie oder ihn das nicht, braucht sich nur die Preise für Lebensmittel nach dem besonders trockenen Jahr 2018 ansehen oder an die Stürme Xavier, Friederike oder Kyrill zu erinnern. An anderen Orten auf der Welt sind Klimaflüchtlinge, die vor Überschwemmung oder Trockenheit fliehen, längst Realität. Und für unsere Kinder, Patenkinder, Nichten oder Neffen wird es richtig ernst: Überall auf der Welt wird es für sie immer wahrscheinlicher, an Hitzschlag, Tropenkrankheiten oder Mangelernährung zu sterben. Nur, weil Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht immer zweifelsfrei bestätigen können, dass ein einzelner Sturm wirklich dem Klimawandel zuzuordnen ist, heißt das nicht, dass wir nicht jetzt schon erleben, was Prognosen schon seit Jahrzehnten voraussagen: Mit dem Klimawandel wird extremes Wetter, etwa Stürme, Dürren oder Fluten, wahrscheinlicher. Laut neuesten Daten der Bundesregierung ist es in Deutschland jetzt schon im Schnitt 1,5 Grad wärmer als noch 1881.

© Oliver Berg/​dpa

1,5 Grad ist es in Deutschland seit 1881 wärmer geworden.

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Ich finde es toll, dass sich die Jugend so für den Klimaschutz einsetzt.

Stimmt. Und Menschen wie Greta Thunberg sind wirklich beeindruckende Persönlichkeiten – wie konsequent sie den Ozean mit dem Schiff überquert, anstatt zu fliegen. Und was machen die Erwachsenen, während ihre Kinder protestieren? Im Stau auf dem Weg zur Arbeit stehen oder den nächsten Familienurlaub in Griechenland planen? Solange das Klimaproblem nicht wichtig genug ist, um auch mal auf der Arbeit zu schwänzen oder einen umständlicheren Urlaub in Kauf zu nehmen, bringt der Applaus für die Kinder gar nichts.

Lesen Sie hier mehr zu Fridays for Future und zur globalen Erwärmung, ihren Ursachen und Folgen.

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