Auf japanisch heißt "Shi" Finger und "Atsu" Druck. "Shiatsu" ist eine japanische Variante der Akupressur, bei der durch Druckmassage rund 100 Körperpunkte aktiviert werden. "Ich versuche, durch sanfte Berührungen das Ki dazu einzuladen, wieder ungehemmt durch den Körpers zu fließen", sagt Alena Maria Schneider, Leiterin des Hamburger "Frühlingsgartens", ein Studio für Taiji, QiGong und Shiatsu.

Ki - so nennen Chinesen und Japaner die menschliche Lebensenergie. Nur wenn dieses ungestört durch den Körper strömt, sind nach ihrer Vorstellung Körper, Seele und Geist im Einklang. "Dabei geht es nicht um ein oberflächliches Wohlfühl-Gefühl, sondern um eine ehrliche Entwicklung – ein echtes zu sich selbst finden", sagt Schneider. Bei einer Shiatsu-Behandlung liegt der Patient meist in Rückenlage auf dem Boden. Der Therapeut legt seine Hand auf bestimmte Körperstellen und erspürt Energieblockaden. Im Gegensatz zur Akupressur berührt er nicht einzelne Punkte, sondern versucht, durch Pressen, Klopfen, Drücken oder Streicheln, die sogenannten Meridiane gezielt zu stimulieren und Blockaden des Ki aufzulösen. Die Vorstellung von unsichtbaren Meridianen stammt aus der Traditionellen Chinesischen Medizin. Die unter der Haut verlaufenden Bahnen bilden ein kompliziertes energetisches System, durch das die Organe und Drüsen unseres Körpers miteinander in Verbindung stehen und den freien Fluss des Kis ermöglichen.


Zwar gibt es nach den Kriterien der westlichen Wissenschaft keinen eindeutigen Beweis für die Existenz von Meridianen, doch viele Mediziner sind überzeugt, dass Shiatsu und Akupressur eine heilende Wirkung haben können. "Die westlichen Mediziner denken viel zu materiell – besonders in der Schmerztherapie", sagt Doktor Beate Ingenabel, Dozentin für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) an der Universität Witten/Herdecke. "Wenn etwas weh tut, gibt man ein Medikament oder die entsprechende Stelle wird operiert. Später wundert man sich, wenn der Patient immer noch da sitzt und Schmerzen hat." Bereits seit 20 Jahren beschäftigt sich Ingenabe mit der traditionellen chinesischen Medizin. "Heute wende ich TCM parallel zu herkömmlichen Behandlungsmethoden an. Obwohl es keine wissenschaftlichen Untersuchungen zur Wirksamkeit von Shiatsu in der Schmerztherapie gibt, hatte ich schon zahlreiche Patienten, die durch chinesische Heilslehren wie Akupressur oder Shiatsu Linderung erfahren haben." Dennoch wird Shiatsu in kaum einer medizinischen Einrichtung angeboten. Die Gründe: hohe Kosten, Zeitmangel und eine gute Portion Skepsis. "Es fällt schwer zu glauben, dass ein bisschen Fingerdruck wirklich Schmerzen beseitigen kann", sagt Beate Ingenabel. Und auch die Krankenkassen sind skeptisch und weigern sich, die Kosten für Shiatsu, immerhin 30 bis 50 Euro pro Sitzung, zu übernehmen.


Im Wellness-Bereich jedoch boomt Shiatsu trotz der hohen Preise. Deutschlandweit gibt es mittlerweile 13 anerkannte Shiatsu-Schulen, die in drei Jahren und für rund 4500 Euro zum Diplom führen. "Ein Drittel unserer Absolventen arbeitet später hauptberuflich und kommt damit gut über die Runden", sagt Edith Storch, Leiterin des Shiatsu-Zentrums in Berlin.

Und warum ist Shiatsu so beliebt? "Unser Arbeitsalltag ist häufig kopflastig und hektisch. Körper und Gefühl werden dabei oft vergessen. Shiatsu bietet da einen guten Ausgleich", sagt Storch. Sich verwöhnen lassen, wahrnehmen wie sich langsam eine wohlige Wärme in den einzelnen Körperteilen ausbreitet und letztendlich das Gefühl der Aufmerksamkeit genießen. Nichts tun, wenn die Verspannung im Nacken oder der Krampf in der Wade sich bemerkbar machen. Loslassen und vertrauen, dass die Hand des Therapeuten weiß, welche Berührungen gut tun.