Der Klimawandel findet statt, jetzt. Im Sommer wurde das deutlicher denn je, als Wälder am Mittelmeer und in Nordamerika brannten, Täler in Westdeutschland überfluteten und Kanada sowie die Arktis bestehende Hitzerekorde zum Teil um gleich mehrere Grad Celsius einstellten.

Dass der Klimawandel derartige Folgen haben kann, die sich künftig nur verschärfen dürften, ist vielen bekannt. Auch wird regelmäßig betont, dass der Mensch die Möglichkeit hat, viele Schäden zu verhindern und die neue Bundesregierung einen wichtigen Beitrag dazu leisten muss. Und doch spielte das Thema etwa im Wahlkampf nur eine Nebenrolle. Die Diskussionen unter Politikerinnen und Politikern blieben oberflächlich – was der Klimaschutz den zukünftigen Generationen bringt, darüber wurde selten gesprochen. Viel häufiger ging es darum, wie viel er in den nächsten Jahren kosten wird.

Woran liegt das? Ein Grund könnte die Art sein, wie wir insgesamt über das Thema sprechen.

Noch immer nehmen viele den Klimawandel psychologisch distanziert wahr – als etwas, das irgendwann in der Zukunft passiert, und eher ferne Orte und fremde Menschen betrifft (Journal of Environmental Psychology: McDonald et al., 2015). "Dadurch erscheint das Thema für unser Alltagsleben nicht besonders relevant", sagt Gerhard Reese, Professor für Umweltpsychologie an der Universität Koblenz-Landau. "Wir nehmen auch das Risiko als weniger hoch wahr, denn im Hier und Jetzt ist meistens ja noch alles in Ordnung." Und eine Studie von australischen Forschenden machte deutlich: Wer nicht das Gefühl hat, vom Klimawandel direkt betroffen zu sein, ist auch weniger gewillt, selbst etwas dagegen zu unternehmen (Risk Analysis: Jones et al., 2017).

Manchmal rücken Extremwettersituationen den Klimawandel sehr plötzlich in unsere Lebenswirklichkeit – etwa die Überschwemmungen in Westdeutschland. Studien zeigen, dass Menschen nach solchen Erfahrungen eher bereit sind, den Klimawandel zu akzeptieren und etwas zu unternehmen (Journal of Environmental Psychology: McDonald et al., 2015). In der Schweiz zeigte sich außerdem: Menschen haben in Volksabstimmungen eher für Klimaschutzmaßnahmen votiert, wenn ihre Region zuvor von einer Überflutung betroffen war (Political Science Research and Methods: Baccini/Leemann, 2021).

Durch den Klimawandel können Extremwetterereignisse künftig größeren Schaden anrichten. Meeresspiegel steigen, Hitzewellen sowie Starkregen werden häufiger und intensiver. "Ich erwarte, dass mit stärkerem Auftreten solcher Katastrophen die Risikowahrnehmung zunimmt", sagt Umweltpsychologe Reese. "Dass man schon irgendwann das Gefühl bekommt, es betrifft mich ja doch."

Viele Klimafolgen zeigen sich aktuell allerdings nur in ihren Anfängen, die großen Auswirkungen stehen erst noch bevor. Wenn von Klimaschutz gesprochen wird, geht es häufig um Klimaziele bis 2050, Klimafolgen bis Ende des Jahrhunderts oder Kippelemente im Klimasystem, die eines Tages – niemand weiß genau, wann – überschritten werden könnten.

Waldbrände - Warum den Wäldern ein "Zeitalter des Feuers" droht Immer heißere Brände zerstören weltweit Wälder. Warum Löschflugzeuge keine Lösung sind und was wirklich helfen kann, erklärt Feuerökologe Johann Goldammer. © Foto: Sven Wolters für ZEIT Online, Josh Edelson/AFP via Getty Images, Chaideer Mahyuddin/AFP via Getty Images

Die Herausforderung für die Kommunikation: Die Treibhausgasemissionen müssten heute schon drastisch reduziert werden, um künftige Folgen abzuwenden (BioScience: Ripple et al., 2021). Aber genau das – heute handeln, um Probleme abzuwenden, die noch nicht da sind – fällt Menschen schwer, erklärt Reese. "Bisher war es in unserer Entwicklung nicht notwendig, so weit in die Zukunft zu denken. Unser Gehirn ist für so lange Zeiträume nicht ausgelegt", sagt er.

Dieses Auseinanderdriften von künftigen Folgen und einem Handlungsfenster, in dem immer weniger Zeit bleibt, ist für Menschen nicht leicht zu begreifen. Die richtige Kommunikation über den Klimawandel könnte helfen, das zu ändern. Drei Punkte, an denen man ansetzen könnte:

1. CO2-Budgets statt Temperaturziele

Die 1,5-Grad-Grenze ist den meisten Menschen ein Begriff – wie die Tatsache, dass es schwerwiegende Folgen hätte, sie zu überschreiten. Genauso wie die Kommunikation der Pariser Klimaziele, die sich vor allem darum dreht, die global gemittelte Oberflächentemperatur auf unter zwei Grad zu begrenzen.

Das Temperaturziel ist ein Wert, der sich auf eine Zeit bezieht, in der es schon zu spät ist.
Michael Brüggemann, Professor für Kommunikationswissenschaft

Im Grunde ist dieses Maß aber keine gute Kennzahl für den Klimawandel. Eine Temperatur ist abstrakt. Sie erinnert nicht intuitiv an tatsächliche Klimafolgen wie Extremwetterereignisse oder einen steigenden Meeresspiegel (Global Warming in Local Discourses: Kapitel 7, Otto, 2020). Doch darum geht es schließlich beim Klimaschutz.

"Das Temperaturziel ist ein Wert, der sich auf eine Zeit bezieht, in der es schon zu spät ist", sagt Michael Brüggemann, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hamburg. "Es ist ein Ziel, das viel zu weit weg ist und vor dem ein einzelner Mensch hilflos davorsteht."

Aktuell liegt die globale Durchschnittserwärmung seit der vorindustriellen Zeit bei etwas mehr als einem Grad (WMO: State of the Global Climate 2020). Wer das weiß, könnte auf die Idee kommen: Wir haben noch knapp 0,5 Grad lang Zeit, den Klimawandel zu stoppen. Nur stimmt das eben nicht. Damit die Erwärmung nicht über 1,5 Grad steigt, sind schon heute weitreichende Änderungen nötig – und das weltweit. Ein Land wie Deutschland braucht für die Klimaneutralität neue Wege, Energie zu erzeugen, und Infrastrukturen sowie Industrieprozesse, die nicht auf fossile Energien angewiesen sind. So ein Umbau kann Jahre oder sogar Jahrzehnte dauern. Wenn die Erderwärmung nicht über 1,5 Grad steigen soll, bleibt keine Zeit mehr.

Eine Lösungsidee: Anstelle von Temperaturzielen über CO2-Budgets sprechen. Zwar sind die auf den ersten Blick auch noch abstrakt. Sie beschreiben, wie viele Tonnen an Treibhausgasen noch ausgestoßen werden können, bis etwa eine Erwärmung von 1,5-Grad erreicht ist. Aber daran lassen sich sehr konkret einzelne Maßnahmen bewerten. Und es lässt sich messen: Wo stehen wir in der globalen Erwärmung? Und welche Folgen hat es, wenn die Menschheit die Emissionen zu langsam reduziert?

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2. Mehr über Maßnahmen und weniger über abstrakte Klimaziele sprechen

In diesem Jahr hat die deutsche Regierung beschlossen, dass Deutschland bis 2045 Netto-Null-Emissionen erreichen soll. Das bedeutet: So wenige Emissionen wie möglich erzeugen und die, die unvermeidbar sind, durch negative Emissionen ausgleichen – beispielsweise durch Waldaufforstung, Moor-Erneuerung oder Speicherung von CO2 im Untergrund. Über das Ziel wurde berichtet und gesprochen, auch Politiker weisen gerne darauf hin. Wie diese Ziele konkret erreicht werden sollen, wird in der Diskussion weniger thematisiert.

"Diese fernen Ziele können Menschen nicht mit ihrem Alltag in Verbindung bringen", sagt Brüggemann. "Deshalb ist es auch nicht plausibel, dass dadurch jemand dazu gebracht wird, tatsächlich etwas in seinem Leben zu ändern oder sich Gedanken zu machen: Was kann ich für den Klimaschutz tun?"

Eine Lösungsidee: Politikerinnen müssten mehr über konkrete Maßnahmen sprechen, wie sie planen, bestimmte Klimaziele zu erreichen. "Es wäre zielführender, wenn die Politik sagen würde: Wir haben diese Ziele bis 2045, und mit diesen Schritten fangen wir jetzt an, sie zu erreichen", sagt Reese. "Dann wissen die Menschen auch besser, was passieren wird und wie sie sich vorbereiten können."

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3. Persönlichen Verzicht nicht als Schlüssel darstellen

Wer über den Klimawandel spricht, kommt schnell auf Themen wie: Fliegst du noch in den Urlaub? Isst du Fleisch? Wie ist dein CO2-Fußabdruck? Natürlich kann jede und jeder Einzelne etwas verändern, kann im eigenen Leben Emissionen reduzieren. Aber das hat wenig Einfluss darauf, dass nur 100 Firmen weltweit verantwortlich für über 70 Prozent der Emissionen sind, die seit 1988 ausgestoßen wurden. Und ausgerechnet der Ölkonzern BP hat einen der ersten CO2-Fußabdruckrechner erfunden und das Konzept populär gemacht, schreibt der US-amerikanische Klimaforscher Michael E. Mann in seinem Buch Propagandaschlacht ums Klima. Deshalb ist der wichtigste Hebel im Klimaschutz eine zukunftsfähige Klimapolitik. Regierungen können einen Rahmen schaffen, in dem Firmen – und auch Einzelpersonen – klimafreundlicher handeln.

"Das individuelle Verhalten ist schon wichtig", sagt Brüggemann. "Es gibt Menschen das Gefühl: Ich kann etwas tun." Aber im Alleingang werden klimabewusste Bürgerinnen und Bürger es nicht schaffen, die Emissionen auf Netto-Null herunterzudrücken. Zudem können Verhaltensänderungen auch frustrierend sein, weil die Effekte jedes Einzelnen zu klein sind, um sie direkt zu spüren. Wer seit zehn Jahren vegetarisch lebt, wird die Folgen für Klima und Umwelt in seinem täglichen Leben kaum erfahren.

Eine Lösungsidee: Wer sich persönlich für mehr Klimaschutz einsetzen möchte, dem rät Brüggemann, sich politisch zu engagieren. "Neben der Konsumgestaltung ist politischer Druck der Hebel, der funktioniert", sagt er. "Ohne die Demonstrationen von Fridays for Future gäbe es wahrscheinlich kein Klimapaket." Und auch so etwas Simples wie eine demokratische Wahlentscheidung wird künftig noch Einfluss darauf haben, welche Art von Klimapolitik gemacht wird.

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