Quiekende Schweine, wimmernde Hunde, Geflügel, Fisch und dicht gedrängt Menschen. So ein Markt in Wuhan könnte die entscheidende Rolle beim aktuellen Coronaviren-Ausbruch gespielt haben. Christian Walzer, Tierarzt und Artenschützer der Wildlife Conservation Society (WCS), über die Folgen des Wildtierhandels.

ZEIT ONLINE: Sie kam scheinbar über Nacht, die neue Seuche. Noch weiß man nicht, wie gefährlich der Erreger ist, der sich von Wuhan in China aus verbreitet und vereinzelt auch Deutschland erreicht hat. Fest steht: Die Lungenkrankheit wird von einem Coronavirus namens 2019-nCoV ausgelöst. Wo kommt so ein neues Virus so plötzlich her?

Christian Walzer ist Wildtierarzt, bei der Wildlife Conservation Society (WCS) für Wildtiere zuständig und Inhaber des Lehrstuhls für Conservation Medicine an der Uni für Veterinärmedizin in Wien. © Caroline Begle/​WCF

Christian Walzer: Ein Großteil aller neu auftretenden Infektionskrankheiten, die Menschen betreffen, sind Zoonosen. So nennen Wissenschaftler Krankheiten, deren Erreger von Tieren auf Menschen übergehen. Ob ein Virus etwa auf Fledermäuse, Hunde, Vögel oder Menschen spezialisiert ist, können Virologen an dessen Erbgut erkennen. Das Genom des neuen Coronavirus ist bereits sequenziert worden (The Lancet: Lu et al., 2020) und legt den Schluss nahe, dass es anfangs von Fledermäusen beherbergt wurde und dann über ein derzeit unbekanntes Wildtier auf den Menschen übertragen wurde (Biorxiv: Benvenuto et al., 2020).

ZEIT ONLINE: Das heißt, die ersten Infizierten in China haben es sich bei einem Tier eingefangen?

Walzer: Der Erreger stammt von einem oder mehreren Wildtiermärkten in Wuhan in der Provinz Hubei in Zentralchina. Das steht derzeit außer Zweifel.

ZEIT ONLINE: Inzwischen äußern einige Wissenschaftler Zweifel an der These, dass der Markt der einzige Ursprung des Virus war – nicht alle der ersten Patienten sollen dort gewesen sein.

Walzer: Ziemlich sicher ist, dass das neue Virus auf dem Markt in Wuhan in der Provinz Hubei kursierte.* Unter den 99 ersten Patienten, bei denen die Krankheiten zunächst bemerkt wurde, hatten 49 Personen eine Verbindung zum Markt in Wuhan (The Lancet: Chen et al., 2020). 47 von ihnen hatten eine langfristige Expositionsgeschichte als Verkäufer oder Marktmanager. Es ist allerdings noch unklar, ob zusätzlich andere Märkte oder Wildtierkontakte mitverantwortlich sind.

ZEIT ONLINE: Es ist nicht das erste Mal, dass sich Virenstämme von Tieren auf Menschen übertragen. Welche Folgen hatte das in der Vergangenheit?

Walzer: Zoonotische Erkrankungen gibt es immer wieder. Besonders bekannt wurden die Erreger für Sars, Mers und Ebola. Das Ebola-Virus überträgt sich wahrscheinlich von mehreren Wildtieren, darunter Affen. Menschen infizieren sich normalerweise über den Kontakt mit Bushmeat, also Fleisch von Wildtieren. Sars und Mers sind beides Lungenerkrankungen und werden, wie aktuell in China, von Coronaviren verursacht. Der Erreger von Mers konnte zu Dromedaren im Mittleren Osten zurückverfolgt werden. Das Sars-Virus wurde wahrscheinlich auf einem Tiermarkt auf den Menschen übertragen – ein klassischer Ursprung, könnte man sagen. (Emerging Infectious Diseases: Xu et al., 2004).