Dürresommer, Schädlinge und Stürme. Der schlechte Zustand unserer Wälder wird oft nicht nur dem Klimawandel, sondern auch der Forstwirtschaft angelastet. Was ist dran an den Erzählungen von der bösen Fichte, von eintönigen Holzplantagen und einer rücksichtslosen Gewinnmaximierung im Wald? ZEIT ONLINE beleuchtet die wichtigsten Fragen.

Was hilft dem Wald – abwarten oder aufforsten?

© Patrick Pleul/​dpa

Bis zu 180.000 Hektar geschädigte Waldfläche müssen wiederaufgebaut werden. Das entspricht in etwa 1,6 Prozent der deutschen Waldfläche.

Stürme, Trockenheit, Brände und Schädlingsbefall haben Deutschlands Wälder massiv geschädigt, ganz besonders in den Jahren 2017 bis 2019. Wie soll die Wiederbewaldung vonstattengehen? Eine Möglichkeit ist, den Wald sich selbst zu überlassen und darauf zu setzen, dass er sich heilt. Forstwissenschaftler wie Jürgen Bauhus, Professor für Waldbau an der Universität Freiburg, und Christian Ammer, Professor für Waldbau und Waldökologie an der Universität Göttingen, halten es für falsch, nur darauf zu setzen. "Die Erfahrung nach Stürmen hat gezeigt, dass auf vielen Flächen, wo Fichten umgeworfen wurden, die neue Waldgeneration wiederum von Fichten dominiert wird – auch wenn es eigentlich nicht die standortgerechte Baumart ist", sagt Bauhus. Auf einem Teil der Flächen, auf denen wieder Bäume wachsen sollen, sei es deswegen besser, den Wald durch gezieltes Pflanzen zukunftsfähiger Baumarten umzubauen, ergänzt Ammer. 

Auch möglich ist, auf Naturverjüngung zu setzen. Das heißt, dass sich die nächste Baumgeneration aus den Samen der Altbäumen entwickeln darf. Dann benötige man mehr Personal im Wald, um zu beobachten, ob tatsächlich die gewünschte Baumartenmischung aufwächst, sagt Ammer. Im Vergleich zur forstlichen Pflanzung, die leicht zwischen fünf- und zwanzigtausend Euro pro Hektar koste, sei die Naturverjüngung aber trotzdem noch deutlich günstiger.

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Besteht unser Wald hauptsächlich aus Monokulturen?

54 Prozent in Deutschland sind Nadelwälder. 31 Prozent sind Laubwälder. 13 Prozent Mischwälder und zwei Prozent Wald-Strauch-Übergangsstadien.

Die jüngsten Schäden im Wald werden oftmals einer verfehlten Forstwirtschaft angelastet. Das Bild vom geldgierigen Förster, der die Wälder ausbeutet, überall standortfremde Nadelbäume und Fichtenmonokulturen pflanzt und den Wald zur Forstplantage degradiert, hält dem Realitätscheck nicht stand. Richtig ist, dass man auch aus historischen Gründen bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland daraufgesetzt hat, schnell wachsende und wirtschaftlich interessantere Nadelhölzer wie Fichten und Kiefern heranzuziehen. Mit den Waldschäden der Achtzigerjahre und den verheerenden Stürmen Wiebke 1990 und Lothar 1999, von denen insbesondere die Fichtenmonokulturen betroffen waren, begann ein Umdenken.

Vor allem in den öffentlichen Wäldern wurde ein systematischer Waldumbau hin zu standortgerechten Laub- und Mischwäldern eingeleitet, der sich bis heute fortsetzt. Die neueste Datenerhebung im Wald, die Kohlenstoffinventur 2017, stellt fest: Es gibt immer mehr Laubbäume, mehr alte und dicke Bäume, mehr Holzvorrat und mehr Totholz im Wald, in dem Tiere Unterschlupf finden und Pflanzen wachsen können. Unter den aufwachsenden Bäumchen sind Buchen und andere Laubhölzer in der Überzahl. "Man kann also kaum sagen, dass unsere zukünftigen Wälder durch Monokulturen geprägt sein werden. Schaut man sich die gegenwärtige Verjüngung als einen Wegweiser für die zukünftige Baumartenzusammensetzung an, wird der Anteil der Nadelbaumarten von 54 Prozent in diesem Jahrhundert auf etwa ein Viertel zurückgehen", sagt Bauhus.

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Ernten wir zu viel Holz?

© Markus Spiske/​unsplash.com

117.000.000 Kubikmeter Holz wuchs zwischen 2012 und 2017 jedes Jahr nach. Die Holzvorräte stiegen damit auf 3,9 Milliarden Kubikmeter und lagen damit sechs Prozent höher als 2012.

Der deutschen Forstwirtschaft wird oft vorgeworfen, sie würde zu viel Holz aus dem Wald holen, ihn übermäßig nutzen, und damit den Lebensraum von Tieren und Pflanzen schädigen. Forstwissenschaftler Bauhus kann dem nicht zustimmen: "Mit Ausnahme des Nadelholzes im Staatswald und größeren Privatwäldern wird überall deutlich unter dem Zuwachs eingeschlagen. Walderhebungen belegen, dass die Holzvorräte in unseren Wäldern stetig gewachsen sind. Sie noch weiter zu erhöhen, ist für viele Funktionen des Waldes nicht zielführend, auch nicht für die Biodiversität."

Denn: Mehr Holz im Wald heißt nicht automatisch, dass die Natur vielfältiger ist. Das zeigen aktuelle Studien (Journal of Applied Ecology: Hilmers 2018, PDF, Global Change Biologie: Sabatini 2018). Sind die Baumkronen dichter, verschwinden etwa lichtliebende Arten aus diesen dunklen Wäldern. "Das betrifft auch viele Baumarten, die wir dringend für die Anpassung an den Klimawandel benötigen, wie etwa die Eichen", erläutert Bauhus.

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Macht die Forstwirtschaft die Waldböden kaputt?

© Markus Spiske/​unsplash.com

Auf bis zu 15 Prozent der Waldfläche maximal fahren schwere Forstmaschinen.

Auf Waldwegen und Rückegassen, auf denen gefällte Bäume transportiert werden, kann es nach der winterlichen Waldarbeit ziemlich wüst aussehen. Tiefe Fahrspuren und aufgewühlte Wege ausgelöst durch die Holzernte mit schwerem Gerät. Seit Ende der Achtzigerjahre sind zum Fällen und Entasten zunehmend sogenannte Harvester unterwegs, zum Fortbewegen der Stämme sogenannte Forwarder. Zwar sei es grundsätzlich noch immer eine Alternative, das Holz bodenschonend mit Pferden zu rücken. Aber aufgrund der Belastbarkeit und Verfügbarkeit von Pferden sowie den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geht das nur in begrenztem Umfang, meint Bauhus. 

Bevor man Waldarbeiter und Forstunternehmer beschuldigt, sollte man zudem bedenken, dass die Zahl der winterlichen Frosttage mit der Klimaerwärmung stetig abnimmt – und damit auch die Möglichkeiten bei gefrorenem Boden zu arbeiten und die Schäden zu minimieren. Ohnehin kann dieses Problem maximal sechs bis 15 Prozent der Waldböden beeinträchtigen, denn nur auf ihnen ist der Einsatz schwerer Maschinen zulässig. Und noch ein Aspekt ist wichtig: Die Waldarbeit gehört zu den gefährlichsten Berufen in Deutschland. Gerade in von Sturm oder Borkenkäfer geschädigten Bereichen kommt es  nicht selten vor, dass Äste oder Stämme hochschnellen. Durch den vermehrten Einsatz von Erntemaschinen, ist die Zahl der Unfälle im Wald stark zurückgegangen.

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Wirkt sich die Forstwirtschaft negativ auf die Vielfalt im Wald aus?

Wälder: Gezüchtet, gefällt, verheizt
© Trần Anh Tuấn/​Unsplash

2.892 Pflanzenarten – etwa Moose, Flechten und Gefäßpflanzen – wachsen in deutschen Wäldern.


Biodiversität im Wald gibt es auf sehr vielen verschiedenen Ebenen. Je nach Landschaft, Niederschlag und Boden bilden sich grundverschiedene Waldtypen wie Auenwälder, Moorwälder, Berg-, Hang- oder Schluchtwälder. Und auch innerhalb des Waldes gibt es vielfältige Lebensräume für Wildtiere, feuchte, schattige Plätze im Unterholz oder in Baumhöhlen, nasse Bereiche mit Stauwasser oder warme, trockene Sonnenplätze auf Felsen und Lichtungen.

Der Raubbau an Wäldern, der tagtäglich auf globaler Ebene geschieht, legt den Verdacht nahe, dass die Forstwirtschaft per se ein Problem für die Artenvielfalt und die Erhaltung der Wälder sei. Dass dem nicht so ist, erläutert der Waldökologe Ammer: "Viele gefährdete Waldarten brauchen zerfallende, sich auflösende Wälder. Andere aber die lichte Struktur junger Wälder." Entscheidend sei ein abwechslungsreiches Nebeneinander verschiedener Strukturen und dazu könnte eine schonende und nachhaltige Nutzung der Wälder durchaus beitragen. Dynamische Prozesse zwischen Verjüngung, Reifung und Zerfall des Waldes sind ein Schlüssel zur Diversität. Vögel wie das Auerhuhn oder die Waldschnepfe sind auf diese verschiedenen Waldentwicklungsstadien angewiesen. Auch Totholz oder Habitatbäume, die Spechte ausgehöhlt haben, bieten vielen Arten wie Fledermäusen, Siebenschläfern oder Hohltauben ein Zuhause. 

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Zurück zur Natur – ist das der Weg, um den Wald widerstandsfähiger und klimastabiler zu machen?

© Daniel Seßler/​unsplash.com

11.400.000 Hektar Wald stehen in Deutschland. Das ist fast ein Drittel der Gesamtfläche des Landes.

Bei manchen Zeitgenossen hört sich alles ganz einfach an: Den Wald in Ruhe lassen, die Natur einfach machen lassen – das sei das beste Rezept für den Wald der Zukunft, der uns Holz liefert, dem Klimawandel trotzt und zahlreiche Arten beherbergt. Probleme wie Schädlingsbefall und Dürreschäden werden dann gerne der Forstwirtschaft angelastet. Und es stimmt: Ausgedehnte, von einer Baumart dominierte Waldbestände begünstigen den Befall durch Schädlinge wie Borkenkäfern. Wenn Trockenheit, Hitze und Schadinsekten zusammenkommen, wirkt sich das aber auch auf natürliche Holzbestände aus. "In der jüngsten Extremwetterperiode konnten wir beobachten, dass auch alte Buchenwälder wie im Nationalpark Hainich in Thüringen sehr stark unter den Dürren leiden, oder dass wir in den Hochlagen, wo Fichten und Tannen von Natur aus vorkommen, massive Borkenkäferschäden haben."

Wissenschaftler wie Bauhus und Ammer sehen die größte Bedrohung für den Wald in Mitteleuropa nicht in der Forstwirtschaft und Fehlern, die sie gemacht hat, sondern im rasch voranschreitenden Klimawandel, der Fragmentierung der Waldfläche, dem Landnutzungswandel und eingeschleppten Arten. Laut der kürzlich von der Weltnaturschutzunion IUCN veröffentlichten Roten Liste europäischer Baumarten sind über 40 Prozent der Baumarten Europas von regionalem Aussterben bedroht. Als Hauptursache nennen die Naturschutzexperten der IUCN eingeschleppte oder eingewanderte Schädlinge, wie zum Beispiel die pilzartigen Erreger des Ulmen- und Eschensterbens oder der Ahorn-Rußrindenkrankheit. Sie verbreiten sich zunehmend in ganz Europa, unabhängig davon, ob Bäume in Naturschutzgebieten, Bannwäldern oder Forsten stehen.

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Was leistet der Wald für den Klimaschutz?

Zerstörter Wald in Herdecke in Nordrhein-Westfalen: Bundesweit gibt es 250.000 Hektar Schadfläche, die wieder aufgeforstet werden müssen.
© Bernd Thissen/​dpa

1.230.000.000 Tonnen Kohlenstoff sind in der lebenden Biomasse der deutschen Wälder gespeichert, weitere 34 Millionen Tonnen im Totholz.

Nutzt man den Wald, reduziere das seine Klimaschutzleistung, Böden verlören Kohlenstoff und die Verbrennung von Holz könne quasi mit der Verbrennung von Braunkohle gleichgesetzt werden. So argumentieren Kritiker der Forstwirtschaft. "Natürlich wird der Kohlenstoff im Holz bei der Verbrennung wieder in Form von Kohlendioxid in die Atmosphäre entlassen und bei intensiver Nutzung der Wälder kann auch aus dem Boden Kohlenstoff freigesetzt werden", sagt Forstwissenschaftler Bauhus. "Aber es kommt auf die Bilanz des Gesamtsystems an." 

Wenn wir mit Holz bauen, heizen oder Strom erzeugen, wird diese Energie nicht aus fossilen Rohstoffen gewonnen. Und wenn zugleich sichergestellt ist, dass in den Wäldern, aus denen das Holz stammt, nicht mehr eingeschlagen wird, als in der gleichen Zeit wieder nachwachsen kann, dann gelangt insgesamt weniger CO2 in die Atmosphäre. Den größten positiven Klimaeffekt erreicht man, wenn das Holz regional verwendet, langfristig und mehrfach genutzt wird, also etwa erst als Bau- oder Möbelholz und später als Altholz zur Energieerzeugung. Für Deutschland belegen die Daten der Bundeswaldinventur und der Bodenzustandserhebung Wald (Hartmann et al. 2016, PDF), dass die Kohlenstoffvorräte in den Wäldern ansteigen – und zwar sowohl im Boden als auch in der oberirdischen Biomasse. "Die Nutzung von Holz aus deutschen Wäldern hat also eindeutig positive Klimaschutzeffekte", bekräftigt Bauhus.

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