All diese Beispiele trug übrigens die politische Ökonomin Elinor Ostrom zusammen, die für ihre Arbeit 2009 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt (Governing the Commons: Ostrom, 1990; pdf). Bei ihrer Arbeit über erfolgreichen Allmendeschutz stieß sie auf Muster. Sie fand heraus, dass es Strafen brauchte, wenn einzelne wiederholt gegen die Nutzungsregeln verstießen; und die Nutzungsregeln mussten zumindest zu einem Teil nicht von Gemeinde oder Staat kommen, sondern von den Menschen selbst; es musste klar sein, wer die Allmende benutzen darf und wer nicht; es musste präzise überwacht werden, wie viele Ressourcen noch da waren; und die Menschen, die die Allmende nutzten, brauchten einen Ort, an dem sie streiten konnten (Aus Politik und Zeitgeschichte: Stollorz, 2011). 

Bei den Hummerfischern war und ist das Meiste davon gegeben. Ob die Hummerbestände größer oder kleiner werden, das merken die Fischer recht schnell daran, ob ihre Fangkäfige sich füllen oder leer bleiben. Und die Küstenorte, von denen die Fischer in See stechen, sind "kleine, homogene Orte mit einem starken Gemeinschaftssinn". So beschreibt es James Acheson, ein Anthropologie-Professor der Uni Maine, der seit Jahren die Hummerfischer beforscht (Ecology & Society: Acheson, 2011). Die Hummerfischer erzählen gern davon, wie sie Kerben verteilen. Wer schweigt, gilt als verdächtig, sich nicht an die Regel zu halten. Der soziale Druck unter Fischern ist spürbar. So sagte einer der Fischer über einen Kollegen, der sich weigert, mitzumachen: "Er ist ein Schmarotzer. Er lebt auf unsere Kosten." Manchmal gibt es gar Selbstjustiz. So wurden auch Boote und Ausrüstung der "Schmarotzer" schon beschädigt (International Journal of the Commons: Brewer, 2012).

Nun darf und muss man natürlich fragen: Wie viel haben die Hummerfischer und die Bekämpfung des Klimawandels wirklich gemein? Und die ehrliche Antwort ist: weniger, als einem lieb sein könnte. Das macht etwa Erik Gawel klar, Professor am Umweltforschungszentrum (Aus Politik und Zeitgeschichte: Gawel, 2011). Damit Menschen die Tragödie der Allmende umgehen, braucht es drei Dinge, schreibt er in einem Aufsatz: 

  • Erstens müsste man das Verhalten der anderen wechselseitig beobachten können. Bei den Fischern geht das, beim Klimawandel aber ist es extrem schwer, denn um abzuschätzen, welchen CO2-Abdruck eine Person hat, muss man tief in ihr Privatleben eindringen: Urlaub, Heizkosten, Auto oder Fahrrad, Shoppingfrequenz und vieles andere spielen hier zusammen.
  • Zweitens müssten die Verhaltensweisen der anderen "signifikante Auswirkungen auf den Gruppenerfolg haben". Das Problem: Bei sieben Milliarden Menschen verschwindet das Verhalten des einzelnen im Rauschen der vielen. Mit anderen Worten: Für das Schnitzel zum Mittagessen wurde vielleicht ein Vielfaches an CO2 freigesetzt wie für die Gemüsesuppe – global ins Gewicht fallen tut trotzdem keines von beiden.
  • Drittens müsste es Strafen für Fehlverhalten geben. Nur was genau Fehlverhalten in Klimafragen überhaupt ist und wie man es sanktionieren sollte, das weiß keiner – geschweige denn ließe es sich ohne Streit mit unserer liberalen Lebensweise vereinbaren.

Und dann ist da noch die tückische Zeitverzögerung. Die Quittung für jede zusätzlich emittierte Tonne CO2 bekommen wir schließlich nicht morgen und auch nicht in einem Monat oder Jahr, sondern erst in Jahrzehnten. Und – auch das wissen Verhaltenswissenschaftler – je weiter etwas in der Zukunft liegt, desto kleiner die Rolle, die es für unsere Entscheidungen spielt.

Bleibt also das Mantra: "Globale Fragen brauchen globale Lösungen." Ordnungspolitische Lösungen wie Fahrverbote oder ein Verbot von Inlandsflügen. Gesetze, die dafür sorgen, dass Transparenz darüber herrscht, wie viel CO2 für welches Produkt verbraucht wurde. Und allem voran einen globalen CO2-Preis. Ohne CO2-Preis sei "alles nichts", sagt etwa Axel Ockenfels, Wirtschaftsprofessor der Uni Köln.

Globaler Klimaschutz muss von lokalen Maßnahmen begleitet werden

All das stimmt – und doch ist die Hummerfischer-Geschichte für Klimafragen nicht wertlos. Im Gegenteil: In einer Zeit, in der eine Bundesregierung, die "globale Lösungen" für den Klimawandel aushandeln sollte, es aber nicht einmal schafft, die eigen gesteckten Emissionsziele einzuhalten, brauchen wir sie dringend. Denn sie macht etwas klar: Globaler Klimaschutz muss immer von lokalen Maßnahmen begleitet werden. Von Menschen, die ohne staatliche Eingriffe soziale Normen verändern und in kleinem Rahmen zeigen, wie das geht: gut mit der Allmende umgehen. 

Ein gutes Beispiel dafür sind die Stadtwerke Sacramentos in Kalifornien. Sie stellten bei einigen ihrer Stromkunden 2008 die Rechnungen um. Fortan fand sich nicht allein der individuelle Verbrauch darin wieder, sondern auch Vergleichswerte: der Durchschnittsverbrauch und der Verbrauch von Menschen, die besonders sparsam lebten. Das Ergebnis: Menschen, die Vergleichswerte bekamen, reduzierten ihren Energieverbrauch binnen weniger Monat um zwei Prozent, der Rest nicht (World Bank Policy Paper: Ostrom, 2009). Ein anderes Beispiel ist die kleine englische Gemeinde Ashton Hayes, die seit einem guten Jahrzehnt als erste britische Gemeinde versucht, CO2-neutral zu werden. Die rund 1.000 Bewohner trocknen ihre Wäsche nicht mehr im Trockner, sondern auf der Wäscheleine, fliegen weniger, isolieren ihre Fenster besser und haben Solarzellen installiert. Seitdem sind ihre CO2-Emissionen Schätzungen zufolge um ein Viertel gesunken.

Aus derartigen Experimenten, glaubte die inzwischen verstorbene Ostrom, könne die ganze Welt lernen (Property in Land and Other Ressorces: Paavola, 2012). Lokaler Klimaschutz ist gewissermaßen das Experimentallabor für den globalen Klimaschutz. Das ist der Grund, warum lokale Erfolgsgeschichten rund um die Allmende so wichtig sind. Es gibt aber noch einen anderen Grund, der vielleicht noch tiefer geht. Denn steckt hinter der Idee, dass die Freiheit der Allmende zwangsläufig in die Tragödie führt, nicht auch ein Bild vom Menschen als böser egoistischer Ausbeuter, der es nicht hinbekommt, gemeinsame Ressourcen schonend zu nutzen? Es ist dieses Bild, gegen das sich die Geschichte der Hummerfischer wendet. Sie zeigt, dass Menschen im Sinne der Gemeinschaft handeln können, dass sie vorsorgen können und Gemeingüter wie die Natur pflegen und erhalten. In Zeiten, in denen die Apokalypse, ausgelöst vom Ausbeuter Mensch, längst die vorherrschende Erzählung ist, vermittelt sie etwas, das wir dringend brauchen: Hoffnung.

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