Forscher machen konkrete Vorschläge, um Klimakatastrophe zu verhindern – Seite 1

Internationale Experten haben wirtschaftliche und politische Prozesse identifiziert, die bis zum Jahr 2050 zu einer klimaschonenden menschlichen Existenz führen könnten. Dazu gehörten die Streichung sämtlicher staatlicher Subventionen für fossile Brennstoffe, die Förderung dezentraler Energieversorgungssysteme, der Bau klimaneutraler Städte und verstärkte Bildungsbemühungen im Bereich Klima und Umwelt, heißt es in einer unter anderem von Wissenschaftlern des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) veröffentlichten Analyse.

Für ihren im Fachmagazin Proceedings der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften erschienenen Beitrag haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zahlreiche Vorschläge von Experten analysiert. Diese zeigen verschiedene gesellschaftliche Trendwenden auf, die den Klimawandel stoppen könnten.

In der Erhebung heißt es, dass im Bereich Energieerzeugung der Trend weg von fossilen Brennstoffen gehen müsse. Dies könne vor allem über Subventionen der Politik geschehen, die immer noch größtenteils in klimaschädliche Energieformen fließen. So waren 2015 die Subventionen für Kohle, Erdöl und Erdgas noch mehr als doppelt so hoch wie die Subventionen für erneuerbare Energien. Auch empfehlen die Forscherinnen und Forscher einen Umbau der Energieversorgung von zentralen Kraftwerken hin zu dezentraler Energiegewinnung, etwa durch Solar- und Windkraft.

Wie es in einem Bericht der Internationalen Energieagentur (IEA) heißt, würden derzeit nur rund ein Prozent der Energiebranche in nachhaltige Energieformen fließen, was sich ändern müsste. "Die Klimafolgen werden in den kommenden Jahren sichtbarer und schwerwiegender werden", heißt es in dem Bericht. "Alle Bereiche der Gesellschaft müssen Lösungen finden", und dies schließe auch die Öl- und Erdgasindustrie ein. So müsse die Energieindustrie dringend ihre Treibhausgas-Emissionen senken, fordert die IEA weiter. Das müsse "eine Priorität für alle" sein. Der Treibhausgas-Ausstoß der Energiebranche liegt demnach bei rund 15 Prozent der gesamten Emissionen.

Schulen sollen klimafreundliche Lebensweise vermitteln

Um ein Umdenken im Energiebereich zu erreichen, muss es laut den PIK-Wissenschaftlern Änderungen im Finanzsystem geben. Denn wenn Investoren befürchten müssten, dass sich ihr Engagement bei fossilen Brennstoffen nicht mehr rentiert, würden sie ihre Gelder aus dieser Branche abziehen. "Simulationen zeigen, dass nur neun Prozent der Investoren das System kippen könnten, was andere Investoren dazu veranlasst, dem zu folgen", schreiben die Forscherinnen. Demnach gebe es bereits Anzeichen für einen Wendepunkt in Form von Kürzungen bei der finanziellen und versicherungstechnischen Unterstützung von Kohleprojekten.

Auch im Bereich Städtebau fordern die Wissenschaftler ein Umdenken. So würden die direkten und indirekten Emissionen von Gebäuden zu 20 Prozent des weltweiten Treibhausgasausstoßes beitragen. In ihrer Studie schlagen sie den Bau von großen Projekten vor, in denen umweltfreundliches Bauen aufgezeigt wird. So könne ein großes Gebäude, das zu 80 Prozent aus laminiertem Holz errichtet werde, Tausende Tonnen CO2 vermeiden. Auch in der öffentlichen Infrastruktur von Städten könne viel CO2 eingespart werden.

Wichtig für einen gesellschaftlichen Wandel seien auch bessere Informationen für die Verbraucherinnen und Verbraucher. So sollte der Ausstoß von Treibhausgasen zur Herstellung eines Produkts auf jeder Packung angegeben werden, ähnlich wie die Nährwertangaben bei Lebensmitteln. "Es sollte den Menschen einfach gemacht werden, einen klimaneutralen Lebensstil zu führen", sagte Co-Autor und PIK-Direktor Johan Rockström.

Normen und Werte sollen sich ändern

Auch gesellschaftliche Normen und Werte müssten sich ändern, um den Klimawandel aufzuhalten. Laut den Wissenschaftlern sei die Gewinnung und Nutzung fossiler Brennstoffe "wohl unmoralisch". Denn solches Handeln würde weitestgehend schwerwiegende und unnötige Schäden verursachen. "Das Bewusstsein für die globale Erwärmung ist hoch, aber die gesellschaftlichen Normen zur grundlegenden Veränderung des Verhaltens sind es nicht", sagt Rockström. Ihm zufolge ist "längerfristig wohl ein neues soziales Gleichgewicht erforderlich, in dem der Klimaschutz als soziale Norm anerkannt wird".

Dafür seien auch Verbesserungen im Bildungssystem nötig. "Nachhaltigkeit kann nicht auferlegt werden, sie muss gelernt werden", schreiben die Studienautoren. Sie plädieren dafür, in deutlich höherem Maße als bisher eine umwelt- und klimabewusste Lebensweise in den Schulunterricht einzubeziehen. Qualitativ hochwertige Bildung unterstütze und erweitere Normen und Werte und könne schnell zu Verhaltensänderungen bei Einzelpersonen und ihrem Umfeld führen, erläutern die Wissenschaftlerinnen.

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Forscher kritisieren die Bilanz

Die Studie des PIK wurden von verschiedenen anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern begrüßt. So ist Andreas Ernst von der Universität Kassel, der selbst nicht an der Studie beteiligt war, der Ansicht, dass sogenannte Social Tipping Interventions ein sehr guter Weg sind, den Blick auf die gesellschaftlichen Möglichkeiten des Umsteuerns zu richten. An der richtigen Stelle platzierte Maßnahmen könnten umfassende Erfolge bei der Bewältigung der Klimaerwärmung haben. Der Fokus auf positive soziale Dynamik beim Klimawandel sei eine gute, neue Entwicklung. "Die in der Studie vorgestellten Ansatzpunkte – Technologie, Finanzsystem und so weiter – sind an sich keineswegs neu", sagte Ernst. "Neu ist die Hypothese, dass es mit bestimmten, eleganten Interventionen gelingt, großflächige Veränderungen auszulösen." Die in der Studie besprochenen Eingriffe blendeten allerdings politische und wirtschaftliche Machtfragen als wesentliche Beharrungsfaktoren völlig aus, kritisierte Ernst.

Doch es gibt auch Kritik an der Studie: Maria Daskalakis vom Institut für Volkswirtschaftslehre der Universität Kassel gibt zu bedenken, dass es eines fachübergreifenden Ansatzes bedürfe, um der Komplexität der Themenstellung gerecht zu werden. "Die Idee, es gäbe einige wenige soziale Kippelemente beziehungsweise -interventionen, mit denen das Ruder herumgerissen werden könnte, scheint mir hier nicht zielführend", sagte sie. Daskalakis empfiehlt einen sehr vorsichtigen Umgang mit den Ergebnissen beziehungsweise deren Generalisierung und der Ableitung von Maßnahmen. Der Rücklauf bei der Expertenbefragung sei sehr niedrig gewesen, zudem habe es vor allem Antworten europäischer Experten gegeben, erklärt die Wissenschaftlerin. Auch sei "festzustellen, dass die Antworten der Befragten wohl sehr unterschiedlich waren. Dies führt dazu, dass die identifizierten Maßnahmen dann teilweise von nur relativ wenigen Personen empfohlen wurden", sagte Daskalakis.