Draculas Begleiter, blutsaugende Nachtschwärmer und jetzt auch noch gefährliche Virenschleudern, die schuld am Coronavirus-Ausbruch in China sein sollen. Das Image der Fledertiere hat einen weiteren Knacks bekommen, als Genanalysen des neuen Erregers mit dem provisorischen Namen 2019-nCoV ergaben: Es ist zu 88 Prozent verwandt mit einem Virus, das unter Hufeisennasen umgeht (The Lancet: Lu et al. 2020). Dabei sind Fledermäuse, Flughunde und ihre Verwandten besonders in Deutschland beliebte Tiere. Zahlreiche Menschen setzen sich seit Jahrzehnten für den Schutz der bei uns heimischen 25 Arten ein, von denen knapp ein Drittel als gefährdet oder vom Aussterben bedroht eingestuft wird.

Nicht erst seit der aktuellen Coronaviren-Epidemie werden Fledertiere verantwortlich gemacht, wenn sich ein aus der Tierwelt stammender Erreger unter Menschen breitmacht. Fledertiere gelten als beliebtes Reservoir für Viren, das heißt: Die Viren schlummern in ihnen und warten auf ihre Chance, sich über Artgrenzen hinweg zu verbreiten. Als das ebenfalls durch ein Coronavirus (Mers-CoV) verursachte mittelöstliche Atemwegssyndrom (Mers) im Jahr 2012 erstmals auf der Arabischen Halbinsel ausbrach, waren es zwar Dromedare, die den neuen Erreger auf den Menschen übertragen hatten. Doch Fledertiere hatten die Kamele wohl angesteckt

Auch das Nipah-Virus, das 1991 zum ersten Mal Schweinebauern in Malaysia befiel, lässt sich auf Fledertiere zurückführen: Die Bauern infizierten sich bei ihren Schweinen, die wiederum Früchte gegessen hatten, auf denen Kot und Urin von Flughunden klebte. Genau dieses Zusammenspiel verschiedener Tierarten als Wirte von Viren spaltet die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in mindestens zwei Lager: Die einen betonen, dass die Viren ursprünglich von Fledertieren ausgingen. Die anderen legen den Fokus darauf, dass es Kamele und Schweine waren, die die Krankheiten auf Menschen übertrugen. Die Verursacherfrage bleibt letztlich eine der Interpretation: Ist die Art Verursacher einer Epidemie, die das Virus ursprünglich beherbergte? Oder diejenige, die es an den Menschen weitergegeben hat? 

Fast alle Viren befallen nicht nur eine Art

Die meisten Viren haben Wirte über Artgrenzen hinaus. Sie wandeln sich ständig, tauschen Erbgut untereinander aus und lernen Neues: So kann ein Krankheitserreger, der zunächst nur Vögel befällt, durch Mutationen die Fähigkeit erlangen, in menschliche Zellen einzudringen – so wird eine Tierseuche zu einer Krankheit für Menschen. Wenn das passiert, sprechen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von einer Zoonose. Je weiter die Menschheit in den Lebensraum von Tieren vordringt, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass neue Zoonosen entstehen. Menschen roden Wälder, jagen und essen Wildtiere oder suchen als Touristinnen das Abenteuer in der Wildnis. Viel eher kommen sie so in Kontakt mit infizierten Tieren – und stecken sich bei ihnen an. So ähnlich, auf einem Wildtiermarkt in Wuhan, könnte auch die Epidemie mit dem neuen Coronavirus ihren Anfang genommen haben. 

Als das Erbgut des neuen Erregers wenige Wochen nach dem Ausbruch sequenziert wurde, stellte sich heraus: Es gleicht zu 88 Prozent dem zweier Coronavirus-Arten, die man 2018 erstmals in Fledertieren gefunden hatte. "Es ist klar, dass dieser Erreger ursprünglich von der Fledermaus kommt", sagt Jonas Schmidt-Chanasit, Virologe am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. 

Artenschützer fürchten um den Ruf der Tiere

"Dass das Virus zu irgendeinem Zeitpunkt von einer Fledermaus gekommen sein könnte, will ich nicht bestreiten", sagt auch der renommierte Fledermausforscher Paul Racey von der Universität Aberdeen in Schottland. Er aber ist ein Vertreter der zweiten Forscherfraktion, der eine ganz andere Frage viel relevanter erscheint: Welche Tierart hat das neue Virus letztlich auf den Menschen übertragen?  

Für Racey wäre ein eindeutiger Beleg, dass der Erreger direkt von einer Fledermaus oder einem Flughund auf den Menschen übergesprungen ist, erst erbracht, wenn Forscherinnen und Forscher bei einem Fledertier nachweisen könnten, dass es 2019-nCoV direkt ausscheidet, das Virus also auch wirklich verbreitet. Diesen Nachweis gibt es bisher nicht. Dass zwei Virenstränge sich in ihrem Erbgut gleichen, reicht den Fledermausforschern nicht, um den Fledertieren mit ihren mehr als 1.400 bekannten Spezies die alleinige Schuld an einem neuen Ausbruch zu geben. Sie bilden nach den Nagetieren die artenreichste Ordnung der Säugetiere – und gerieten allein wegen ihrer großen Verbreitung häufig ins Visier.