Hitze, Dürren, Überschwemmungen: Durch die Klimakrise wird das Wasser knapp. Wie soll die Welt damit umgehen? Mariana Mazzucato ist eine der Vorsitzenden der neuen Global Commission on the Economics of Water, die am Freitag den ersten Weltwasserbericht vorstellt. Im Interview spricht sie darüber, wie eine gerechte Weltwasserpolitik aussehen könnte – und wer von wichtigen Erfindungen profitieren kann.
ZEIT ONLINE: Frau Mazzucato, Sie haben maßgeblich am ersten Weltwasserbericht mitgewirkt. Hat Sie an diesem alarmierenden Report noch etwas überrascht?
Mariana Mazzucato: Ja. Ich habe schon viel über die Wassernot in der Klimakrise geforscht – aber einige Ergebnisse fand ich dennoch bemerkenswert: Etwa, dass die Abholzung des Regenwaldes im Kongo die Niederschläge dort verringert und es dafür sehr weit entfernt stärker regnet. Oder dass in Sierra Leone viele Frauen auf dem langen Weg zu einer Quelle vergewaltigt werden. Die Wassernot macht sie also besonders vulnerabel. Und noch eine Zahl hat sich mir eingebrannt: Alle 80 Sekunden stirbt ein Kind an verunreinigtem Wasser. Dieses öffentliche Gut entscheidet über unser Leben auf der Erde. Ich gucke aus einer ökonomischen Perspektive auf diese Zahlen und frage, wie wir unsere Politik verändern können, um den kommenden Nöten vorzubeugen.
ZEIT ONLINE: Sie forschen unter anderem darüber, wie der Staat Innovationen fördern und zugleich sicherstellen kann, auch an den Profiten beteiligt zu werden. Inwiefern ist dies relevant für die weltweite Wasserpolitik?
Mazzucato: Die Frage, wer zukunftsträchtige Techniken entwickelt und wer davon profitiert, ist meines Erachtens fundamental. Denn wie immer bei großen Umwälzungen – und das wird die Klimakrise für unseren Wasserzugang sein – ist sehr viel Geld und Einfluss im Spiel. Beides wird sich auf bestimmte Projekte konzentrieren: Auf die Speicherung von Wasser, um es in trockenen Zeiten nutzen zu können. Dann die Instandsetzung unserer Wasserinfrastruktur: Bislang verlieren wir durch marode Leitungen rund 40 Prozent des weltweit aufbereiteten Trinkwassers, meistens musste es zuvor aufwendig gereinigt werden. Das ist also ein enormer Verlust und eine dringliche Aufgabe. Dann birgt die Landwirtschaft große Potenziale, hier benötigen wir etwa innovative Bewässerungssysteme, die weniger Ressourcen verschwenden als bislang, aber auch neue Anbaumethoden. Und dann stellt sich noch eine Reihe bislang kaum beantworteter Fragen: Wie können wir Schmutzwasser sinnvoll recyceln? Wie kann die Industrie Wasser sparen?
ZEIT ONLINE: Sie haben in Ihren Arbeiten gezeigt, dass staatliche Einrichtungen viel besser sind als ihr Ruf und sie maßgeblicher an Innovationen, wie etwa dem Elektroauto, beteiligt sind, als es wahrgenommen wird. Sollten also bei diesen existenziellen Entwicklungen für die Wasserwirtschaft der Staat und auch staatliche Forscher federführend sein?
Mazzucato: Ich glaube, eine Zusammenarbeit von öffentlichen und privaten Akteuren könnte ein Weg sein – vorausgesetzt, wir knüpfen die Verträge an Konditionen, die für die Allgemeinheit gut sind. Wir müssen sichergehen, dass diese Verbindung symbiotisch und nicht parasitär ist, wie oft in der Medizin: Pfizer hat beispielsweise massiv von öffentlichen Investitionen profitiert, die Gewinne dann aber allein eingestrichen. Das müssen wir in der Wasserwirtschaft dringend verhindern. Es gibt genügend Beispiele, wo Privatisierungen dramatische Folgen für die Bevölkerung haben: Großbritannien etwa hat seine Wasserindustrie in den Achtziger- und Neunzigerjahren privatisiert, heute macht sie riesige Gewinne und nimmt zugleich sehr hohe Preise für den Liter Wasser.
ZEIT ONLINE: Was wäre ein positives Beispiel?
Mazzucato: Die US-amerikanische Umweltschutzbehörde vergibt zum Beispiel Geld an Bundesstaaten, um ihre öffentliche Versorgung zu verbessern, etwa um ihre Rohre zu erneuern und besser vor Naturkatastrophen zu schützen. So sorgt die Regierung in einem sehr liberalen Land für sauberes und für alle zugängliches Trinkwasser. Insgesamt fordern wir im Weltwasserbericht aber auch, dass wohlhabende und weniger vermögende Staaten in sogenannten Just Water Partnerships (JWPs) zusammenarbeiten, um Investitionen in Wasser zu fördern.