Globale Fragen brauchen globale Lösungen: Wer mit Klimaforschern spricht, kennt diesen Satz. Er ist zu einem Mantra des Klimaschutzes geworden – und er weist zugleich auf sein größtes Problem hin. Wie organisiert man den Schutz eines abstrakten Gemeinguts wie der Atmosphäre? Wie sorgt man dafür, dass sich der einzelne Mensch nicht mehr hinter den anderen sieben Milliarden Erdbewohnern versteckt, der einzelne Staat nicht mehr hinter den anderen rund 190?

Die Herausforderung Klimawandel ist beispiellos. Aber letztendlich geht es auch beim Klima darum, gemeinschaftlich geteilte Ressourcen klug zu verwalten. Genau das ist Menschen auf der lokalen Ebene immer wieder gelungen. 

Ganz ähnlich wie die Menschheit als Ganze haben die Fischer in Maine lange Zeit nicht besonders nachhaltig gelebt. Als zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die Nachfrage nach Hummern kräftig stieg, zogen sie so viele Tiere aus dem Wasser, wie sie nur bekommen konnten. Darunter viel zu kleine Tiere und trächtige Weibchen. Das war schon damals gesetzlich verboten, viele Fischer kümmerte das aber nicht. Sie schabten die schwarzen klebrigen Eier vom Unterkörper der Weibchen, damit sie nicht mehr trächtig aussahen – und verkauften sie dann.

Kurzfristig brachte das den Fischern Geld, langfristig ließ es die Hummerbestände schrumpfen. Ende der Zwanzigerjahre, als die Weltwirtschaftskrise auch noch die Hummerpreise fallen ließ, mussten 40 Prozent der Hummerfischer in Maine ihre Arbeit aufgeben (Ecology & Society: Acheson, 2011).

Die Welt gehört uns allen – und keinem

Die verbliebenen Hummerfischer merkten, dass sie etwas ändern mussten. Dass es ihre Lebensgrundlage gefährdete, wenn sie die Hummerbestände weiter so schonungslos ausbeuteten. Was, wenn eines Tages gar kein Hummer mehr ins Netz ging? Dann wären sie alle arbeitslos. Auch der Weg zum Schutz der Bestände war klar: Kleine Hummer und große Weibchen gehörten nicht in den Kochtopf, sondern zurück ins Meer. Blieb nur ein Problem: Wer sich an die Regel hielt, drohte zum Verlierer zu werden.*

Die Situation, in der sich die Fischer befanden, ist eine, in der wir alle uns tagein, tagaus befinden: das Dilemma der Allmende. Die Allmende ist ein Gemeingut, das niemandem und allen zugleich gehört. Und das naturgemäß begrenzt ist. Weideland, das sich mehrere Hirten teilen, ist eine Allmende. Genau wie ein öffentlicher Park oder Flusswasser, das die Bauern zur Bewässerung ihrer Felder nutzen. Und auch die Atmosphäre ist eine Art Allmende. Wir benutzen sie als Speicher für das CO2, das durch unseren Konsum entsteht. Ist der Speicher aber überfüllt, weil wir ihn wie im Moment übernutzen, droht der Klimawandel als Konsequenz. Auch hier gibt es die egoistische Versuchung, sich nicht ums große Ganze zu scheren, solange alle anderen das auch nicht tun. Sei es als Nation, sei es als einzelner Mensch.

Der Umgang mit der Allmende gleicht dem, was Verhaltenswissenschaftler das Gefangenendilemma nennen. Es beschreibt eine fiktive Situation, in der zwei Personen ein Verbrechen, ein Bankraub etwa, vorgeworfen wird. Beide können gestehen oder schweigen. Schweigen beide, müssen sie für eine kurze Zeit ins Gefängnis. Gestehen beide, gehen sie für längere Zeit in den Knast. Schweigt hingegen einer, während der andere gesteht, wird letzter zum Kronzeugen. Er muss für die kürzeste Zeit ins Gefängnis, sein Gegenüber aber lang. Für die einzelne Person scheint es also am klügsten zu sein, zu gestehen. Gestehen aber beide, ist das die schlechteste Lösung. Auf Gruppenebene ist es folglich am besten, zu schweigen und damit zu kooperieren. 

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Überträgt man dieses klassische Modell auf die Allmende, heißt das: Auf individueller Ebene ist es rational, so viel zu fischen oder so viele Kühe auf die Weide zu treiben wie möglich. Machen das aber alle, ist das Meer schnell überfischt und die Weide schnell kahlgefressen. "Die Freiheit der Allmende bringt allen Verderben", schrieb der Biologe Garrett Hardin in seinem bekannten Essay Die Tragödie der Allmende (Science: Hardin, 1968). Seine These prägte die Weltsicht vieler Menschen: Wir Menschen sind Egoisten und Ausbeuter. Gemeingüter bewahren, das widerstrebt unserer Natur.

Die Hummerkatastrophe blieb aus

Hardins Text erschien 1968. Fast vierzig Jahre nachdem die Hummerfischer von Maine vor der Tragödie standen, die Hardin an die Wand malte: die Zerstörung ihrer Allmende, der Hummerbestände. Die Pointe der Hummergeschichte ist nun aber – man ahnt es –, dass die Fischer die Tragödie nie erlebten. Der Trick, den sie dafür nutzten, war einfach. Zogen sie in einem Eisenkäfig ein großes trächtiges Weibchen an Bord, setzten sie es nicht nur vorsichtig ins Wasser zurück – immer mit dem Rücken zuerst, damit die Eier, die an der Bauchseite des Unterkörpers kleben, beim Aufprall nicht abfielen. Nein, sie schnitten den trächtigen und großen Weibchen auch eine kleine Kerbe in die Schwanzflosse. Hummer mit einer Kerbe waren fortan tabu: Wer versuchte, einen Hummer mit dem charakteristischen V in der Schwanzflosse zu verkaufen, galt als Verräter seiner Zunft – und wer ihn auf seinem Teller fand, konnte sich sicher sein, dass den Köchen des Restaurants, in dem er saß, die Hummerbestände nicht am Herzen lagen. Überhaupt: Weil die meisten Menschen aus Maine, die Hummer essen gehen, die Regeln kennen, dürfte es schwer sein, ein gekerbtes Weibchen überhaupt loszuwerden.

Das kleine V in den Schwanzflossen zeigte seine Wirkung. Ab den Vierzigerjahren machten die meisten Fischer mit und weil Hummer alt werden, trugen noch im Jahr 2000 ganze 80 Prozent der fruchtbaren Weibchen, die Fischer aus dem Wasser zogen, ein V. Die Hummerbestände erholten sich. Die Hummerfischerei in Maine gilt noch heute als nachhaltig und die Hummerfischer sind stolzer denn je auf ihr Handwerk.

Eine rühmliche Ausnahme? Wohl kaum! Wer genau hinschaut, findet auf der ganzen Welt Beispiele dafür, dass der Mensch die Allmende pflegen und erhalten kann. In der Gemeinde Törbel in den Schweizer Alpen folgen die Bauern schon seit Hunderten von Jahren eigenen Regeln: Sie gehen nachhaltig mit den Gemeinschaftsgärten, dem Wasser der Berge und dem steilen Weideland um. Gleiches gilt für die Huerta, ein System von Bewässerungskanälen in der Nähe der trockenen spanischen Stadt Valencia, und für kommunale Wälder in Nepal, die die Menschen vor Ort nutzen, ohne sie komplett abzuholzen.


*Anmerkung: Hier hieß es zunächst "Wer sich nicht an die Regel hielt, drohte zum Verlierer zu werden". Das ist natürlich nicht korrekt. Wir haben das "nicht" entfernt und bitten, den Fehler zu entschuldigen.