Eine Kaffeebestellung

"Einen stinknormalen Kaffee, bitte!"

… grummelt der junge Mann am Anfang der Schlange. Angriffslustig mustert er die Bedienung hinter dem Tresen. Die lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. "Tageskaffee oder verlängerter Espresso?" fragt sie höflich. "Mir wurscht, wie das alles heißt. Einen Kaffee!" - Mit stoischer Miene gießt die - Studentin? Verkannte Künstlerin? Derzeit engagementlose Schauspielerin? - schwarzen Kaffee aus einer Thermoskanne in die Tasse und stellt sie dem Sonderling hin. "Mit Milch!", verlangt der empört. Die Bedienung streicht sich in Zeitlupe eine Haarsträhne aus der Stirn und rollt genervt mit den Augen, während sie eine neue Milchpackung öffnet. Fieberhaft studiere ich die vier Quadratmeter große Karte an der Wand, um meine Bestellung möglichst schnell und einfach über die Bühne zu bringen.

Eine Kaffeebestellung

Coffee-Shops gibt es ja mittlerweile an jeder Ecke. Wann hat es begonnen? Und wann wurde auch ich infiziert und hole seither meinen Milchkaffee ab, anstatt ihn, gemütlich an einem Kaffeehaustisch sitzend, bei der Zeitungslektüre zu schlürfen? Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, mehr zu genießen und nichts mehr auf die Schnelle zu machen. Essen, trinken - leben. Und bin doch wieder hier, in der Schlange, gelandet. Jetzt habe ich tatsächlich vergessen, was ich trinken wollte.
Kaffee, ja - Koffein brauche ich. Espresso? Cappuccino? Frappuccico? Cafe Latte? Latte Macchiato … ? So viele Namen und Variationen von einzelnen Getränken werden dort angepriesen. Will ich vielleicht einen Extra Shot? Einen Aromasirup in den Kaffee? Oder doch lieber eine heiße Schokolade - Hilfe!

Die Grazie mit Heidi Klum-Pony vor mir haucht: "Eine entkoffeinierten Latte Macchiato mit fettreduzierter Sojamilch, bitte, schön heiß mit wenig Schaum. To go - ach ja, machst Du noch Cinnamonaroma rein …" To Go, klar - wir sind ja wichtig unterwegs, heute. Auf dem Weg zur Drehbuchbesprechung noch schnell einen Kaffee herunterstürzen und dann los. Kaffee. Mir wird langsam schwindelig. Eine Latte Macchiato zu bestellen finde ich fast schon wieder peinlich, die Anglizismen, die in der Größenordnung von small, medium und large an Mc Donald`s erinnern machen mich wütend und Cinnamon oder Almond zu bestellen finde ich genauso albern, wie die Aromen ins Deutsche zu übersetzen.

Oh nein, gleich bin ich dran und habe noch immer keinen Schimmer. Espresso Macchiato wäre doch was, oder soll ich doch lieber eine Ice Latte nehmen? Und wer zur Hölle will Chai, einen klebrigsüßen Sirup aus Teekonzentrat? Vor zu viel Milch graust mir, seit ein Bekannter die These aufgestellt hat, wir würden alle deshalb nicht erwachsen, weil wir ständig an diesen To Go-Schnabeltassen voller Kaffeemilch herumnuckeln. Man stelle sich vor: die ganze Retro Welle von 70er Jahre Sport-Fashion über Bundeswehr Parka, "Drei ???"-Lesungen, Rollschuhe, bunte Haarspangen und die Gründung von Zeitschriften für die, die "eigentlich erwachsen werden sollten", läge einzig und allein in unserem Milchkonsum und frühkindlichen Trinkverhalten begründet. Ganz zu Schweigen von dieser neuen Hipp-Werbung in der eine Mittzwanzigjährige ein Breiglas auslöffelt.
"Werde Protestfilterkaffeetrinker! Kampf der Lattemacchiatisierung!" brüllt eine heisere, pubertäre Stimme laut in meinem Hirn - "Endlich einmal wieder gegen den Strom schwimmen! Dagegen!"

"Was kriegst Du?", reißt mich eine freundliche Stimme aus meinen revolutionären Kaffeeträumen. "Einen stinknormalen Kaffee, bitte!" höre ich mich grummeln.