Sie haben schon einen? Sie wollen noch einen? Ob Tanne, Kiefer oder Fichte, ist die eine Frage. Aber ist es noch tragbar, sich für wenige Wochen ein womöglich noch mit Lametta und Plastiktand behängtes Nadelgehölz hinzustellen, das danach auf dem Müll landet? ZEIT ONLINE hat sich die Öko- und Klimabilanz der gängigsten Weihnachtsbäume angeschaut.

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29,8 Millionen Weihnachtsbäume kauften die Deutschen allein im Jahr 2018.

Fast 30 Millionen Weihnachtsbäume haben die Deutschen im vergangenen Jahr gekauft. Ob es dieses Jahr weniger sein werden, steht noch nicht fest. Seit dem Jahr 2000 ist der Absatz konstant gestiegen, weiß man beim Hauptverband der Deutschen Holzindustrie (HDH). Ein entscheidender Grund sei die wachsende Zahl an Singlehaushalten: Jeder will halt seinen eigenen. Familien leisten sich häufiger einen Zweitbaum. Und Innenstädte rüsten bei der grünen Weihnachtspracht auf.

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90 Prozent der Echtholz-Bäume stammen aus Deutschland. Der Rest wird aus Dänemark, Österreich, Polen oder Tschechien importiert.

Die meisten Deutschen, die Weihnachten unterm Baum feiern, wollen ein echtes Nadelgewächs. Aus Holz, mit dichten Ästen, an denen dicke Weihnachtskugeln, glitzernde Schneeengel und kleine Strohsterne gut baumeln können. Der beliebteste Baum ist die Nordmanntanne (Abies nordmanniana). Sie lässt sich gut schmücken, denn ihre Nadeln sind angenehm weich und abgerundet. Sie stand 2018 in drei von vier deutschen Haushalten, die einen echten Baum zum Fest hatten, zeigen Zahlen des HDH. Der zweitliebste Baum war die piksigere Blautanne (Picea pungens), die streng genommen eine Fichte ist (auch Blau- oder Stechfichte genannt), mit immerhin 18 Prozent. Beide Arten sind bauchig, buschig, dicht benadelt, verlieren die Nadeln aber nicht so schnell. Die Blaufichte mit ihren spitzen, etwas abschreckenden Nadeln ist besonders bei Hunde- und Katzenbesitzern beliebt, die ihre Haustiere vor brennenden Kerzen schützen und Omas alte Christbaumkugeln vorm Herunterrutschen bewahren wollen.

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75 Prozent der deutschen Weihnachtsbäume sind Nordmanntannen.

Beide Arten kommen von Natur aus hierzulande nicht vor. Die Nordmanntanne ist ursprünglich in den Wäldern des Kaukasus beheimatet. Die Blaufichte, die so heißt, weil ihre Nadeln ins Bläuliche gehen, stammt aus den Rocky Mountains im Westen der USA. In Deutschland werden diese Arten vor allem auf Plantagen herangezogen. Dafür braucht es Wasser, Platz und viel Dünger. Dem deutschen Naturschutzbund Nabu zufolge werden auf solchen Plantagen Insektizide gegen Käfer und Läuse eingesetzt, Herbizide gegen konkurrierendes Unkraut und Mineraldünger für einen gleichmäßigen Wuchs sowie eine intensive Grün- und Blaufärbung der Nadeln. Das bestätigt auch das Umweltbundesamt und fügt hinzu, dass genau diese Art des Anbaus nicht nur Böden, Gewässern und Ökosystemen schadet, sondern sogar die Gesundheit belasten kann. Dann nämlich, wenn der mit Chemikalien behandelte Weihnachtsbaum über Wochen im Zimmer steht.

Wie sehr all das auf Kosten der Umwelt geht, hat etwa das Schaffhauser Büro für Umweltberatung ESU-Services berechnet. Dazu vergaben die Fachleute Umweltbelastungspunkte für diverse Aspekte, darunter die Art des Weihnachtsbaumes, die Zucht- oder Herstellungsbedingungen, der Transport und die Entsorgung. Diese zeigen am Ende, "wie gut oder schlecht die Ökobilanz" der Varianten sei, sagt Umweltingenieur und ESU-Geschäftsführer Niels Jungbluth. Fest steht: Am schlechtesten schneidet die Zuchttanne ab, die auf einer Plantage großgezogen wurde. Ihre Umweltbilanz ist laut der Berechnungen des Schweizer Umweltbüros fast viermal so schlecht wie die eines Baumes aus dem Wald. Bei ihrem Vergleich berücksichtigten die Fachleute auch die Klimabilanz. Wenig überraschend: Wurde der Baum aus einem fernen Land importiert, ist der CO2-Fußabdruck durch den Transport entsprechend größer.

Es gibt auch Ökobäume

Klimafreundlicher ist es, einen Baum zu kaufen, der in der eigenen Region gewachsen ist. Auch diese Bäume wachsen meist nicht direkt im Wald, sondern auf Sonderflächen, die Teil der regionalen Forstbetriebe sind. Ansprechpartner sind laut Nabu die Försterinnen und Förster oder das Forstamt. In umweltfreundlichen Weihnachtsbaumkulturen wird auf Pestizide verzichtet und die Bäume werden mechanisch von den Gewächsen befreit, die um sie herumstehen. Diese Aufgabe übernehmen dann etwa Schafe, die die Gräser kurz halten, die Tannen, Fichten und seltener auch Kiefern dabei nicht gefährden und durch ihre Ausscheidungen sogar für zusätzliche Düngung sorgen.

Die Ökobäume erkennt man anhand von Siegeln, etwa von Bioland, den Waldzertifizierungssystemen FSC und PEFC, oder dem Verband für ökologischen Landbau Naturland. In manchen Bundesländern gibt es auch Siegel, die kenntlich machen, dass der Baum aus der näheren Umgebung kommt. Wenn die Bäume in Kulturen außerhalb von Wäldern auf Ökoplantagen wachsen, spricht laut Bundesumweltamt auch nichts gegen nicht heimische Arten wie etwa die Nordmanntanne.

Die Alternative: ein Baum direkt aus dem Wald

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5 Prozent der Echtholz-Weihnachtsbäume werden direkt dem Wald entnommen.

Noch besser für Klima und Umwelt sind Bäume, die natürlich gewachsen sind und direkt aus dem Wald in der Region stammen. Manch einem mag die Idee, einen Baum zu fällen, aber so sehr widerstreben, dass er oder sie darauf ganz verzichten möchte. Schließlich brauchen wir die Bäume als Kohlenstoffspeicher im Kampf gegen den Klimawandel. In der Presse – auch auf ZEIT ONLINE – war dieses Jahr ja ohnehin zu lesen, dass es dem deutschen Wald so schlecht gehe wie seit Jahren nicht mehr. Allerdings ist die Sache im Fall der Weihnachtsbäume nicht ganz so simpel. Denn: Tatsächlich müssen Waldbesitzer ohnehin dafür sorgen, dass die Bäume nicht zu dicht aneinanderstehen und der Wald nicht zu eng bewachsen ist. Einzelne Bäume herauszunehmen, schadet also nicht, sagt Thomas Seifert, der die Professur für Waldwachstum an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg leitet. Zum anderen sei der Christbaum im Grunde bis auf den Transport CO2-neutral, denn er binde, während er wachse, genau die Menge CO2, die er irgendwann wieder abgebe.

Gibt es weniger Weihnachtsbäume durch den Klimawandel?

Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald schrieb im Oktober, dass die Dürre sich kaum auf die diesjährigen Weihnachtsbäume auswirke und dass jeder Haushalt einen schönen Weihnachtsbaum kaufen können werde. Sie prognostiziert aber, dass es in acht Jahren möglicherweise zu Engpässen kommen könne, denn in diesem Sommer seien an einigen Orten vor allem im Osten und Norden Deutschlands drei- bis vierjährige Bäumchen vollständig vertrocknet. Seifert wiederum geht davon aus, dass man diese Bäume nachpflanzen könne, selbst wenn viele ausgefallen sind. Ein Weihnachtsbaum ist normalerweise mindestens zehn Jahre alt und er muss nicht zwangsläufig in einem bestimmten Alter geerntet werden.

Wer trotzdem keinen Baum fällen will, dem bleibt: leihen oder Plastik

12 Prozent der privat aufgestellten Weihnachtsbäume in Deutschland sind künstlich.

Einen Baum im Topf zu kaufen, ist grundsätzlich eine gute Idee. Das etwa bieten Unternehmen in Berlin, Paderborn oder München an. Das Problem daran: Viele Menschen wohnen in der Stadt und haben keinen eigenen Garten. Außerdem ist es aufwendig bis unmöglich, denselben Baum jedes Jahr auszugraben, ins Wohnzimmer zu stellen und danach wieder einzugraben. Und jedes Jahr einen neuen Nadelbaum in den Garten zu setzen, wird auch irgendwann schwierig. 

Dazu kommt: Einen Baum mietfähig zu machen, sodass er danach wieder eingepflanzt werden kann und dabei überlebt, ist nicht so einfach. Bei zu viel und zu langer Wärme von der Heizung gewöhnt sich der Baum an die Temperatur und baut seinen Frostschutz ab. Soll der Baum danach zurück in die Natur, muss sein Besitzer auch darauf verzichten, ihn mit Kunstschnee zu besprenkeln oder mit Glitzerspray zu besprühen. Inzwischen kann man den eigenen Weihnachtsbaum sogar im Topf ausleihen, nach Weihnachten zurückgeben und im nächsten Jahr erneut verwenden – ein Abo auf einen Baum quasi. Mit der richtigen Pflege kann er mehrere Jahre immer wieder als Weihnachtsbaum vermietet werden. Deutschlandweit bietet das etwa der Anbieter Weihnachtsbaumfreunde an. 

Die Wahl des Christbaums wird zum politischen Statement, ja zur Gewissensfrage

Zuletzt bleibt noch: auf Plastik setzen. Zunächst seien die Umweltbilanz und der CO2-Fußabdruck zwar schlechter, aber nach acht Jahren belaste er die Umwelt nicht mehr als die Miettanne, nicht mehr als der Biowaldbaum und die importierte Plantagentanne, die die schlechteste Umweltbilanz habe, sagt der Spezialist für Ökobilanzen Niels Jungbluth.

Für alle, die all das berücksichtigen wollen, die einen nachhaltigen Baum wollen, der trotzdem aus Holz sein soll, bleibt die Möglichkeit, selbst einen Baum zu bauen. Erhält man das Holz, speichert die Weihnachtstanne so nachhaltig Kohlenstoff. Win-win also für Baumschützerinnen und Baumschützer, die nicht auf Echtholz verzichten wollen.