Vor zwei Jahren einigte sich die Weltgemeinschaft in Montréal auf ein weitreichendes Naturschutzabkommen. Die Kernziele: Ein Drittel aller Landflächen und Ozeane soll bis 2030 unter Schutz gestellt, ein Drittel der geschädigten Natur renaturiert werden. Nur, wie und wann wird das umgesetzt? Um die Details soll es in den kommenden zwei Wochen auf dem Weltnaturgipfel im kolumbianischen Cali gehen.
Worum geht es auf diesem Umweltgipfel?
Man könnte sagen, es geht um alles. Vom 21. Oktober bis zum 1. November treffen sich die Unterzeichnerstaaten des UN-Abkommens zur Biodiversität im kolumbianischen Cali. Verhandelt wird auf der United Nations Biodiversity Conference über den Schutz des Lebens auf der Erde, also die Natur in ihrer vollen Vielfalt. In der Biologie versteht man unter Biodiversität nicht nur die Artenvielfalt aller Tiere und Pflanzen, sondern auch die genetische Varianz, die Vielfalt an Ökosystemen und die zahlreichen Funktionen, die Lebewesen und Landschaften in der Natur einnehmen. Seien es Insekten, die Pflanzen bestäuben und damit für unsere Nahrung sorgen. Oder Moore, die als Feuchtlandschaften massenhaft abgestorbene Pflanzen und damit Kohlenstoff speichern, was fürs Weltklima entscheidend ist.
Derzeit erlebt der Planet das rasanteste Artensterben seit dem Massensterben in der Kreidezeit vor rund 65 Millionen Jahren. Nur, dass jetzt der Mensch den Verlust der Biodiversität zu verantworten hat. Weltweit wird derzeit mehr Natur zerstört als geschützt oder renaturiert: Diesen Trend aufzuhalten, ist das Ziel.
Worüber wird genau verhandelt?
Beim letzten Gipfel im Winter 2022 einigten sich die Vertragsstaaten nach einem Konferenzmarathon in Kanada kurz vor Weihnachten während eines Schneesturms auf einen Rahmenvertrag mit 23 Zielen, wie Biodiversität weltweit geschützt und wieder aufgebaut werden soll (hier zum Download als PDF). Offen sind mehrere konkrete Punkte zur Umsetzung und Finanzierung. Um die wird es nun auf dem Gipfel in Cali gehen.
Im Zentrum steht das wichtigste Ziel des Weltnaturabkommens, ein Drittel aller Landflächen und Ozeane auf dem Planeten unter Schutz zu stellen und so zu bewirtschaften, dass natürliche Ökosysteme und Wildnis dauerhaft erhalten bleiben. Dazu zählen der Schutz bestehender und die Einrichtung neuer Naturschutzgebiete, die Reform von Forst- und Landwirtschaft, nachhaltigere Formen der Viehhaltung und Fischerei sowie viele andere Maßnahmen für einen nachhaltigen Umgang mit den Ressourcen der Erde.
Wer kommt alles nach Cali?
Als man Anfang der Neunziger auf internationaler Bühne erkannte, welche katastrophalen Folgen der Verlust von Biodiversität hat und wie eng der Klimawandel und das Artensterben zusammenhängen, beschlossen 168 UN-Staaten die UN Convention on Biological Diversity, kurz UNCBD – ein Abkommen zum Schutz der ökologischen Vielfalt. Mittlerweile zählen 195 Staaten plus die Europäische Union zu den UN: Alle bis auf die USA haben das Abkommen ratifiziert, also unterzeichnet – und werden demnach in diesem Jahr in Cali mitverhandeln.
Was ist das Besondere an diesem Weltnaturgipfel?
Unter dem offiziellen Motto Peace with Nature wird in Cali ein Schwerpunkt darauf liegen, wie sehr Konflikte in der Welt mit dem Schutz von Biodiversität verwoben sind. Denn unter Forschenden ist unstrittig: Die Zerstörung der Natur befördert Kriege um Nahrung und Wasser, den Ausbruch von Pandemien und führt zu Fluchtbewegungen von Millionen Menschen – etwa aufgrund von Hungersnöten und Naturkatastrophen. Umgekehrt sind Umweltschutz und die Schonung von Ressourcen politisch und wirtschaftlich meist nur in Friedenszeiten durchsetzbar.
Wie gut wird das Biodiversitätsabkommen bisher umgesetzt?
Die einzelnen UN-Staaten sind sehr unterschiedlich weit, dieses wichtigste globale Naturschutzabkommen in nationale Gesetze und Maßnahmen umzusetzen. Ein Knackpunkt ist die Finanzierung: Nie zuvor hatten die Industriestaaten dem Globalen Süden so verbindlich Geld zum Schutz biologischer Vielfalt zugesprochen wie 2022 auf der COP15 in Montréal. Denn die Hotspots der Biodiversität – etwa die durch die Erderwärmung hochgefährdeten Korallenriffe, die letzten artenreichen Regenwälder der Erde oder vom Meeresanstieg bedrohte Mangrovenwälder – liegen überwiegend südlich des Äquators in weniger wohlhabenden Staaten, denen das Geld für mehr Naturschutz fehlt. Damit das Geld ankommt und für sinnvollen Klima- und Umweltschutz eingesetzt werden kann, wollen die Vereinten Nationen detailliert regeln, wie es gezahlt und sein Einsatz transparent gemacht wird. Ein kompliziertes Regelwerk dazu steht in Cali auf der Agenda.
Hat Deutschland seine Versprechen gehalten?
Die Antwort ist: Jein. Internationale Abkommen wie der Rahmenvertrag von Montréal werden in Deutschland in der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt (NBS) umgesetzt. Derzeit wird die NBS 2030 ausgearbeitet – mit 65 Zielen, die bis 2030, beziehungsweise 2050 umgesetzt werden sollen. Allerdings verzögert sich dieser Prozess. Was seine Naturschutzgebiete und die Renaturierung von Landschaften angeht, steht Deutschland im internationalen Vergleich recht gut da – wobei man bedenken muss: Deutschland besitzt kaum noch unberührte Natur. Schlechter als bei den Schutzgebieten sieht es mit einer nachhaltigeren Landwirtschaft, der Reduzierung von Pestiziden oder den klimaschädlichen Investitionen aus. Auch bei der Reduktion der Treibhausgase, die direkt mit dem Erhalt von Biodiversität zusammenhängt, erreicht Deutschland seine selbst gesteckten Ziele nicht.
Wie stehen die Vorzeichen für mehr globalen Naturschutz?
Generell herrscht nach einer Phase mit viel Einfluss der Fridays-for-Future-Bewegung und Aufmerksamkeit dafür, wie sehr die Klimafolgen als Flutkatastrophen, Dürren, Waldbrände und durch Hungersnöte immer spürbarer geworden sind, Katerstimmung im Umweltschutz. Das gilt für Deutschland wie weltweit: Nach der herausfordernden Coronapandemie und angesichts großer Kriege wie in der Ukraine oder in Gaza sind die Energiepreise und die Inflation vielerorts gestiegen. Die wachsende Angst vor mehr Migration, vor Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichem Abstieg hat zusammen mit populistischen Strömungen in einigen demokratischen Staaten einen Rechtsruck befördert – und das, obwohl Flüchtlingsbewegungen direkte oder indirekte Folgen von Naturzerstörung sind. Global wird weniger Geld für Klima- und Umweltschutz bereitgestellt als noch vor einigen Jahren. Gerade auch von Europa. Schwierige Bedingungen also für eine erfolgreiche Biodiversitätskonferenz.
Was kann so eine UN-Konferenz verändern?
Internationale Gipfel wie die COP16 haben keine rechtliche Verbindlichkeit für die Mitgliedsstaaten – einfach deshalb, weil die Vereinten Nationen ein freiwilliger Zusammenschluss sind, in dem jedes Land seine Souveränität behält. Es existiert kein internationales Gericht, das Verstöße gegen UN-Abkommen ahnden würde. Trotzdem ist es von großer politischer Bedeutung, was die Mitgliedstaaten auf solchen COPs beschließen. Denn das sind Verträge, auf die sich die Weltgemeinschaft einigt. In der Geschichte kam es schon häufiger vor, dass Staaten, die gerade Kriege gegeneinander führten, ihre diplomatischen Beziehungen abgebrochen hatten und politisch gegensätzliche Interessen verfolgten, sich auf UN-Ebene trotzdem auf etwas Größeres einigen konnten: sei es zum Schutz des Klimas, der Natur oder der Menschenrechte. Was dort beschlossen wird, hat also Strahlkraft. Im eigenen Land und auf internationaler Bühne müssen sich die Mitglieder an dem messen lassen, was sie vor der Weltöffentlichkeit versprochen haben.
Wird die COP16 in Cali eine spannende Konferenz?
Es ist wie im Sport: Je tiefer man einsteigt und je besser man Mannschaften, Regeln und Spielerinnen kennt, desto intensiver lässt sich mitfiebern. Auch eine COP steckt voller Emotionen: 2022 in Montréal schaffte die Gemeinschaft der indigenen Völker den historischen Schritt, ihre Rechte in einem UN-Abkommen zu verankern. Ein kleiner Sieg von David gegen Goliath.
Ebenfalls in die Geschichtsbücher eingehen wird die Aufnahme von "Gender Equality" und damit der Frauenrechte als einen festen Bestandteil des Biodiversitätsabkommens. Nie zuvor war die Gleichberechtigung auf so hoher Ebene von 196 Staaten der Erde anerkannt worden. In dem Moment, als die Weltgemeinschaft knapp dafür abstimmte, schossen der Konferenzvorsitzenden in Montréal vor Rührung Tränen in die Augen. Emotional wurde es ebenfalls, als COP15-Gäste aus der Karibik wenige Tage vor Weihnachten vor den Toren der kanadischen Kongresshalle zum ersten Mal im Leben Schnee erlebten. Im eisigen Blizzard tanzten viele vor Freude im Neuschnee, bauten Schneemänner und schickten Fotos nach Hause. Heißer und feuchter wird es diesmal in Cali – offiziell Santiago de Cali.
Und was ist Cali für eine Stadt?
In der kolumbianischen Stadt mit rund 2,4 Millionen Einwohnern ragen Wolkenkratzer auf rund 1.000 Höhenmetern aus den Resten des tropischen Regenwaldes hervor. Die Stadt im Landesinneren in Kolumbiens Westen wurde 1536 dort gegründet, wo die Flüsse Cali und Cauca zusammenfließen. Damit zählt sie zu den ältesten Städten auf dem amerikanischen Kontinent. Sie liegt in der Provinz Valle de Cauca, einer der heute ärmsten Regionen Kolumbiens. Das rasante Artensterben, die Abholzung von Wäldern, die wachsende Verschmutzung von Gewässern und eine umweltschädliche Viehhaltung und Landwirtschaft: Cali ist eine Stadt, in der all das täglich sichtbar ist. Hinzu kommen Probleme mit Drogenkriminalität und eine insgesamt unruhige politische Lage.
Gibt es in Cali noch unberührten Regenwald?
Wer sich aus dem von Soldaten in Panzern bewachten Kongresszentrum traut,
kann etwa im nahegelegenen Nationalpark in den Felslandschaften vor der Stadt,
den Farallones de Cali, noch Reste des artenreichen Regenwaldes erleben, für
den Kolumbien berühmt ist. Schillernde Kolibris sind nur eine der dort
heimischen rund 2.000 Vogelarten, von denen einige nur hier leben, also
endemisch sind. Seltene Geckos und Frösche und sogar die gefährdeten
Brillenbären finden sich hier noch: Vor den Grenzen der Gastgeberstadt des
Gipfels zeigt sich, wofür es sich auf der Konferenz zu kämpfen lohnt.
Hören Sie unsere Wissen-Chefreporterin im Podcast "Was jetzt?" zum Weltnaturgipfel in Cali. Lesen Sie hier mehr zur Biodiversität und Aktuelles von der COP16.
Korrekturhinweis: In einer früheren Version des Textes hieß es, die Konferenz ginge bis zum 11. November. Wir haben den Fehler korrigiert.