Australien ist an Extreme gewöhnt. Fluten, Dürren, Wirbelstürme. Glutheiße Wüstentage im Landesinnern und im Süden eisige Winde, die von der Antarktis heraufziehen und das Meer vor Tasmanien für Seglerinnen und Segler unberechenbar machen. Man könnte sagen, Mensch und Natur leben hier seit Jahrtausenden in einem Ausnahmezustand. Extremes Wetter, das ist also zunächst nichts Ungewöhnliches.

Und auch Wildfeuer, wie Fachleute lieber sagen als Wald- oder Buschbrände, gibt es hier jede Saison. Doch das, was Australien – allen voran die Staaten New South Wales und Victoria – seit Monaten erlebt, hat eine neue Dimension erreicht.

Eine gigantische Fläche, größer als die Niederlande, ist seit September verbrannt. Zwar hat es in der Geschichte Australiens immer schon immense Feuer gegeben. Doch die diesjährigen Brände gelten auch unter Experten als beispiellos. Extrem ist, wie viele Siedlungen und Menschen betroffen sind und wie ungezügelt sich die Flammen entlang der gesamten bevölkerungsreichen Ostküste gerade ausdehnen.

Die Wetterstationen meldeten zuletzt Spitzenwerte von 40, teils sogar 50 Grad Celsius. Dieser Tage ist die Hitzewelle ein wenig zurückgegangen. Auch wenn fürs Wochenende vereinzelt etwas Regen angekündigt ist, rechnen Experten vom Bureau of Meteorology (BOM) bis Februar mit kaum Niederschlag. Laut Daten des Wetterdienstes war 2019 das bisher trockenste und heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Es war landesweit ganze 1,5 Grad Celsius wärmer als im Durchschnitt.

Die Feuersaison hat 2019 zudem außergewöhnlich früh und heftig begonnen. Die anhaltende Dürre, dazu der Wind – all das hat dazu geführt, dass ein Großteil der mehr als 200 Brandherde, die zurzeit entlang der Ostküste lodern, zu monströs geworden sind, um noch gelöscht zu werden. Feuerwehrleute konzentrieren sich deshalb auf die Siedlungen, die noch zu retten sind, und versuchen, die Feuer nicht bis dorthin durchkommen zu lassen. Die Flammen werden noch monatelang Nahrung finden, schätzt die Regierung. Auch wenn es da, wo das Feuer durchgezogen ist, nicht noch einmal brennen dürfte.

"Australien steht an einem Wendepunkt"

Viele Menschen in Australien – einem Land, dessen führende Politikerinnen und Politiker den Klimawandel gern als Erfindung von Großstadthipstern, Baumfreunden oder Vogelschützerinnen darstellen – hinterfragen nun erstmals öffentlich den offiziellen Regierungskurs. Was, wenn die Dürren, Fluten, Hitzewellen und Stürme in Australien tatsächlich dauerhaft immer extremer werden sollten, wie es Klimaforscherinnen und -forscher vorhersagen? Was, wenn die Folgen der durch den Menschen verursachten rasanten Veränderung des globalen Klimas längst im Hier und Jetzt spürbar sind – im brennenden Eukalyptuswald vor der Haustür?

"Australien steht an einem Wendepunkt", sagt Dale Dominey-Howes, ein Katastrophen- und Feuerforscher an der Universität Sydney im Gespräch mit ZEIT ONLINE. "Was wir gerade beobachten, hat mit dem Normalzustand nichts mehr zu tun. Es ist ein Vorgeschmack auf das, was Australien in Zukunft erwartet."

Dominey-Howes beobachtet seit Jahren, dass sich Australiens Waldbrandsaison an keine Regeln mehr hält. Sie dauere länger und gehe früher los – in diesem Jahr um ganze zwei Monate. Üblicherweise regne es im Frühjahr, im Sommer brenne es hier oder dort, in hügeligen Waldgegenden öfter als im tropischen Norden.